Auf eine Minute

Vor einiger Zeit las ich eine interessante Geschichte, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: Ein Mechaniker wurde gerufen, um den Mechanismus eines riesigen Teleskops zu reparieren.

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(c) iStock/J. Szymanski

Die Geheimnisse der Heiligen Schrift entschlüsseln

Wie Sie die Bibel verstehen lernen: Sieben einfache Regeln für Anfänger und Fortgeschrittene

Von Tremper Longman


Haben Sie sich bereits auf das Abenteuer eingelassen, die Bibel zu entdecken? Oder gehören Sie zu den vielen Menschen, die schon lange einmal im Buch der Bücher lesen wollten, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen? So mancher hat schon einen Versuch gestartet und nach kurzer Zeit wieder aufgegeben, weil ihm das Gelesene unverständlich erschien. Denn die Bibel ist eben kein herkömmliches Buch, kein Roman, in dem auf den ersten Seiten ein Held vorgestellt wird, der bis zum Happy End die Geschichte durchlebt – zumindest nicht offensichtlich. Die Heilige Schrift ist vielmehr eine Sammlung von Büchern, die von mehr als 40 Autoren unter dem Einfluss Gottes über viele Jahrhunderte geschrieben wurden. Und es ist lohnenswert, sich mit diesem Klassiker der Weltliteratur auseinanderzusetzen, nicht nur um endlich mitreden zu können, sondern weil die biblischen Texte Ihren Alltag verändern werden – garantiert! Sieben ganz einfache Techniken können Ihnen dabei helfen, die Geheimnisse der Heiligen Schrift zu verstehen und zu entschlüsseln, was Gott Ihnen persönlich durch die Bibel sagen möchte.

1. Suchen Sie nach der beabsichtigten Aussage

Jeder Bibeltext besitzt eine feste Kernaussage, die wir herausarbeiten können. Wenn man einen Abschnitt verstehen möchte, muss man sich auf die Suche nach dem machen, was der Schreiber damit eigentlich ausdrücken wollte. Wir stehen also vor der Aufgabe, den Text, den wir gewählt haben, sorgfältig zu interpretieren. Vorab sollte man deswegen einige wichtige Fragen klären. Zum Beispiel, wer den Text eigentlich geschrieben hat. Diese Frage scheint meist einfach zu beantworten, stellt sich aber manchmal auch komplexer heraus als anfangs angenommen. Selbst wenn wir den Namen des Schreibers (z. B. Mose, Paulus, etc.) kennen, bedeutet das noch lange nicht, dass wir uneingeschränkt Wissen über ihn hätten. Wir können beispielsweise Paulus nicht einfach fragen, ob er Christen oder Nichtchristen im siebten Kapitel des Römerbriefes (7,21–25) meinte, wo er in der Ich-Form darüber schreibt, dass er immer wieder versagt. Solche Fragen können wir nur beantworten, wenn wir uns in die Zeit zurückversetzen, als der Text geschrieben wurde (siehe Regel Nr. 4). Eine weitere wichtige Fragestellung hat mit dem einzigartigen Charakter der Bibel als Wort Gottes zu tun. Petrus betont in seinem zweiten Brief, dass die Bibel nicht von Menschen gemacht sei, „sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet“ (1,21). Damit ist für den Apostel klar: Gott ist letzten Endes der Autor der Bibel – und diese wichtige Wahrheit hat auch Auswirkungen darauf, wie wir die Bibel für unser Leben verstehen können.

2. Lesen Sie den Text im Zusammenhang

Wie bei aller guten Literatur muss man sich auch bei der Bibel einen Sinn für das Gesamte erarbeiten, um einzelne Kapitel zu verstehen. Dieser Gedanke hindert uns nicht daran, den Römerbrief mittendrin aufzuschlagen, um etwas über Sünde zu lesen. Aber wir sollten gleichzeitig ein Verständnis dafür bekommen, wie Paulus’ Gedanken über Sünde in den biblischen Kontext passen. Grundsätzlich sollte man mit einzelnen, aus dem Zusammenhang herausgenommenen Bibelpassagen sehr sorgfältig umgehen. Stellen Sie sich nur vor, Sie lesen im 1. Korintherbrief: „Wenn du eine Frau hast, dann versuche nicht, dich von ihr zu trennen. Aber wenn du keine hast, so bemühe dich auch nicht darum, eine zu finden“ (7,27). Ohne den entscheidenden Zusammenhang könnte man meinen, die Bibel empfehle hier schlicht die Ehelosigkeit. Erst der Kontext erklärt hier, wie Paulus dies eigentlich meinte. Vermeiden Sie es daher, nur zwei bis drei Bibelverse zu lesen. Besser Sie lesen gleich das ganze Kapitel oder sogar das ganze Buch. Versuchen Sie es! Wenn Sie einen Roman lesen, setzten Sie sich ja auch hin und lesen zwei, drei Stunden. Probieren Sie dasselbe doch mal mit Jesaja oder der Apostelgeschichte! Und fragen Sie sich dabei, wie der einzelne Abschnitt, den Sie gerade lesen, in das Gesamtthema des Buches beziehungsweise in die ganze Bibel passt. Eine selbst angefertigte Gliederung kann Ihnen helfen, den Überblick zu behalten.

