Auf eine Minute

Vor einiger Zeit las ich eine interessante Geschichte, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: Ein Mechaniker wurde gerufen, um den Mechanismus eines riesigen Teleskops zu reparieren.

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Aus Tränen werden Sterne

Warum Nachfolger Christi das Leid nicht scheuen sollten

Von Ajith Fernando


„Leiden für das Evangelium“ – so nennt der Apostel Paulus die bewusste Teilnahme am Leiden Christi für das Leben und Heil der Menschen. Im Brief an die Kolosser betrachtet er es sogar als Privileg: „Ich freue mich, wenn ich für euch leiden darf …“. Doch Leiden für Gottes Sache als Privileg anzusehen, entspricht im Grunde nicht unserer menschlichen Natur. Gleichzeitig leiden seit Jahrhunderten Christen für ihren Glauben – in nicht wenigen Ländern bis heute. Warum ihr Leiden nicht umsonst ist.

An vielen Stellen beschreibt die Bibel Leiden als einen Teil des christlichen Lebens. Damit ist kein sauertöpfisch selbst auferlegtes oder hausgemachtes Leid gemeint – im Gegenteil: Die Freude am Herrn ist unsere Kraft (Nehemia 8,10). Aber wenn wir das Evangelium wirklich ernst nehmen wollen, können wir den Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten, die die Nachfolge Christi mit sich bringt, nicht einfach ausweichen. Mit dem Wohlstand und technischen Fortschritt des 21. Jahrhunderts sind jedoch viele zu der Ansicht gelangt, dass Komfort und Annehmlichkeiten zu den grundlegenden Notwendigkeiten des Lebens gehören. Deshalb ist die biblische Botschaft von der Wichtigkeit des Kreuzes unvereinbar mit der Denkweise geworden, wie sie viele Zeitgenossen an den Tag legen. In christlichen Gemeinden wird sehr viel Wert auf eine Therapie zur Bewältigung des Leids gelegt – und auch das hat seine Berechtigung –, aber als Grundlage brauchen wir eine Theologie, die das Leid für Gott nicht ausklammert. Ohne ein entsprechendes ganzheitliches Verständnis des Evangeliums im Umgang mit dem Leid vermeiden Christen das Kreuz, entfernen sich von ihrer Berufung und sind zudem unnötigerweise unglücklich, wenn sie schmerzliche Erfahrungen Von Ajith Fernando machen. Ohne einen solchen Zugang zum Leid wäre es nicht möglich, auch die Freude zu erleben, welche die Bibel als zentralen Aspekt des Christenlebens beschreibt. Der große amerikanische Indienmissionar E. Stanley Jones (1894– 1973) bringt genau diese Haltung prägnant zum Ausdruck, wenn er sagt: „Ertrage nicht die Schwierigkeit, nutze sie. Nimm, was immer geschieht – Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Vergnügen und Verdruss, Kompliment und Kritik –, nimm es auf in den Plan deines Lebens und mach daraus etwas. Mach daraus ein Zeugnis.“

