Auf eine Minute

Vor einiger Zeit las ich eine interessante Geschichte, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: Ein Mechaniker wurde gerufen, um den Mechanismus eines riesigen Teleskops zu reparieren.

Magazin :: Artikel


(c) iStock/aleksl

Im Tal des leisen Zweifels

Von der Angst, dass es Gott nicht gibt

Von Max Lucado



Woody Allen kann nachts nicht schlafen. Der Filmemacher, der bereits über siebzig ist, wird von Ängsten geplagt. Wenn man ihn mit seinem schüchternen Verhalten und dem sanften Lächeln sieht, würde man das niemals vermuten. Aber unter der Oberfläche lauern seine Ängste. Die Leere droht ihn zu überwältigen. Als überzeugter Atheist hält Allen das Leben für ein „bedeutungsloses, kurzes Aufflackern“. Kein Gott, keinen Sinn im Leben, kein Leben nach dem Tod und logischerweise auch kein Leben vor dem Tod. „Mir fällt kein guter Grund ein, warum das Leben besser sein sollte als der Tod“, gesteht er, „außer vielleicht, dass ich zu viel Angst davor habe. […] Alle Züge fahren an den gleichen Ort. Alle fahren zur Grube.“ Deshalb drehe er Filme – um sich abzulenken. Seit Jahrzehnten produziert er sie wie am Fließband – jedes Jahr einen. „Ich muss mich auf etwas konzentrieren können, damit ich nicht das große Ganze sehe.“

Leise Zweifel


Ich habe meine „Woody-Allen-Momente“ manchmal ausgerechnet sonntagmorgens. Der Sonntag ist mein großer Tag, der Tag, an dem ich vor einer Gemeinde stehe, die bereit ist, dreißig Minuten ihrer kostbaren Zeit gegen ein bisschen Hoffnung und Überzeugung einzutauschen. Meistens habe ich davon genug für alle. Aber hin und wieder eben nicht. (Beunruhigt es Sie, das zu wissen?) Manchmal trifft mich in den frühen Morgenstunden – lange bevor ich auf die Kanzel steigen muss – die ganze vermeintliche Absurdität dessen, was ich glaube. Ich erinnere mich da vor allem an ein Osterfest: Während ich die Predigt noch einmal durchlas, kam mir die Botschaft von der Auferstehung plötzlich wie ein Mythos vor. Sie schien mir eher eine Legende zu sein als die wahre Botschaft des Evangeliums. Engel sitzen auf Grabsteinen; erst braucht man Grabtücher, dann wieder nicht; zu Tode erschrockene Soldaten; ein toter und wieder lebendiger Jesus. Ich erwartete schon fast, dass beim nächsten Umblättern von irgendwoher ein Flaschengeist oder die sieben Zwerge auftauchen würden. Solch eine Geschichte klingt erstmal ziemlich weit hergeholt, finden Sie nicht auch? – Ich zumindest denke das manchmal. Und wenn ich das denke, kann ich Woody Allens Unbehagen nachempfinden: Es ist die Angst, dass Gott nicht existiert. Die Angst, dass es auf das Warum keine Antwort gibt. Die Angst eines Lebens ohne Ziel. Die Angst, dass es nicht mehr gibt als den Status quo und dass alle, die etwas anderes glauben, wahrscheinlich nur Verrückte sind. Es sind diese eiskalten, lautlosen, entsetzlichen Schatten des Alleinseins in einem Tal, das aus dem Nebel kommt und in den Nebel führt. Das Tal des leisen Zweifels.

Wie reagiert Jesus?

Mehr oder weniger kommen wir vielleicht alle einmal in dieses Tal. Und früher oder später brauchen wir alle einen Plan, wie wir ihm wieder entrinnen können. Darf ich Ihnen meinen verraten? Diese Sonntagmorgen-Zweifel lösen sich inzwischen dank eines kleinen Meisterwerks, eines Quells des Glaubens, der den letzten Seiten des Lukasevangeliums entspringt, ganz schnell in Luft auf. Lukas hat sein letztes Kapitel ausschließlich einer einzigen Frage gewidmet: Wie reagiert Jesus, wenn wir an ihm zweifeln? Er führt uns in das Obergemach eines Hauses in Jerusalem. Es war der Sonntagmorgen nach der Kreuzigung. Die Nachfolger von Jesus hatten sich versammelt aber nicht, um die Welt zu verändern, sondern um ihr zu entfliehen. All ihre Hoffnungen schienen sie mit dem toten Zimmermann zu Grabe getragen zu haben. Ein Stall voller Hühner wäre mutiger gewesen als sie und eine Qualle hätte mehr Rückgrat gehabt. Vergeblich hätte man in den bärtigen Gesichtern nach einem Funken Entschlossenheit oder einem Anzeichen von Mut gesucht. Aber dann wird ihnen die gute Nachricht des leeren Grabs überbracht, und beim ersten Anblick der strahlenden Frauen, die diese Botschaft verkündeten, hätte ihr Herz eigentlich neue Hoffnung schöpfen können. Lukas’ Bericht zufolge stürzten die Frauen in den Raum und verkündeten allen Anwesenden, dass sie Jesus gesehen hätten. „Die Frauen, die zum Grab gegangen waren, waren Maria Magdalena, Johanna und Maria, die Mutter von Jakobus, und mehrere andere. Sie erzählten den Aposteln, was geschehen war, doch für diese klang die Geschichte völlig unsinnig, deshalb glaubten sie ihnen nicht“ (Lukas 24,9–11).

