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Gott ist einer von uns
Warum bei Jesus die Antwort auf das Leid der Welt zu finden ist
Von Mathew Woodley
Vor einigen Jahren, nach dem Tod des Präsidenten des winzigen afrikanischen Volkes von Guinea, entdeckte die neue Regierung eine Folterkammer. Präsident Toure hatte alle mit seiner weltmännischen und eleganten Art an der Nase herumgeführt. Unter seiner Herrschaft wurden Hunderte, vielleicht Tausende politische Gefangene in Gefängnissen gefoltert. In einer winzigen, fensterlosen Zelle hatte ein Gefangener mit seinem eigenen Blut geschrieben: „Gott, rette mich!“ Das ist die Herausforderung, vor der das Christentum steht: Wenn die Nachfolger von Jesus Christus behaupten, Jesus sei „die Antwort“ oder „Jesus ist die gute Nachricht“, dann muss es eine Verbindung geben zu diesem Mann in seiner Gefängniszelle. Doch wenn die gute Nachricht von Jesus in keinem Zusammenhang steht mit dem einsamen Hilferuf dieses Folteropfers, wenn sie in keinem Zusammenhang steht mit den Schreien aller Elenden auf dieser Welt, wenn die gute Nachricht nicht angesichts der tiefsten Schreie unseres Herzens erzählt werden kann, dann darf sie überhaupt nicht erzählt werden.
„Das Leben sollte anders sein!“
Diese Behauptung stellt uns vor die verwirrendste Frage des Lebens: Warum gibt es so viel Leid auf der Welt? Nicht alle Religionen geben dieselbe Antwort darauf. Sowohl fernöstliche Religionen als auch viele philosophische Ansätze sehen im Bösen und im Leid einfach „die Art, wie das Leben eben ist“. Das Christentum aber behauptet: „Das Leben sollte anders sein!“ Die Bibel betrachtet Böses und Leid als „nicht normal“. Doch wenn wir leiden, dann ist der wirkliche Stachel nicht der Schmerz, sondern das Gefühl, von allen verlassen zu sein – auch von Gott. Oder wie es der englische Theologe John Stott ausdrückt, „Schmerz ist erträglich. Aber die scheinbare Gleichgültigkeit Gottes nicht. Manchmal stellen wir uns Gott faul vor, vielleicht in einem himmlischen Liegestuhl vor sich hin dösend, während Millionen Menschen verhungern.“
Ist Gott so? Meines Erachtens spricht das Kreuz Jesu eine andere Sprache. Am Kreuz hat Jesus das ganze Ausmaß menschlichen Leidens persönlich erlebt. Das Neue Testament erzählt davon, dass Gott die ganze Tiefe menschlichen Leidens geschmeckt hat – Vernachlässigung, Untreue, Enttäuschung, Ungerechtigkeit, Spott, Demütigung, Kraftlosigkeit, Beschimpfung, Schmerzen, Durst und letztlich den Tod. Er hat nicht den Weg des „erleuchteten Abstands“ gewählt, sondern den Weg der leidenden Liebe. Wir sind nicht allein. Gott ist in unseren Schmerz hineingekommen, um uns beizustehen. Eigentlich sollten wir von dieser Tatsache schockiert sein. Denn in der Bibel heißt es, dass Jesus „Ausstrahlung der Herrlichkeit Gottes“ und „Abdruck seines Wesens ist“ und „alle Dinge durch das Wort seiner Macht trägt“. In demselben Brief lesen wir aber auch, dass Jesus derjenige ist, der „in allen Dingen seinen Brüdern und Schwestern gleichgemacht werden musste“, dass wir in ihm jemanden haben, der „in allen Dingen ebenso versucht wurde wie wir – nur ohne Sünde“ (Hebräer 2,18+4,15). Und eine andere Stelle sagt: „Durch seine (Jesu) Wunden sind wir geheilt“ (1. Petrus 2,24). Kein anderer Gott hat Wunden. Nur das Christentum sagt, dass Gott die Zusage „Ich bin bei euch“ mit seinem eigenen Blut geschrieben hat.