Die vierzig Märtyrer von Sebaste


In der frühen Gemeinde war man sich hinreichend bewusst, dass das Martyrium den Menschen die Größe des Evangeliums aufzeigte: Um etwa 320 n. Chr. waren Konstantin der Große Kaiser des Weströmischen Reiches und Licinius Kaiser der östlichen Reichshälfte. Nachdem beide das Mailänder Toleranzedikt zur Anerkennung des Christentums unterzeichnet hatten, begann Licinius die Christen des Ostens zu unterdrücken. Er befahl seinen Untertanen, darunter auch christlichen Soldaten, unter Androhung der Todesstrafe, dem Christentum abzuschwören. Im armenischen Sebaste, das heute in der Türkei liegt, weigerten sich jedoch 40 Soldaten. Da sie gute Soldaten waren, wollte ihr Anführer sie nicht töten. So versuchte er mit Versprechungen, Drohungen und Schlägen die tapferen Soldaten zum Abfall zu bewegen. Aber all das nutzte nichts, um die Soldaten umzustimmen. Schließlich befahl man ihnen eines Abends, die Kleider auszuziehen, und führte sie mitten auf einen zugefrorenen See, wo man zu ihnen sagte: „Ihr dürft nur ans Ufer kommen, wenn ihr bereit seid, euren Glauben zu verleugnen.“ Um sie dazu zu verleiten, wurde in der Nähe des Sees ein warmes Bad hergerichtet mit Decken, Kleidern und einer warmen Mahlzeit sowie warmen Getränken. Als die Nacht einbrach, blieben 39 Männer eisern. Nur einer wurde schwach, kam ans Ufer und rettete sein Leben. Einer der Wachleute, die am Ufer standen, war so bewegt von der Standfestigkeit der Christen, dass er seine Kleider auszog und sich den anderen anschloss, sodass sich ihre Zahl wieder auf 40 erhöhte. Bis zum Morgen waren alle durch die grimmige Kälte erfroren. Einer anderen Version dieser Erzählung zufolge sollen die 40 Soldaten, als sie auf die Mitte des Sees zugingen, anhaltend gesungen haben, dass sie 40 Soldaten wären, die Christus nicht verleugnen und ihm bis ans Ende dienen würden. Als einer sie verließ, sangen sie von „39 Soldaten“. Aber als der Wachsoldat sich den Bekennern anschloss, ging er auf den See und sang von „40 Soldaten“. Dieser Wachmann sah die Herrlichkeit und den Glanz des Evangeliums, als er miterlebte, wie die Soldaten bereit waren, für Christus zu leiden.

Der Soziologe Rodney Stark hat ein Buch mit dem Titel „Der Aufstieg des Christentums“ geschrieben, in dem er beschreibt, wie sich das Christentum innerhalb kürzester Zeit von einer kleinen Schar Gläubiger zur dominierenden Kraft des Römischen Weltreiches entwickelt hat. Für ihn gibt es einige Faktoren, die zu dieser Entwicklung beigetragen haben könnten. So zeigt er auf, dass es während der ersten Jahrhunderte zwei große Epidemien gab. Wenn diejenigen Menschen, die davon betroffen waren, gepflegt wurden, bestanden gute Chancen, dass sie überlebten. Aber häufig kam es vor, dass Familienmitglieder erkrankte Angehörige einfach im Stich ließen und sich nicht um sie kümmerten. Sie verließen ihre Häuser, um an anderen Orten zu leben, die nicht von der Epidemie heimgesucht waren. Christen jedoch taten so etwas nicht. Sie kümmerten sich um ihre Angehörigen. Die Folge davon war, dass der Prozentsatz der Überlebenden, bei Christen höher war als derjenige der Nichtchristen. Außerdem kümmerten sich die Christen auch um diejenigen, die von ihren Familienmitgliedern im Stich gelassen worden waren. Diese Bereitschaft zu leiden, um für die Kranken zu sorgen, spielte nach Ansicht von Rodney Stark eine entscheidende Rolle dabei, dass sich eine große Zahl von Bewohnern des Römischen Reiches der Frohen Botschaft von Jesus Christus zuwandte.

