Armut ist oft weiblich

Sie steht morgens um fünf Uhr auf, noch bevor die Sonne am Horizont zu sehen ist. Sie hat nur wenige Augenblicke für sich selbst. Sie ist Mädchen, aber auch Frau, eine Kindbraut, eine „Teenager-Mutter“, die für Essen und Haushalt zuständig ist. Sie ist gerade mal 15.

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Deutschlands sexuelle Trägodie

Wie die sexuelle Verwahrlosung von Kindern um sich greift

Von Marie Wildermann


„Deutschlands sexuelle Tragödie“ – so der Titel des jüngsten Buches von ARCHE-Gründer Bernd Siggelkow und Pressesprecher Wolfgang Büscher. Das Buch hat im Spätsommer dieses Jahres die deutsche Öffentlichkeit schockiert. In allen großen Medien wurde über die Ursachen und Folgen der zunehmenden sexuellen Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland diskutiert.

Mütter, die im Beisein ihrer sieben- und achtjährigen Kinder Pornovideos gucken, 11-jährige Mädchen, die mit ihren gleichaltrigen Freunden Sex im Kinderzimmer haben, aber nicht heimlich, sondern mit Billigung der Eltern, oft sogar ermutigt von den Müttern! Dreizehnjährige, die mit den Müttern der Freunde schlafen und Alleinerziehende mit fünf Kindern von fünf verschiedenen Männern, die stolz darauf sind, wenn die pubertierenden Söhne mit zwölf das erste Mal Sex haben und jedes Wochenende ein neues Mädchen mit nach Hause bringen. „Wieso? Ist doch nur Sex!“ – so ein häufiger Kommentar. Keines der befragten Kinder lebt mit dem leiblichen Vater zusammen. Die Väter machen sich, meist wenn die Kinder noch klein sind, aus dem Staub, die Stiefväter geben sich die Klinke in die Hand. Das Buch „Deutschlands sexuelle Tragödie“ gibt einen Einblick in schier unfassbare Familienverhältnisse. Und warnt. Denn die Kosten für die Gesellschaft sind nicht nur in moralischer Hinsicht enorm, auch die Sozialkassen werden in Zukunft immer stärker mit den Folgen der sexuellen Verrohung von Kindern und Jugendlichen konfrontiert.

Beziehungsunfähig


Diese Kinder lernen nicht, Verantwortung zu übernehmen. Fast alle Kinder und Jugendlichen, die in diesem Buch porträtiert werden, haben ungeschützten Sex. Für Schwangerschaften, die entstehen, fühlen sich die Jungs nicht zuständig. Schnellen Sex für die eigene Befriedigung, Sex als Sport und Freizeitbeschäftigung. Die meisten, oft sehr jungen Mütter erkennen nicht einmal, wie sehr sie ihren Kindern schaden. Und dass die sexuelle Freizügigkeit, das kurzfristige Vergnügen, sie für ihr Leben bindungsunfähig macht. Die meisten leben von Hartz IV, in engen Wohnungen, Schule und Bildung haben nur einen geringen Stellenwert, die meisten schaffen kaum den Hauptschulabschluss. Dass Disziplin, Ehrgeiz und Anstrengung sich lohnen, haben diese Kinder nie erfahren.

Homeparties


An den Wochenenden veranstalten die Jugendlichen, die sich den Besuch in den Clubs nicht leisten können, Homeparties mit Alkohol, Drogen und Sexorgien. Die Biografien, die Siggelkow und Büscher beschreiben, sind extreme Beispiele extremer Verwahrlosung. Dreißig Schicksale von insgesamt 80 Jugendlichen aus dem Umkreis der Arche in Berlin haben sie aufgeschrieben. Schon am Tag des Erscheinens des Buches wurde heftig debattiert, wie repräsentativ das sei, was die beiden Autoren zusammengetragen haben.

