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Ab ins Unbekannte
Auswandern: Wie Abraham mit Gottes Hilfe seine Heimat fand
Von Wilfried Schulte
Auswandern liegt im Trend. Jedes Jahr wandern nach offiziellen Schätzungen mehr als 100.000 Menschen aus Mitteleuropa aus. Viele verwirklichen sich damit einen lange gehegten Wunsch. Während die einen die Sehnsucht nach einem neuen Leben antreibt, sind andere gezwungenermaßen unterwegs. Sie fliehen vor Katastrophen, Krieg und Hungersnöten. Ich selbst bin mit 17 Jahren nach Kanada ausgewandert, um zu studieren. Dreizehn Jahre später sind wir – inzwischen hatte ich eine Familie gegründet – nach Deutschland übergesiedelt. Für meine Frau und unseren beiden in Kanada geborenen Söhne war es ein Auswandern, für mich eine Rückkehr. Auswandern hat seinen Preis. Es ist nicht immer so einfach und idyllisch, wie es in manchen Fernsehsendungen dargestellt wird. Man muss oder „darf“ nicht nur eine neue Sprache erlernen, sondern muss sich auch in eine fremde Kultur einleben. Man muss lernen, umgeben von Fremdem, Ungewohntem und nicht Vertrautem zu funktionieren. Gerade das Vertraute ist es aber, was einem fehlt: die Sprache, die Traditionen und die Gebräuche. Besonders die Menschen, die einem lieb sind, sind nicht greifbar. Moderne Medien machen zwar die Kommunikation, selbst über große Entfernungen hinweg, möglich – aber die Anwesenheit eines lieben Menschen können sie nicht ersetzen. Sie helfen über den Schmerz der Trennung hinweg, erinnern uns aber gleichzeitig daran, dass wir getrennt sind. Die Erfahrung, ein Land als Tourist zu erkunden, lässt sich nicht einmal ansatzweise mit den Herausforderungen und Umstellungen vergleichen, die ein permanenter Umzug in ein neues Land und das Leben als Neuling in der Fremde mit sich bringen – bis sie zur neuen Heimat wird.
Abraham zieht in ein neues Land
Den wohl bekanntesten Auswanderer der Geschichte kennen wir nur mit Vornamen. Er hieß Abram bzw. Abraham. Er hatte die Stimme Gottes im Ohr, als er in ein Land zog, das in alter Zeit Kanaan hieß. Seine Geschichte ist in der Bibel aufgeschrieben: Der Herr sagte zu Abram: „Geh fort aus deinem Land, verlass deine Heimat und deine Verwandtschaft, und zieh in das Land, das ich dir zeigen werde! Deine Nachkommen sollen zu einem großen Volk werden; ich werde dir viel Gutes tun; deinen Namen wird jeder kennen und mit Achtung aussprechen. Durch dich werden auch andere Menschen am Segen teilhaben. Wer dir Gutes wünscht, den werde ich segnen. Wer dir aber Böses wünscht, den werde ich verfluchen! Alle Völker der Erde sollen durch dich gesegnet werden“ (1. Mose 12,1–3). Abram, der später aufgrund seines Glaubens Abraham (Vater der Vielen) genannt wird, gab viel auf: Er verließ sein Vaterland, den vertrauten Ort, der ihm Geborgenheit und Sicherheit geboten hatte. Er wandte sich von seinen Verwandten ab. Er löste Beziehungen zu Menschen auf, die ihm nahe standen. Er ging weg von seines Vaters Haus. In der damaligen Kultur war das ein ungewöhnlicher und schwerwiegender Schritt. Die Familie hatte einen hohen Stellenwert. Eine solche Entscheidung traf man nicht einfach so. Ich kann mir gut vorstellen, wie Abram mit sich gerungen hat, hin- und hergerissen zwischen Dableiben und Weggehen, zwischen dem Wunsch, verwurzelt zu bleiben, wo er war, und dem Wagemut, etwas Neues zu beginnen. Hinzu kam die Furcht, alles zu verlieren.
