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Die 8 schrägsten Single-Gerüchte
Von Christiane Henrich
Neulich predigte mein Pastor über Psalm 23. Es ging darum, dass wir nie genug kriegen können, obwohl uns Gott doch immer genug geben will. Bei einem Satz der Predigt blieb ich hängen. Der Pastor fragte: „Wie würdest du diesen Satz beenden: ,Um wirklich glücklich zu sein, bräuchte ich ...’?“ Und – zack! – schneller als jemand „Speed-Dating“ oder „Single-Chat“ sagen kann, schoss mir durch den Kopf: „Einen Mann und Kinder!“
Ehrlich gesagt war ich in diesem Moment ein bisschen entsetzt. Über mich. Schließlich bin ich eine halbwegs gereifte Frau von frisch gefeierten vierzig Jahren, und mein Leben definiert sich nicht ausschließlich über meinen Familienstand: Ich habe einen richtig coolen Job, gehöre zu einer netten Gemeinde, liebe Kino und Singen. Ich habe Humor, Freunde, ’ne Mietwohnung und – thanks to the Abwrackprämie – ein nigelnagelneues Auto. Das alles – und hoffentlich noch viel mehr – gehört zu mir, definiert mich, macht mich und mein Leben aus. Übrigens bin ich auch erbitterte Gegnerin der These, dass ein Mensch nur als Teil eines Doppelpacks vollständig sein kann. Soweit zur Theorie ...
Tatsache ist: Mein Lebensentwurf sah anders aus. Mit fünfzehn wollte ich auf gar keinen Fall vor fünfundzwanzig heiraten – aber dann schon! Und ich wollte entweder zwei oder vier Kinder (Bei dreien verbünden sich immer zwei gegen einen – und ein verzogenes Einzelkind geht gar nicht!). Leider ließ sich dieser Plan nicht in die Tat umsetzen. Was mich daran echt nervte (mal abgesehen vom Offensichtlichen) war, dass ich im Umfeld meiner Gemeinde immer wieder das Gefühl hatte, nicht für voll genommen zu werden, weil ich keinen Freund, Verlobten oder – noch besser! – Ehemann vorweisen konnte. Ich hatte den ziemlich direkten lebenden Vergleich in Gestalt meiner um ein Jahr jüngeren Schwester vor Augen, die sich mit vierzehn ihren heutigen Mann geangelt hatte und deren Meinung offenbar mehr zählte als meine.
Ich habe im Lauf der Jahre festgestellt, dass es in unseren Gemeinden tatsächlich einige leicht schräge Vorstellungen in Bezug auf Singles gibt, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Sie dümpeln im Unterbewusstsein dahin – und verletzen, wenn sie von dort unvermittelt an der Oberfläche auftauchen. Vor allem uns Partnerlose, die wir bei diesem sehr privaten und oft schmerzhaften Thema schnell empfindlich reagieren. Darum wünsche ich mir, dass Singles und Nicht-Singles miteinander reden lernen und gemeinsam solche Missverständnisse aus der Welt schaffen. Und dass Singles lernen, selbstbewusst ihren Platz im Reich Gottes und in ihren Gemeinden zu finden. Es wäre schon viel gewonnen, wenn Singles zugeben würden, wenn ihnen eine Bemerkung oder ein Verhalten gegen den Strich geht oder gar wehtut. Ja, das macht verletzlich – aber nur so kann vermieden werden, dass folgende schräge Gerüchte sich für alle Zeiten halten.
1. Singles fehlt was
In vielen christlichen Gemeinden könnte man schnell den Eindruck kriegen: Ein Mensch ist nur dann vollständig, wenn er – nach Gottes Schöpfungsordnung! – verheiratet ist und Kinder in die Welt setzt. In Predigten hört man schon mal Sätze wie: „Weil Singles ja leider noch keinen Partner gefunden haben ...“, oder auch: „(Nur) In der Ehe erfüllt sich die Bestimmung des Menschen, der ja auf ein Gegenüber hin geschaffen wurde!“ Diese Weltsicht ist natürlich nicht völlig unberechtigt – Ehe und Familie sind zweifellos eine geniale Erfindung Gottes, und die meisten christlichen Singles, die ich kenne, hätten sehr gern das eine wie das andere.