Randgruppen


Der Bund der Katholischen Jugend warnte etwa davor, die Biografien von einigen Jugendlichen aus asozialen Verhältnissen in Berlin-Hellersdorf zu verallgemeinern. Auch der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit sah „keine Tendenz zu einer sexuellen Verrohung von Minderjährigen“, wie der Berliner Tagesspiegel im September berichtete. Ganz anders sieht das der Bonner Theologe, Soziologe und Leiter des Instituts für Lebens- und Familienwissenschaften Thomas Schirrmacher: „Das Ganze ist längst kein reines Unterschichtproblem mehr“. Die Unterschicht könne nur die Probleme viel schlechter kaschieren, weil das nötige Geld fehle. Durch Geld würden so manche Folgen „abgefedert“, weiß Schirrmacher, der sich im Rahmen seiner Publikationen „Internetpornografie“ und „Ausverkaufte Würde“ ausführlich mit diesem Thema befasst hat.

„Voll Porno“

„Vor zweieinhalb Jahren“ erzählt Bernd Siggelkow „bekam ich ganz viele Informationen von Jugendlichen, wie ihr Sexualleben aussieht und welche Probleme sie in diesem Bereich haben.“ Was er hörte, war erschütternd, und der Pastor wusste nicht, wie er es einordnen sollte. Bis ein Reporter sich bei ihm meldete. „Walter Wüllenweber vom Stern recherchierte genau zu diesem gleichen Problem“, erzählt Siggelkow, „weil er in Essen und in anderen Städten festgestellt hatte, da sind viele Sozialarbeiter, die haben mit dem gleichen Problem zu tun. Dann kam dieser Bericht ,Voll Porno‘ im Stern heraus, und zum ersten Mal wurde ganz deutlich, welcher sexuellen Katastrophe wir entgegengehen mit unseren Kindern.“

Mangel an Liebe


Bernd Siggelkow, der neben seiner Verantwortung für über 1.000 Arche- Kinder, selbst eine große Familie hat – er und seine Frau ziehen gemeinsam sechs eigene Kinder groß – will mit seinem Buch vor allem eine Diskussion in Gang bringen und wissenschaftliche Studien anregen, um verlässliche Zahlen zu bekommen für sozialpolitisches Handeln. Siggelkow vermutet: „Die sexuelle Verwahrlosung über die wir reden, betrifft nicht nur Kinder aus der sogenannten Unterschicht, sondern ganz allgemein jene, die zu Hause keine Wärme und Liebe erfahren, die unter emotionaler Armut leiden.“ Und das dürften in unserer kinderfeindlichen Gesellschaft eine Menge sein. Kinder, die im Elternhaus keinen Schutz erfahren, sollten zumindest von der Gesellschaft und Politik geschützt werden. Doch auch das sei längst nicht mehr garantiert.

Pornografisierung


Die Pornografisierung hat längst alle Bereiche der Gesellschaft erfasst. Mode, Musik, Medien, vor allem das Internet. Jugendliche haben im Netz unbegrenzten Zugang zu jeder Art von Pornografie und Perversion, und die Idole jugendlicher Musikkultur besingen in Hip-Hop und Rap-Songs Sex, Gewalt und Drogen. Siggelkow und Büscher haben eine breite Debatte über Medien und Jugendschutz ausgelöst. Mittlerweile wird ein strikteres strafrechtliches Vorgehen gegen den unbegrenzten Zugang Jugendlicher zu Pornografie gefordert. Doch Gesetze allein werden die Situation nicht ändern können, es muss eine Bewusstseinswandlung in der Gesellschaft stattfinden. Und es muss mehr in Bildung, Berufsausbildung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen investiert werden. Doch von staatlicher Seite bekommt beispielsweise die Arche keinen Cent und kann auch zukünftig nicht damit rechnen. Sie setzt daher auf die Wirtschaft und auf private Unterstützung.

