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Zehn Jahre nach 9/11
Wie die Anschläge vom 11. September 2001 unsere Gesellschaft verändert haben
Von Carsten Polanz
Passagierflugzeuge, die in die Zwillingstürme des World Trade Centers krachen, riesige Rauch- und Staubwolken in den Straßen, verzweifelte Schreie umherirrender Menschen, herabstürzende Trümmer und Büroangestellte, die sich in panischer Angst aus dem Fenster stürzen – das sind Eindrücke, die man nicht vergessen kann und die schon fast einen apokalyptischen Charakter haben. Wochenlang dominierten die Bilder der zusammenbrechenden Zwillingstürme die weltweite Medienlandschaft. Der 11. September 2001 markiert einen tiefen Einschnitt. In vielen Bereichen des Alltags, in Politik und Gesellschaft hat er tiefe Spuren hinterlassen. Zugleich steht der 11.9. für die bis heute andauernde Herausforderung der westlichen Gesellschaften durch den Islamismus.
Die Motivation der Attentäter
Der inzwischen getötete al-Qaida-Chef Osama bin Laden lobte nach den Anschlägen den „Allmächtigen“ dafür, dass er die Vereinigten Staaten „an ihrer verwundbarsten Stelle“ getroffen, „ihre größten Gebäude zerstört“ und sie „in Angst und Schrecken versetzt“ habe „von Nord bis Süd, von Ost bis West“. Während viele muslimische Geistliche gegenüber westlichen Medien die Anschläge scharf verurteilten, gab es an manchen Orten der islamischen Welt auch Jubel und Genugtuung darüber, dass endlich mal jemand die „arrogant“ und „selbstherrlich auftretende“ Supermacht Amerika gedemütigt habe. Was veranlasst Menschen dazu, sich im Namen Gottes selbst zu töten und dabei noch zahlreiche unschuldige Menschen mit in den Tod zu reißen? Das fragten sich viele Menschen angesichts der Grausamkeit der Anschläge. Mohammad Atta, einer der Attentäter, schrieb in einer Art spiritueller Anleitung für seine Mittäter: „Sei stark und glücklich mit geöffnetem Herzen und Zuversicht, denn du tust Arbeit, die gottgefällig ist und die er segnet … und deine Tat wird durch Gottes Willen befürwortet.“ Sowohl vor als auch nach dem 11.9. haben sich zahlreiche weitere muslimische Selbstmordattentäter in und außerhalb der islamischen Welt mit derselben Motivation in die Luft gejagt. Sie sehen sich in einem universalen Kampf gegen die Ungläubigen und Feinde ihrer Religion. Dabei verweisen sie auf Koranstellen wie Sure 9,111 und erhoffen sich, durch ihren „Tod im Kampf für Gott“ direkt ins Paradies zu kommen. Sie wollen damit der Ungewissheit entgehen, ob ihre guten Werke am Tag des Gerichts ihre Sünden und Versäumnisse aufwiegen können und Gott sie belohnen oder bestrafen wird. Bezeichnenderweise waren Atta und Co. vor ihrem Anschlag gegen das „gottlose“ und „unmoralische“ Amerika immer wieder in Bars und Nachtclubs gesehen worden, wo sie ihr Geld für Alkohol und die Dienste von Prostituierten ausgegeben hatten. Ihr Selbstmordattentat galt für sie als Ticket zum Paradies.
Die Sorge vor dem „Clash of Civilisations“
Nicht nur für die Attentäter, auch für viele Nicht-Muslime in westlichen Gesellschaften wurde der 11.9. zum Symbol für einen „Kampf der Kulturen“. Im Westen setzte man sich nun verstärkt mit dem Islam auseinander. Auch in Deutschland schienen viele die starke Präsenz von Muslimen erst nach den Ereignissen des 11.9. richtig wahrzunehmen. Plötzlich interessierte man sich stärker für das, was Türken, Libanesen, Iraker und Marokkaner von nebenan denken und glauben, welche Traditionen und Werte sie aus ihren Heimatländern mitgebracht haben. Dabei war man vor allem erschrocken darüber, dass einige der Attentäter über Jahre als Studenten völlig unauffällig in einer Großstadt wie Hamburg gelebt hatten, bevor sie über Nacht zu weltbekannten Terroristen wurden. Das führte bei manchen zu einer tiefen Unsicherheit und einer Angst vor möglichen „Schläfern“ in der eigenen Nachbarschaft. Zugleich nahm das Interesse an den politischen und gesellschaftlichen Zuständen in der islamischen Welt zu. Man beschäftigte sich fortan auch intensiver mit der Menschenrechtssituation in islamischen Gesellschaften, vor allem der fehlenden Meinungs- und Glaubensfreiheit sowie der Diskriminierung der Frau. Die „Scharia“ – das islamische Recht – ist dabei zu einem Synonym für den totalitären Anspruch der Islamisten geworden, das gesamte persönliche und öffentliche Leben nach den Maßgaben ihrer Religionsauslegung zu gestalten.