Brennende Herzen beim Bibelkurs

Die „Top-Jünger“ hatten Zweifel. Das ist eigentlich eine ermutigende Botschaft für alle Skeptiker, oder? Aber Jesus wollte sie mit ihren Fragen nicht alleinlassen. Wie sich herausstellte, war er tatsächlich alles andere als tot und begraben. Und als er entdeckte, dass zwei der Jünger die Straße zu einem Dorf namens Emmaus entlang trotteten, „kam Jesus selbst, schloss sich ihnen an und ging mit ihnen. Aber sie wussten nicht, wer er war, weil Gott [noch] nicht zuließ, dass sie ihn erkannten. ‚Worüber redet ihr‘, fragte Jesus. ‚Was beschäftigt euch denn so?‘ Da blieben sie voller Traurigkeit stehen“ (Verse 15–17). Für diese Aufgabe wären Engel nicht genug gewesen und auch kein Abgesandter oder eine himmlische Armee. Jesus höchstpersönlich eilte zu Hilfe. Und wie stärkte er den Glauben seiner Jünger wieder? – Jesus hielt für sie einen Bibelkurs, von den fünf Büchern Mose bis zu Jesaja, Amos und den übrigen Propheten. Den ganzen Weg nach Emmaus erklärte er ihnen, was in der Heiligen Schrift über ihn geschrieben stand. Können Sie sich vorstellen, wie Jesus Stellen aus dem Alten Testament zitiert hat? Ob das 53. Kapitel des Buches Jesaja wohl in etwa folgendermaßen geklungen hat: „Wegen eurer Schuld wurde ich gequält und wegen eures Ungehorsams geschlagen. Die Strafe für eure Schuld traf mich und ihr seid gerettet. Ich wurde verwundet und ihr seid heil geworden“ (Vers 5)? Wir wissen nicht, was er gesagt hat, aber wir wissen, welche Wirkung seine Worte hatten. Die beiden Jünger sagten später: „Brannte es nicht wie ein Feuer in unserem Herzen, als er unterwegs mit uns sprach?“ (Lukas 24,32).

In Berührung kommen

Inzwischen waren sie in die Nähe von Emmaus gekommen. Jesus tat so, als wollte er weitergehen. Aber die Jünger ließen ihn nicht: ‚Bleib doch bei uns! Es geht schon auf den Abend zu, gleich wird es dunkel!‘ Da folgte er ihrer Einladung. Als er dann mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, sprach das Segensgebet darüber, brach es in Stücke und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn. Aber im selben Augenblick verschwand er vor ihnen“ (Verse 28-31). Die Emmaus-Jünger zögerten nicht lange. Sie rannten zurück nach Jerusalem und platzten bei den Aposteln zur Tür herein. Sie schilderten gerade ihre Entdeckung, als sie von Jesus höchstpersönlich unterbrochen wurden: „Noch während sie berichteten, stand Jesus plötzlich mitten im Kreis der Jünger. ‚Friede sei mit euch!‘, begrüßte er sie. Die Jünger erschraken furchtbar. Sie dachten, ein Geist stünde vor ihnen. ‚Warum habt ihr Angst?‘, fragte Jesus. ‚Wieso zweifelt ihr daran, dass ich es bin?‘“ (Verse 36–38; Hfa). Die Jünger wussten nicht, ob sie anbetend auf die Knie fallen oder das Weite suchen sollten. Aber wie Jesus es immer mit Zweiflern tut, streckte er ihnen erst die eine, dann die andere Hand hin. Und dann kam die Einladung: „Fasst mich an.“ Das können wir auch heute noch – auf andere Art – tun. Wir können immer noch den Leib Christi anfassen. Natürlich hätten wir es gerne, wenn wir seine Wunden spüren und den Körper des Nazareners berühren könnten. Aber wenn wir mit der Gemeinde Jesu in Berührung kommen, dann tun wir genau das (Epheser 1,23). Zweifel können uns zu Einsiedlern machen und uns zum Rückzug treiben. Aber in unseren Höhlen werden wir keine Antworten finden. Jesus schenkt uns durch die Gemeinschaft Mut. Er zerstreut unsere Zweifel durch das Miteinander. Er gibt niemals einem einzelnen Menschen alles Wissen, sondern verteilt es wie Puzzleteile auf viele. Wenn wir unser Wissen miteinander verbinden und uns gegenseitig mitteilen, was wir entdeckt haben, wenn wir gemeinsam bekennen und beten, spricht Jesus zu uns. Und wenn er spricht, dann erzählt er seine eigene Geschichte. Gottes Therapie für Zweifler ist sein eigenes Wort (Römer 10,17). Hören Sie darauf?