Von Gott gerufen
An den Grenzen unseres Lebens entscheidet sich, ob wir wirklich glauben oder nicht. Abraham nennt man auch den Vater des Glaubens. Weil man an ihm sehen kann, was Glaube ist. Glaube bedeutet im tiefsten Sinn: Vertrauen. Abraham vertraute darauf, dass er beim Verlassen seines gewohnten Terrains nicht nur seiner Abenteuerlust oder einem diffusen Fernweh folgte. An dieser Wegscheide seines Lebens, wo es links oder rechts entlang gehen kann, folgt Abraham Gottes Ruf. Er geht, aber er geht nicht allein. Denn Abraham hat eine außergewöhnliche Erfahrung gemacht: Gott hat zu ihm gesprochen. Wir wissen nicht, wie er das erlebt hat. Aber für ihn war es eindeutig und verständlich. In gewisser Weise kann ich das gut nachvollziehen. Unserem Umzug von Kanada nach Deutschland ging auch Gottes Reden voraus. Allerdings waren es mehrere Impulse statt eines einfachen „Geh weg von hier“, wie Abraham es erlebt hat. Meine Frau wurde durch die Frage eines Missionars, ob sie grundsätzlich bereit sei, nach Deutschland zu ziehen, auf diese Spur gelenkt. Ich selber war auf einer Konferenz für Evangelisation mit 1.200 Teilnehmern, als ich auf einmal nur noch einen Gedanken im Kopf hatte: „Was machst du hier? Dein Platz ist nicht hier. Es gibt hier genügend Menschen, die sich für die Verkündigung des Evangeliums einsetzen. Du wirst hier nicht gebraucht.“ Gott gibt Abraham ein Versprechen: Er soll eine neue Heimat finden. Gott selber will ihn zu einem großen Volk machen und ihn segnen, und er selbst soll ein Segen sein. Abraham hat dieser Verheißung Gottes geglaubt, sich auch vor anderen mutig zu ihr gestellt und sie weitergesagt. So wird er zum ersten Propheten in der Geschichte des Alten Testaments. Er erklärt Gottes Botschaft seiner Familie und allen, die zu seinem Haushalt gehören. Er überzeugt auch seinen Neffen Lot, so dass dieser mit ihm zieht.
Herausforderungen in der Fremde
Allerdings verläuft der Weg des Glaubens nicht immer gradlinig. Gott bringt Abraham in das ihm versprochene Land, aber es ist kein Land der Superlative. Dort leben andere Völker, die den Gott Abrahams genauso wenig kennen wie seine Landsleute in Ur in Chaldäa. Das neue Land ist keine neue geistliche Heimat. Dann zwingt eine Hungersnot Abraham, mit seiner ganzen Sippe nach Ägypten zu ziehen. Ein gefährliches Unterfangen. In Ägypten versucht er, durch eine Täuschung das Wohlwollen des Pharao zu gewinnen. Aber Gott deckt dies auf. Dass Gott ihn trotz seines eigenwilligen und unredlichen Handelns segnet – und der getäuschte Pharao ihn sogar reich beschenkt – stärkt das Vertrauen Abrahams so sehr, dass er bei der nächsten Herausforderung keine eigenen Wege mehr geht und keine unlauteren Methoden einsetzt, sondern Gott vertraut. In einem Disput über die Nutzung des Weidelandes überlässt er seinem Neffen Lot die Wahl. Lot entscheidet sich gewinnorientiert für das bessere Land mit den reichhaltigen Wasserquellen. Doch Gottes Segen liegt auf Abraham, und Gott mehrt seinen Reichtum. Das Vertrauen Abrahams wächst so sehr, dass er sogar bereit ist, auf Gottes Anweisung hin seinen einzigen Sohn, Isaak, den Garanten für den Erhalt und den Aufbau seines Namens und Volkes, zu opfern. Dabei war Isaak für Abraham der erste Beweis der Erfüllung der Verheißung, dass Gott ihm eine Nachkommenschaft schenken wollte. Und dann fordert Gott ihn auf, seinen Sohn zu opfern! Kurz bevor das Opfer verrichtet wird, schreitet Gott aber ein und verhindert es. Zu dem Zeitpunkt ist jedoch klar: Abraham ist bereit, Gott bis aufs Äußerste zu gehorchen; er erweist sich als jemand, der sich völlig auf Gott einlässt und ihm voll und ganz vertraut. Dieses Vertrauen bestimmt von da an sein Handeln und sein ganzes Leben.