Gleichgültigkeit im Dialog
Der 11.9. wirkte sich auch auf die Integrationsdebatte in Deutschland aus. Die Multikulti-Euphorie in manchen Teilen der Gesellschaft ließ in den folgenden Jahren spürbar nach. Man wurde sich bewusst, dass ein friedliches Zusammenleben zwischen den Religionen und Kulturen kein Selbstläufer ist. Muslime reagierten ihrerseits auf die zunehmenden Nachfragen. Sie präsentierten vor allem im Internet ihre eigene Religion als friedliebend und tolerant und jeglichen Terror im Namen des Islam als schrecklichen Missbrauch der „wahren Religion“. Beim Jihad – dem „Heiligen Krieg“ – gehe es vor allem um den Einsatz für den Frieden, den Kampf gegen die eigenen niederen Instinkte und gegen die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft. Vertreter der verschiedenen Religionen suchten verstärkt den Dialog und betonten nach dem 11.9. ganz bewusst die Gemeinsamkeiten der „abrahamitischen Religionen“. Dialogtreffen gerieten dabei jedoch allzu oft zu Schauveranstaltungen. Gerade Vertreter der beiden großen christlichen Konfessionen verwechselten dabei häufig Toleranz mit Gleichgültigkeit und scheuten sich im Gespräch mit Muslimen, auf zentrale Unterschiede im Gottes- und Menschenbild einzugehen.
Das politische Erbe des Islam
So wurden auch Schlüsselfragen der Integration wie die Trennung von Staat und Religion im Dialog in der Regel ausgeklammert. Bereits Muhammad vereinte als islamischer Prophet religiöse und politische Herrschaft in seiner Person. Der sogenannte Islamismus ist daher aus Sicht seiner Anhänger lediglich die Rückbesinnung auf die Quellen und Wurzeln ihrer Religion. Liberal und gemäßigt eingestellte Muslime haben es folglich schwer, für eine Trennung von Staat und Religion zu argumentieren. In ihren Heimatländern werden sie bis heute häufig als Häretiker oder Apostaten verfolgt und mit dem Tod bedroht. Aus Sicht der Islamisten haben sie den „wahren Islam“ und die angebliche Überlegenheit der muslimischen Gemeinschaft verraten. Eine Demokratie, die sich nicht mehr den Geboten der Scharia verpflichtet sieht, ist für sie undenkbar. Hier liegt die große Herausforderung der nächsten Jahre. Integration kann hierzulande nur dort gelingen, wo sich muslimische Verbände und Vereine grundsätzlich von einem politischen Herrschaftsanspruch ihrer Religion lösen und die Garantie von Menschenrechten nicht mehr an die Einhaltung von Scharia-Normen knüpfen. Wo sie dies nicht tun, stellt ihr Bekenntnis zum Grundgesetz nur eine taktische und vorübergehende Akzeptanz der derzeitigen politischen Gegebenheiten dar. Auf diese Weise bereiten sie mit ihrem Scharia-Islam den ideologischen Nährboden für militante Gruppierungen.