Gottes Solidarität
Gott steht nicht im Abseits. Er erklärt sich solidarisch mit allen, die leiden und im Glauben zu ihm flehen. Um besser zu verstehen, was das bedeutet, möchte ich ein spezielles Beispiel des Leids näher betrachten: das der Ablehnung. Die meisten von uns kennen den Schmerz der Ablehnung. Ablehnung ist deshalb so schmerzhaft, weil Gott uns als „Beziehungsmenschen“ geschaffen hat – ganz nach seinem Bild. Gott selbst braucht Beziehung, er lebt in einer liebevollen Gemeinschaft von „drei in einem“ – das, was die Theologie als „Dreieinigkeit“ bezeichnet. Weil wir in Gottes Bild als Beziehungsmenschen geschaffen sind, ist es eine Lüge, wenn Leute sagen: „Mein Vater hatte nie Zeit für mich, aber das ist okay für mich.“ Oder wenn ein Zehntklässler sagt: „Die anderen machen sich über mich lustig und demütigen mich, aber das interessiert mich nicht.“
Ablehnung tut weh. Sie beschäftigt uns viel tiefer als uns vielleicht bewusst ist. Ich denke an die Frauen und Männer, deren Ehepartner sie wegen eines anderen verlassen haben. An den loyalen Angestellten, dem zum Jubiläum eine billige Uhr geschenkt wird; an den Single, der für seinen Partner nur eine Affäre ist; an alle, die als zu hässlich, dick, dumm oder langsam abgestempelt werden; an die, die älter werden und nicht mehr Schritt halten können. Ich denke an die Millionen schwacher und verletzbarer Menschen in unserer Gesellschaft – die Ungeborenen, die Behinderten, die unheilbar Kranken. Ich denke an die ethnischen Gruppen, die andere ethnische Gruppen bekriegen, bis sie sich gegenseitig fast ausgelöscht haben. Ich denke an die rassistischen Vorurteile, die sich seit Jahrtausenden durch unsere Gesellschaften ziehen – und bis heute nicht ausgerottet sind. Abgelehnt und verachtet! Jesus kannte den tiefen Schmerz der Ablehnung. Die Bibel sagt uns: „Verachtet war er (Jesus) und verlassen von den Menschen, ein Mann der Schmerzen und mit Krankheit vertraut“ (Jesaja 53). Verachtet und abgelehnt. Die meisten von uns haben Ablehnung erlebt – aber verachtet und abgelehnt? Jesus erlebte dies sein ganzes Leben lang: Schon vor seiner Geburt war er unerwünscht (es gab keinen Raum für ihn in der Herberge), seine Familie war gezwungen, auf der Flucht zu leben, die religiösen Führer begegneten ihm mit Verachtung, die Menschen aus seinem Heimatort wollten nichts mit ihm zu tun haben, seine Familie konnte ihn nicht verstehen, und obwohl er sein Leben jahrelang mit zwölf engen Freunden geteilt hatte, verließen sie ihn alle, als er sterben sollte. Und das, obwohl sie kurz zuvor noch lautstark verkündet hatten: „Nein, nein, Jesus! Wir versprechen dir, dass wir dich niemals verraten und niemals verlassen werden!“ „Durch seine Wunden sind wir geheilt“: Weil Jesus Ablehnung am eigenen Leib erlebt hat, kann er unsere Gefühle bei Ablehnung vollkommen verstehen und nachvollziehen. Er hat unsere Schwächen hautnah erfahren. Mehr noch: Jesus identifiziert sich nicht nur vollkommen mit unserer Ablehnung, unserem Schmerz und unseren Schwächen – am Kreuz wurde diese Ablehnung auf ihn gelegt. Vielleicht haben Sie, wie so viele einsame Menschen in unserer Kultur, an die Botschaft der totalen Individualität geglaubt: „Sie sind vollkommen alleine! Also arrangieren Sie sich damit!“ Doch wenn Sie dann den Blick auf den Mann am Kreuz richten, hören Sie ihn sagen: „Lass mich deine Ablehnung und dein Leiden tragen. Lass mich dir zur Seite stehen. Lass mich mit dir und für dich bitten!“
Das ist eine erstaunliche Aussage – und auch eine schockierende! Denn wir möchten unsere religiösen Leiter, wir möchten den Gott, an den wir glauben, nicht mit Schande und Ablehnung in Verbindung bringen. Wir möchten, dass er ein „spiritueller Superstar“ ist. Vielleicht ist gerade das Kreuz das überzeugendste Argument dafür, dass das Christentums wahr ist!
Gott will uns finden
Vielleicht hat Ihr Partner Sie verlassen. Vielleicht hat Ihr Vater Sie abgelehnt und auch Ihre Mutter hat Sie nicht geliebt. Vielleicht haben Freunde sich gegen Sie verschworen. Vielleicht ist ein geliebter Mensch gestorben. Und Sie möchten rufen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Sie möchten sich am liebsten in Ihr Schneckenhaus verkriechen und sagen: „Das ist es nicht wert. Es tut zu weh und ich kann Gott darin einfach nicht finden.“ Doch das ist die Botschaft des Evangeliums: Gott möchte Sie darin finden! Jesus selbst. Nicht nur der „nette junge Mann Jesus“, sondern Jesus, das „menschgewordene Wort Gottes“; der Christus, der das Universum durch sein Wort erhält; jener Jesus, der unsere Gefühle der Schwachheit hautnah erlebt hat.