Noch nie die Bibel gelesen

Clive Staples, genannt Jack, war ein streitbarer Ungläubiger, der seine Weltanschauung mit einem Vers des römischen Philosophen Lukrez zusammenfasste: „Hätte Gott die Welt geschaffen, wäre sie nicht so gebrechlich und fehlerhaft, wie wir sie sehen.“ Er wandte sich dem Studium in Oxford zu und wies in jedem Fach hervorragende Leistungen vor. Schon bald achteten die Dozenten ihn als einen der ihren, und er begann, zu lehren und zu schreiben. Aber dicht unter dieser Oberfläche nagten die Zweifel an ihm. Er beschrieb seinen Gemütszustand mit Begriffen wie „niedergeschlagen“, „elend“ und „hoffnungslos“. Wahrscheinlich hätte er sein gesamtes Leben damit verbracht, auf die Dunkelheit zuzusteuern, wenn da nicht zwei Dinge gewesen wären. Zuerst wurden einige seiner besten Freunde, die ebenfalls Dozenten in Oxford waren, Gott-Nachfolger und Jesus-Suchende. Zunächst dachte Jack, ihre Entscheidung sei nur Quatsch. Dann lernte er andere Lehrkräfte kennen, die er bewunderte und sehr achtete, darunter J. R. Tolkien und H. V. Dyson. Beide waren engagierte Christen und drängten Jack dazu, etwas zu tun, das er überraschenderweise noch nie getan hatte: die Bibel zu lesen. Und er tat es. Als er das Neue Testament las, war er überwältigt von der Hauptfigur: Jesus Christus. Er kam zu dem Schluss, dass Jesus entweder verrückt war oder ein Verführer oder tatsächlich derjenige, der er zu sein behauptete: der Sohn Gottes. Am Abend des 19. September 1931 machten Jack und seine beiden Kollegen Tolkien und Dyson einen langen Spaziergang – so eine Art Wanderung nach Emmaus. Sie sprachen über die Behauptungen Jesu und den Sinn des Lebens. Sie unterhielten sich noch bis spät in die Nacht. Bald nach diesem Abend wurde Clive Staples Lewis Christ. Diese Veränderung stellte seine ganze Welt auf den Kopf und in der Folge auch die Welt von Millionen seiner Leser.

Bibel, Gemeinschaft und Gebet

Was hat C. S. Lewis, diesen begabten, hochintelligenten, felsenfest überzeugten Atheisten, dazu bewegt, Jesus nachzufolgen? – Ganz einfach: Er kam in Kontakt mit dem Leib Jesu, seinen Nachfolgern, und hörte seine Geschichte, die in der Bibel erzählt wird. Kann es wirklich so einfach sein? Kann man die Kluft zwischen Zweifel und Glaube wirklich mit der Bibel und der Gemeinschaft mit Gläubigen überbrücken? – Probieren Sie es einmal aus! Vertiefen Sie sich doch das nächste Mal, wenn die Schatten des Zweifels kommen, in die alten Geschichten von Mose, die Gebete Davids, die Berichte der Evangelien und die Briefe von Paulus. Gesellen Sie sich zu anderen Nachfolgern und machen Sie Emmaus-Spaziergänge. Und wenn sich Ihnen unterwegs ein netter Fremdling mit klugen Lehren anschließt, denken Sie doch einmal darüber nach, ob Sie ihn nicht zum Abendessen einladen wollen.

Ausgabe: Frühjahr 2010

Zur Person

Max Lucado ist Pastor und Schriftsteller. Er hat etwa 50 Bücher verfasst, die immer wieder auf der Bestsellerliste der New York Times zu finden waren. Sein Buch „Leben ohne Angst“ erscheint bei Gerth Medien.