Nicht allein gelassen
Gott hat ihn dabei in all seinen Erfahrungen niemals allein gelassen. Es ist geradezu rührend, wie Abraham mit seinem Gott Gespräche über seine kleinen und großen Sorgen führt. Seine Größe besteht darin, dass er sich immer wieder in Gottes Güte fallen lassen kann. So empfängt Abraham den Segen Gottes, und so wird er selbst für andere Menschen zum Segen. Auch bei unserem Umzug haben wir viele Herausforderungen erlebt. Gleich nach dem Sommer, in dem wir als Familie nach Deutschland gezogen waren, schulten wir unseren ältesten Sohn Steffen ein. Zu dieser Zeit sprach er kaum Deutsch. Wir merkten sehr schnell, wie schwer es für ihn war, mit der neuen Sprache zurechtzukommen. Deshalb überlegten wir, ihn wieder aus der Schule zu nehmen. Diese Situation belastete uns sehr. Wir fragten uns: Was muten wir unseren Kindern zu? Wir wollten ja nicht, dass sie wegen Gottes Führung in unserem Leben leiden. An einem Abend, als wieder so ein schwieriger Tag zu Ende ging, sagte unser Sohn zu meiner Frau: „Mama, Gott hat uns doch nach Deutschland geführt. Dann wird alles gut werden, und ich schaffe auch die Schule.“ Wir hatten damals große Sorge, unserem Sohn keine gute Grundlage für seine Zukunft zu geben. Im Rückblick sehen wir aber: Gott wusste es besser. Er hat Steffen durch seine Zweisprachigkeit so geführt, dass er später in Südafrika und in Kanada studieren konnte, und heute schreibt er an seiner Doktorarbeit.
Glaubensheld
Abraham wird im Neuen Testament „Glaubensheld“ genannt. Warum? Er glaubte fest an Gott und hörte auf ihn. Als Gott ihm befahl, in ein Land zu ziehen, das ihm erst viel später gehören sollte, verließ er seine Heimat. Dabei wusste er überhaupt nicht, wohin er kommen würde. Er vertraute Gott. Das gab ihm die Kraft, als Fremder in dem Land zu leben, das Gott ihm versprochen hatte. Abraham wusste außerdem, dass die Zusage Gottes größer war als das verheißene Land Kanaan. Denn er wartete auf die Stadt, die wirklich auf festen Fundamenten steht und deren Gründer und Erbauer Gott selbst ist (Hebräer 11,8-10). Wie Isaak und Jakob, denen Gott dieselbe Zusage gegeben hatte, wohnte er nur in Zelten. Die Spuren, die er in dem neuen Land hinterließ, waren keine Häuser oder Monumente, sondern Altäre, die er als Zeichen der Begegnung mit seinem Gott baute. Nur eine Grabhöhle erwarb er, um seine Frau Sarah zu bestatten. Den anderen Bewohnern Kanaans – den Nomaden, die auch in Zelten lebten, und den Siedlern, die Häuser gebaut hatten – ließ er ihren Lebensraum. Immer zum Aufbruch bereit, blieb er in dem neuen Land eigentlich ein wenig fremd – und das, obwohl es sein eigenes Erbe war. Abraham hatte alles hinter sich gelassen, um dem Ruf und der Zusage Gottes zu folgen. Dass sein Leben dadurch nicht eben einfacher wurde, ist unumstritten. Und doch musste er sich gerade wegen seiner Fremdheit in dem neuen Land an seinem Gott festhalten, der ihm immer vertrauter wurde und dem er immer mehr Vertrauen schenken konnte. Die Beziehung zu Gott bot Abraham schließlich mehr Geborgenheit, Sicherheit und Erfüllung als irgendeine Heimat oder ein Land ihm geben konnte. Und er wusste: Das Ziel aller Wanderungen ist Gott selber.
Wilfried Schulte ist Direktor von Neues Leben und Herausgeber dieses Magazins
Ausgabe: Sommer 2011