3. Bestimmen Sie die literarische Form

Vor einiger Zeit las ich ein Buch, das ich – ich gestehe – vorher noch nicht gelesen hatte, und staunte über dessen ersten Satz: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Der Satz war merkwürdig, aber er beängstigte mich nicht – denn es handelte sich um eine fiktive Geschichte. Ich las die Erzählung „Die Verwandlung“ von Franz Kafka, in der sich ein Mensch in einen Käfer verwandelt. Doch die bekannte Geschichte erweckte kein Unbehagen bei mir, da sie frei erfunden war. In der Bibel begegnet uns eine Vielzahl literarischer Formen. Wenn man sich die einzelnen Bücher vom 1. Buch Mose bis zur Offenbarung einmal anschaut, entdeckt man Geschichten, Lyrik, Prophetien, Alltagsweisheiten, Evangelien, Gleichnisse, Briefe und Offenbarungen. Je nachdem, um welche literarische Form es sich handelt, ruft dies verschiedene Erwartungen und Gedanken hervor. Nehmen wir zum Beispiel ein klassisch missverstandenes Buch der Bibel, das Hohelied. Lange Zeit wurde es, weil die Gattung falsch bestimmt wurde, schlicht als eine Allegorie auf die Liebe zwischen Christus und der Gemeinde hin interpretiert. Denn als der Kirchenlehrer Cyril von Alexandrien (385–444 n. Chr.) die Worte las: „Mein Freund ist mir ein Büschel Myrrhen, das zwischen meinen Brüsten hängt“ (1,13), dachte er, dass die zwei Brüste das Alte und Neue Testament darstellten. Der Büschel war nach ihm Christus, der beide verbunden hat. Heute hingegen sind sich Theologen größtenteils darüber einig, dass das Hohelied ein Liebesgedicht ist. Es beschreibt die Intimität und Schönheit menschlicher Liebe. Zwar lagen die alten Ausleger nicht völlig daneben. Schließlich spiegelt die menschliche Liebe auch die Liebe Christi für die Gemeinde wieder (Epheser 5,22–32) – aber nichtsdestotrotz haben sie die eigentliche Aussage des Textes verfehlt.

4. Bedenken Sie den historischen und kulturellen Hintergrund

Die Bücher der Bibel wurden in Zeiten und Kulturen geschrieben, die uns heute sehr fern sind. Versucht man also der Absicht des Autors nachzuspüren, muss man lernen, sein Schreiben so zu verstehen, als gelte es einem seiner damaligen Zeitgenossen. – Aber wie macht man das? Wie kann man sich in die Zeit von Mose, David, Salomo oder Paulus hineinversetzen? Wie bekommt man Einblick in die kulturelle und historische Situation der damaligen Zeit? – Meist hilft hier nur ein Kommentar oder ein Lexikon weiter. Ein Beispiel: Oft stellt die Bibel den Herrn auf einer Wolke reitend dar (Psalm 18,7–15; 68,4; 104,3; Nahum 1,3). Der Bibelkommentar erklärt dies folgendermaßen: Oft stellte man im damaligen Nahen Osten den Gott Baal, wenn er in den Krieg zog, auf einem Wolkengespann reitend dar. Bringt man nun diese Information mit dem biblischen Bild in Bezug, muss man daraus schließen, dass auch die Wolke Gottes ein solches Gespann andeuten soll, mit dem er in den Krieg zieht. Ferner beschreibt auch das Neue Testament Jesus als einen Wolkenreiter (Matthäus 24,30; Offenbarung 1,7). Allerdings handelt es sich bei ihm nicht um eine weiche, weiße Wolke, sondern um einen Sturm, mit dem er ins Gericht zieht. Infolge dieser Informationen aus dem Bibelkommentar lässt sich erklären, dass der Gebrauch dieses Wolkenbildes einer ganz bestimmten Funktion diente. Den Israeliten, die Götzen verehrten, sollte damit gezeigt werden, dass sie zurückkommen und den einzig wahren Wolkenreiter verehren sollten – Gott, den Herrn.

5. Achten Sie auf die Grammatik


Kurz gesagt: Lesen Sie den Textabschnitt aufmerksam und sorgfältig! Achten Sie dabei auf Konjunktionen, das Tempus, Hilfsverben und so genannte Signalwörter wie „aber“, „und“ oder „daher“. All diese Satzglieder helfen Ihnen, den Zusammenhang zu verstehen. Vergessen Sie aber bei Ihrer Satzanalyse nicht, dass die Hauptaussage nicht einfach in einzelnen Wörtern, sondern eingebettet im Kontext zu finden ist. Manchmal hilft auch ein Blick in den hebräischen oder griechischen Text, doch den meisten Lesern bleibt dieser Blick aufgrund fehlender Sprachkenntnis verwehrt. Was also tun? Ein guter Bibelkommentar des hebräischen oder griechischen Textes kann hier helfen. Für den Alltagsgebrauch eignet sich aber eher die Anschaffung einer sehr wortgetreuen Übersetzung (in Verbindung mit einer anderen Übersetzung, die stärker den Sinn des ganzen Satzes oder Verses im Blick hat). Eine solche Bibel ist ein hilfreiches Mittel, wenn es um genaue Wortanalysen geht.