Pluralistische Zeit – damals wie heute

Die evangelikalen Christen von heute sind eine stark kritisierte Gruppe, von der man meint, dass sie nicht auf der Höhe der religiös „progressiven“, pluralistischen Zeit seien. Das liegt vor allem daran, dass sie eine Einzigartigkeit ihres Glaubens beanspruchen – was andere für arrogant halten. Man darf nicht vergessen, dass das Christentum im ersten Jahrhundert des Römischen Reiches entstanden ist und weitergetragen wurde. Dieses Reich war in seinem religiösen Ansatz ebenso pluralistisch wie unsere heutige Gesellschaft. Wegen ihrer evangelistischen Tätigkeit wurden auch damals die ersten Christen verachtet und verfolgt. Aber sie ertrugen die Verfolgung mit solch einer Fröhlichkeit und Kraft, dass ihr Verhalten eine große Anziehungskraft hatte. Genau dies erlebte beispielsweise der römische Zenturio, der bei der Kreuzigung stand und den Tod Jesu miterlebte, als er einsah: „Ja, dieser Mann war wirklich Gottes Sohn!“ (Markus 15,39). Doch ist das die Art, wie andere Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft heute Christen für die Wahrheit des Evangeliums leiden sehen? Ich fürchte, dass sie Christen oftmals mehr damit beschäftigt sehen, ihre Macht und ihr Prestige zu bewahren und für deren Wiederherstellung zu kämpfen, als ihre Feinde zu lieben. Ein Bediensteter einer Regierung, der einen Christen wegen des Evangeliums gefangen nahm, sagte einmal zu diesem: „Was kann dein Gott jetzt noch für dich tun?“ Der Christ erwiderte: „Er kann mir die Stärke geben, Ihnen zu vergeben.“ Während des Boxeraufstandes in China zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Hunderte von Missionaren getötet und viele Häuser von Missionaren beschädigt oder zerstört. Eine Einigung wurde erzielt, wonach den Ausländern, die Verluste erlitten hatten, eine Entschädigung gegeben werden sollte. Hudson Taylors China-Inlandmission weigerte sich, die Schadensersatzzahlung anzunehmen, die sie hätte erhalten sollen. Dies führte zu einer Auszeichnung durch den chinesischen Gouverneur, durch die Gott geehrt wurde.

Zur Verbreitung der Frohen Botschaft

Leiden bringt die wichtigen Themen des Lebens an die Oberfläche. Inmitten des Leidens zeigt sich, ob das, wofür jemand gelebt hat, ihm oder ihr gute Dienste erwiesen hat. Die meisten Menschen fürchten sich vor dem Leiden und tun viel dafür, es zu vermeiden. Was aber, wenn andere Menschen sehen würden, dass Christen einen Glauben haben, der ihnen hilft, dem Leiden freudig entgegenzutreten? Mit Sicherheit würden sie aufmerksam werden und Notiz davon nehmen. Viele wären gezwungen, den Anspruch, den Jesus Christus als Retter vertritt, deswegen ernsthafter in Betracht zu ziehen. Ähnliches hat Paulus in seinem Schreiben aus dem Gefängnis an die Philipper formuliert: „Liebe Freunde, ihr sollt wissen, dass alles, was hier mit mir geschehen ist, letztlich zur Verbreitung der Botschaft Gottes beigetragen hat“ (Philipper 1,12). Und so konnte er die Philipper auch ermutigen: „Freut euch im Herrn. Ich betone es noch einmal: Freut euch!“ (Philipper 4,4). Und er konnte ihnen bestätigen, dass sie den Frieden Gottes erfahren würden, nachdem sie ihre Bitten Gott vorgetragen hatten: „Ihr werdet Gottes Frieden erfahren, der größer ist, als unser menschlicher Verstand es je begreifen kann. Sein Friede wird eure Herzen und Gedanken im Glauben an Jesus Christus bewahren“ (Philipper 4,7).

Eine Geschichte soll das verdeutlichen: Ein tief gläubiger Missionar diente Gott lange Zeit treu unter einem noch unerreichten Volksstamm. Er erlebte zu seinen Lebzeiten nicht, wie irgendjemand zu Christus fand. Nach seinem Tod nahm ein junger Missionar seinen Platz ein und war erstaunt, dass fast alle Menschen dem Aufruf des Evangeliums folgten. Er fragte sie, warum sie nicht zu der Zeit, als sein großer Vorgänger bei ihnen war, dem Ruf des Evangeliums gefolgt seien. Sie entgegneten, dieser alte Missionar habe ihnen gesagt, dass sie, wenn sie Nachfolger von Christus würden, den Tod nicht fürchten müssten. Das hatte sie beeindruckt, aber sie mussten sehen, ob das wirklich stimmte. Deshalb warteten sie, bis er starb. Und als sie sahen, wie der Mann starb, wollten sie alle Christen werden.

Dr. Ajith Fernando ist Direktor von „Jugend für Christus“ in Sri Lanka und Autor vieler Bücher. Der Artikel ist ein bearbeiteter Auszug aus seinem Buch „Aus Tränen werden Sterne“ (Hänssler).

 

Ausgabe: Oktober 2008