Das Radikalisierungspotenzial
Sicherheitsbehörden richten daher ihre Aufmerksamkeit seit dem 11.9. verstärkt auf die Einflüsse, die vor allem in Koranschulen und Hinterhofmoscheen auf junge Muslime ausgeübt werden. Sie warnen vor dem Phänomen des sogenannten „Homegrown“-Terrorismus, also der Radikalisierung junger Menschen, die in der westlichen Welt aufgewachsen sind. In einer Studie für das Bundesinnenministerium erkannten die Kriminologen Katrin Brettfeld und Peter Wetzels 2007 ein Radikalisierungspotenzial bei jedem Zehnten Muslim in Deutschland. Unter den jugendlichen Migranten liegt die Zahl sogar bei knapp 30 Prozent. Viele von ihnen leben in einer großen Zerrissenheit zwischen ihrer traditionell-religiösen Herkunftskultur und den Freiheiten der modernen pluralistischen Gesellschaft. Die westliche Beliebigkeit in Sinn- und Wertefragen stößt viele ab. Sie suchen ihre Identität, häufig auch klare Orientierung, in der Fülle der Angebote und wollen eine Gemeinschaft, in der sie anerkannt und gebraucht werden. Hier setzen die islamistischen und jihadistischen Gruppen an und werben mit entsprechenden Angeboten um ihre Klientel: eine klar umrissene islamische Identität, eine verschworene Gemeinschaft mit einem ausgeprägten Überlegenheitsanspruch gegenüber der „ungläubigen“ und „unmoralischen“ westlichen Gesellschaft, strikte Verhaltensgebote und einen eigenen Platz im großen „Projekt“ des Jihad. Zugleich werden die eigenen Ängste, Versäumnisse und Unzulänglichkeiten auf die westlichen Gesellschaften projiziert und die Isolation der Betroffenen dadurch noch verstärkt. Der Einfluss dieser Ideologie beschränkt sich dabei nicht nur auf Migranten. Auch junge Deutsche, zum Islam konvertiert, sympathisieren häufig mit dem politischen und militanten Islam. Einige von ihnen haben sich sogar in den letzten Jahren in afghanischen und pakistanischen Terrorcamps ausbilden lassen.
Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit
Die verschärften Sicherheitskontrollen an Flughäfen und die Vorratsdatenspeicherung stehen beispielhaft für eine neue Sicherheitspolitik nach dem 11.9. Im Namen der Terrorbekämpfung wurden in den letzten zehn Jahren in westlichen Ländern umfangreiche Sicherheitspakete verabschiedet, die dem Staat zum Teil weitreichende Befugnisse geben, in die Freiheiten und die Privatsphäre seiner Bürger einzugreifen. Befürworter dieser Politik sehen in der erfolgreichen Zerschlagung von Terrorzellen wie der „Sauerland-Gruppe“ eine Bestätigung dieser Politik. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International beklagen dagegen eine „Politik der Angst“, die Furcht vor Terrorismus und unkontrollierter Zuwanderung schüre, Misstrauen vertiefe und rechtsstaatliche Grundsätze aushöhle. Menschenrechte würden zunehmend aus sicherheitspolitischen Interessen zurückgestellt. Die zweifellos andauernde Gefahr des islamistischen Terrorismus stellt uns damit auch vor die Frage, wie viel Freiheit wir bereit sind für die Sicherheit aufzugeben.
Die Verantwortung der Christen
Die Herausforderungen der mit dem 11.9. verbundenen Entwicklungen sind groß. Gerade Christen sind gefragt, trotz aller bedrückenden Entwicklungen mutig und offen auf Muslime in ihrem Umfeld zuzugehen und Pauschalverurteilungen zu widerstehen. Viele Muslime in unserem Land beklagen die zahlreichen Gewaltakte im Namen des Islam. Sie bedauern die politische Instabilität und Unterdrückung unter den korrupten Diktatoren in ihren Heimatländern und wünschen sich mehr Freiheiten im Zuge der aktuellen Aufstände. Viele schätzen die umfassenden Rechte und Freiheiten, die sie in Deutschland genießen. Aber gerade die jungen Menschen unter ihnen stellen der Mehrheitsgesellschaft und insbesondere auch den Christen direkt oder indirekt die Frage, wie man mit dieser großen Freiheit richtig umgehen kann, was dem Leben Sinn gibt, nach welchen Maßstäben man leben und Beziehungen gestalten kann. Bleibt die Gesellschaft ihnen diese Antwort schuldig, werden andere versuchen, dieses Vakuum zu füllen. Aus dieser Perspektive könnte man sogar der Einschätzung zustimmen, dass das größte Problem in der westlichen Welt derzeit nicht der radikale Islam, sondern das laue, nominelle Christentum ist.
Carsten Polanz ist Islamwissenschaftler in Bonn.
Ausgabe: Herbst 2011