6. Interpretieren Sie Ihre Erfahrungen anhand des Wortes, nicht das Wort anhand Ihrer Erfahrungen

Viel zu oft verzerrt man die Bibel dadurch, dass eigene Erlebnisse und Erfahrungen das Schriftverständnis bestimmen. So passiert es zuweilen, dass man eigene Wünsche auf den Text projiziert und in ihn hinein liest. Manch einer reißt sogar eine Stelle total aus dem Zusammenhang, nur um einen persönlichen Wunsch zu untermauern. Dabei wird meist die Gesamtlehre der Bibel ignoriert. Man argumentiert letztendlich so, dass der Wunsch einer biblischen Wahrheit entspräche. Wenn es mir zum Beispiel unangenehm wäre, einem Gott nachzufolgen, der die Menschen eines Tages für ihre Taten zur Rechenschaft ziehen wird, könnte ich hingehen und mir aus der oft in der Bibel betonten Liebe Gottes ein biblisches Argument basteln, das die Hölle abschafft. Ich könnte ausschließlich 1.Korinther 13 oder viele andere Stellen zitieren, um zu zeigen, dass „Gott“ und „Liebe“ Synonyme sind (was zutrifft!). Dann könnte ich sagen: „Wenn Gott Liebe ist, wie könnte er dann irgendjemand verdammen?“ – Damit würde ich jedoch die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes ausblenden. Diese Schlussfolgerung widerspräche also deutlich dem, was die Bibel in der Gesamtschau über Gottes Charakter und Plan sagt.

7. Achten Sie auf die biblische Lehre


Niemals sollten wir einzelne Passagen völlig losgelöst vom Gesamtverständnis der Bibel lesen. Viele Menschen haben die Bibel geschrieben, aber letzten Endes ist Gott der dahinter stehende Autor. Die Heilige Schrift ist zwar eine Sammlung vieler Bücher, doch zugleich ist sie ein Buch mit einem roten Faden. Und während sie von vielen unterschiedlichen Geschichten erzählt, tragen all diese Geschichten zu einer Geschichte bei – der Geschichte, wie Gott den Menschen das Heil schenkt – ein Happy End ganz anderer Art. Und dieser Gesamtzusammenhang hat entscheidende Auswirkungen auf unsere Art und Weise der biblischen Interpretation. Sorgfalt ist daher das A und O beim Bibellesen. Auch wenn eine Stelle scheinbar etwas völlig anderes als eine zweite lehrt. Man muss dann hingegen und die unverständliche Stelle in Zusammenhang mit der anderen bringen. Das heißt, man erforscht die Bedeutung eines unklaren Verses durch den Blick auf die Gesamtlehre der Bibel. So erübrigt sich beispielsweise jegliches Spekulieren über die Wiederkunft Jesu dadurch, dass die Schrift deutlich sagt: „Doch den Tag oder die Stunde, wann das Ende da ist, kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel – nicht einmal der Sohn. Nur der Vater kennt sie“ (Markus 13,32). Wenn wir also die Bibel immer im Lichte ihrer Gesamtaussagen lesen, bewahrt uns das nicht nur vor irreleitenden Deutungen, sondern gibt uns auch einen tieferen Einblick in das Wort Gottes. Und der, der uns dieses Wort gegeben hat, sehnt sich danach, dass wir es verstehen. Deshalb ist die Grundlage aller Bibellese auch ein simples Gebet: „Vater, bitte rede zu mir!“


DREI HILFEN, DIE BIBEL RICHTIG ZU VERSTEHEN
•    Beten Sie für Ihre Bibellese, dass Gott Ihnen durch seinen Heiligen Geist die Augen und Ohren für die Wahrheit öffnet, die er Ihnen durch sein Wort mitteilen möchte. Ohne den Heiligen Geist können wir Gottes Wort nicht wirklich verstehen (2. Korinther 2,6–16).
•    Befolgen Sie die sieben Hilfen zur Auslegung. Sie bewahren Sie davor, eigene Gedanken in die Bibel hineinzulesen und helfen Ihnen, die Absicht des Autors zu entdecken.
•    Lesen Sie die Bibel auch innerhalb einer Gemeinschaft, z. B. eines Hauskreises. Der Austausch mit anderen über den Text bringt oft für alle erstaunliche Erkenntnisse und korrigiert eventuelle Missverständnisse.

Tremper Longman ist Professor für Altes Testament und Bibelwissenschaft am Westmont-College in Santa Barbara/USA.

 

Ausgabe: November 2007