Hilfe von Unternehmen

Finanzkräftige Unternehmen spenden der Arche, weil sie das Argument überzeugt, dass „die vernachlässigten Kinder von heute die Sozialfälle von morgen sind“, so der Journalist und PR-Fachmann Wolfgang Büscher, der die Öffentlichkeitsarbeit der Arche so professionalisiert hat, dass sie zu den effektivsten im kirchlichen und Nonprofit- Bereich gehört. Aber seine Strategien sind nicht völlig unumstritten. Als die Arche der Bild-Zeitung erlaubte, das Buch vorab zu drucken, gab es auch kritische Stimmen: Ausgerechnet das Haupt-Boulevardblatt, das selbst zur Pornografisierung der Gesellschaft beitrage, entrüste sich jetzt über eine unmoralische Jugend und kalkuliere gleich wieder – auch bei diesem Thema – ein voyeuristisches Interesse der Leserschaft ein.

Keine Planungssicherheit

2,5 Millionen Euro jährlich braucht die Arche mit ihren inzwischen 65 fest angestellten Mitarbeitern an vier Standorten in Hamburg, Berlin, Potsdam und München. Ein großer Teil der Spender seien aber nach wie vor Privatpersonen aus dem gesamten Bundesgebiet, sagt Arche-Gründer Siggelkow, und das biete auch eine gewisse Sicherheit. Sich ganz abhängig zu machen von Unternehmensspenden sei zu riskant. „Manche spenden zwar 50.000 Euro, aber wenn die mal ausfallen, dann hat man natürlich gleich eine große Deckungslücke“, sagt der Pastor, der seine frühere kaufmännische Ausbildung hier gut gebrauchen kann. Wirkliche Planungssicherheit hat die Arche also nach wie vor nicht. Dennoch beschäftigt sie viele Mitarbeiter mit festen Verträgen.

Verlässliche Ansprechpartner

Die Kinder brauchen verlässliche Ansprechpartner, damit sich gesunde Beziehungen aufbauen können. Denn gerade das sei das Defizit in den Familien. Darüber hinaus bieten die Arche-Mitarbeiter eine ganze Palette von Jugendhilfemaßnahmen an. Neben Nachmittagsbetreuung, Hausaufgabenhilfe und Arbeitsvermittlung auch Kinderbetreuung und Elternseminare. Ob die Kinder, die in die Arche kommen, sich bekehren, fragen ihn immer wieder Christen. Er antworte dann, dass es zunächst mal um das Elementarste überhaupt gehe: gesunde Beziehungen aufbauen, den Kindern und Jugendlichen Hilfestellung geben, christliche Werte vermitteln.

Aufgewachsen auf St. Pauli

Bernd Siggelkow kennt die Befindlichkeiten der Kinder, die in die Arche kommen. Er selbst ist in Hamburg auf St. Pauli aufgewachsen, seine Mutter verließ die Familie, als er sechs Jahre alt war. „Bei uns war das ganze Leben Existenzkampf“, sagt Siggelkow rückblickend, „es gab keine Liebe. Irgendwann lernte ich die Heilsarmee kennen und da fragte man mich, ob ich wüsste, dass es jemanden gibt, der mich liebt, und ich wusste es nicht.“ Mit sechzehn hat er sich dann bekehrt. „Was ich in meiner Nachbarschaft erlebt hab, war Pornografie, waren Prostituierte, waren Drogenabhängige, waren Alkoholiker, und mir war klar als Kind: Das wollte ich niemals sein, denn die haben keine Erfüllung in ihrem Leben gefunden.“

Tabubruch


Siggelkow hat Erfüllung gefunden mit der Arche-Arbeit und seinem Dienst an so vielen Kindern, denen er zum Segen wird. Darüber hinaus gibt er wichtige Impulse in die Gesellschaft, so auch mit dem neuen Buch, mit dem er ein Tabu bricht – das Tabu, über die Folgen sexueller Freizügigkeit zu sprechen. Die sind inzwischen schon so dramatisch, dass „es längst keine spezielle christliche Ethik mehr braucht, um zu erkennen, dass hier Menschen dringend Hilfe brauchen“, wie Thomas Schirrmacher im Vorwort des Buches schreibt.

Marie Wildermann ist Autorin für ARD-Hörfunksender mit den Schwerpunktthemen Christentum und Islam.


Ausgabe: November 2008