Werden Sie ihn hereinlassen? Werden Sie ihm Ihre Lasten anvertrauen? Wenn wir sagen, dass wir Christ werden oder unser Leben Gott anvertrauen, ist dies bloß der Versuch, ein zutiefst Gott-zentriertes Erlebnis zu beschreiben. Die Bibel nennt diesen Vorgang eine neue Geburt. Wir rufen Jesus, den Herrn, an und bekennen: „Du bist für mich gestorben! Ich kann mich weder selbst retten, noch können eine Institution oder moralische oder religiöse Werte das tun! Niemand anders als du, der Gott, der bei uns ist, der Gott, der in unsere Welt gekommen ist und unsere Wunden und unsere Sünden getragen hat, kann mich retten!“ Die Bibel verspricht: „Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden“ (Römer 10,10–13). Und wenn wir dann mit Jesus unser Leben gestalten, werden wir nicht selten neue Wellen von Ablehnung und Schmerz erfahren. Wieder und wieder müssen wir zu Jesus kommen und sagen: „Du warst schon vor mir hier. Du fühlst mit mir. Du leidest mit mir. Du flehst mit mir. Du wartest voller Hoffnung, bis der Morgen anbricht – du wirst auch für mich den nächsten Morgen bringen. Ich bin nicht alleine. Meiner Seele geht es trotz allem gut!“ Diese Ehrlichkeit, dieses Eingeständnis unserer Hilflosigkeit und Schwäche erreicht vielleicht mehr Menschen mit der Botschaft Jesu als unsere ganze polierte Frömmigkeit. Wir reden gerne von Gott, wenn wir uns kompetent, gut infor-miert, auf der Höhe und erfolgreich fühlen. Aber manchmal interessieren sich die Menschen gar nicht für unsere religiösen Erfolgsstorys. Sie hungern vielmehr nach echten Menschen mit echten Problemen und echten Schmerzen, die in all dem dennoch auf einen Retter hinweisen.
Echte Hoffnung für eine leidende Welt
Vor kurzem erhielt ich eine E-Mail von einem jungen Studenten, der die Gemeinde, in der ich Pastor bin, besucht hatte. Er schrieb:„Alles in Ihrer Gemeinde sah so perfekt aus. Die ganze Versammlung machte einen glücklichen und freundlichen Eindruck. Ich fühle mich tatsächlich wie nach Glücks- Stadt versetzt. Aber wissen Sie, was mich über eine Beziehung zu Jesus nachdenken ließ? Ich war auf einer Veranstaltung Ihrer Kirche und ich erinnere mich, dass ich beim Mittagessen saß und mich ein wenig über all die Christlichkeit um mich herum ärgerte und dachte, ich sei umgeben von einer Menge Heuchlern. Ich konnte das Ende kaum abwarten. Aber dann hörte ich, wie Leute sich über ihre Schmerzen und Probleme in ihrem Leben unterhielten, und in meinem Herzen brachen ganze Mauern zusammen. Ich merkte, dass ich von Menschen umgeben war, die genauso zerbrochen waren wie ich. Sie sprachen nicht nur abgehoben von Gottes Liebe, sondern sie kannten Leid und Verlassenheit ... und sie wussten um die Erlösung durch Jesus Christus in ihrem Leben. Jetzt schaue ich auf die Zerbrochenheit in dieser Welt und erkenne, dass niemand in dieser verletzten, leidenden Gesell-schaft die gute Nachricht glauben wird, außer wenn sie von jemandem angeboten wird, der auch diesen Schmerz und dieses Leid überlebt hat.“
An welchem Punkt in Ihrem Leben möchten Sie am lautesten schreien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Was wäre, wenn Sie Gott genau sagten, wie Sie sich fühlen? Und was wäre, wenn Sie auch vor anderen Menschen ehrlich genug wären, um diese Frage zu stellen? Wir reden über das Wetter, wir tratschen über andere Leute, wir diskutieren über Politik und Theologie, wir sprechen über „unsere Siege mit Jesus“. Aber haben Sie jemals mit jemand anderem über Ihre Verletzungen und das Gefühl der Gottverlassenheit gesprochen? Vielleicht betrifft es Ihre Kindererziehung oder Ihre Ehe oder Ihre Arbeit. Vielleicht ist es Ihre tiefe Einsamkeit. Vielleicht ist Ihr Glaube erkaltet und Gott scheint ein abstraktes Gebilde und kein liebender himmlischer Vater zu sein.
Zu riskant? Für Jesus war es nicht zu riskant. Wie können wir erwarten, jemals jemanden besser kennen zu lernen, wenn wir nicht bereit sind, die tiefsten Dinge unseres Herzens mitzuteilen? Zu oft stehen wir auf dem Standpunkt: „Sicher! – Aber dafür seicht und leer und einsam und kalt.“ Ich möchte Ihnen Mut machen, mit Gott und mit einem anderen Menschen darüber zu sprechen. Und dann hinzuhören! Hören Sie auf die Stimme Gottes, die Ihnen aus der Tiefe Ihres Herzens zuflüstert: „Ich bin bei dir. Ich war schon vor dir dort. Ich kenne die tiefen Sehnsüchte deines Herzens. Gib sie ab. Gib sie mir. Lass sie los!“
Mathew Woodley ist Pastor einer Kirchengemeinde in New York und Buchautor. Er schreibt regelmäßig für NEUES LEBEN.
Ausgabe: Frühling 2009