Meine heutige Gemeinde ist, wie auch meine Heimatgemeinde, extrem familienorientiert – was ich super finde. Wer als Familie (oder als Paar) zuzieht, wird von allen Seiten herzlich in Empfang genommen, zum Kaffeetrinken oder Grillen eingeladen und gepampert – das ist schön! Als Single fühlt man sich oft nicht wirklich dazugehörig. Sobald man aber Erfolg in Gestalt eines Freundes/einer Freundin vermelden kann, wird man überschwänglich dazu beglückwünscht und steigt in die Liga der Eingeladenen auf – willkommen im Club!
Das mag zwar aus soziologischer Sicht durchaus nachvollziehbar sein – aber biblisch begründbar ist es nicht. Denn, hey, schon Jesus war Single! Und auch sein großer Fürsprecher Paulus ist allein durchs Leben und durch die Welt gewandelt – und hat wesentlich dazu beigetragen, das Reich Gottes auf dieser Erde zu verbreiten. Die Schöpfungsgeschichte mit Mann, Frau und Vermehrungsbefehl kann also nicht im Umkehrschluss bedeuten, dass ich bei Gott fehl am Platz bin, wenn ich außerhalb des Familien-Rasters lebe. Darum finde ich es für mein Selbstwertgefühl wichtig, mir bewusst zu machen, dass ich für Gott genauso wertvoll und vollständig bin wie Leute im Doppelpack.
2. Singles haben Zeit
„Singles haben mehr Zeit als Paare oder Familien, denn sie müssen sich ja nur um sich selbst kümmern. Außerdem sind sie viel flexibler. Fazit: Singles sind die perfekten Gemeindemitarbeiter!“ Ehrlich gesagt, krieg ich immer ein bisschen den Fön, wenn ich das höre – manchmal deutlich ausgesprochen, manchmal eher unterschwellig vernehmbar. Zugegeben: Wir müssen nicht jeden Termin mit dem Göttergatten absprechen und wir haben auch keinen Ballett-, Reit-, Flöten- oder sonstigen Unterricht, zu dem wir jemanden hinfahren müssten. Wir sind flexibler!
Aber auch wir haben ein Leben – und das ist bei den allermeisten durch einen stressigen Ganztagsjob schon ziemlich ausgefüllt. Wir brauchen Zeit, um soziale Kontakte zu pflegen, die bei Paaren und Familien zumindest teilweise schon zwangsläufig vor Ort stattfinden. Und wir müssen uns um viele Dinge allein kümmern, die sich Paare und Familien teilen können. Der Aufwand beim Kochen, Wäschewaschen, Einkaufen, Badputzen, Unkrautjäten, Schneeschippen, Autowaschen und Die-günstigste-Flatrate-Organisieren vergrößert sich meines Erachtens entweder gar nicht oder zumindest nicht proportional zur Anzahl der beteiligten Personen. Soll heißen: Wenn ich für mich, meinen nicht vorhandenen Mann und meine nicht vorhandenen vier Kinder Spaghetti mit Soße koche, ist der Aufwand nur sehr unwesentlich höher, als wenn ich die Spagetti für mich allein koche. Grandios wird’s, wenn mein nicht vorhandener Mann in der Zwischenzeit noch den Müll rausbringt, Getränke holt oder beim Auto nach dem Öl guckt (boah, alle Klischees dieser Welt!).
Ich finde es deshalb wichtig, mir kein schlechtes Gewissen zu machen (oder machen zu lassen), wenn ich mal nein zu Gemeindeaktivitäten und Mitarbeiteranfragen sage (P.S. Ähnliches gilt übrigens auch für das Gerücht „Singles haben mehr Geld“ – aber das hat nicht ganz so direkt mit dem Gemeindeleben zu tun ...).
3. Singles sind arme Würstchen
Ich bin in der glücklichen Lage, von Natur aus ein sonniges Gemüt zu haben. Das Glas ist meistens halbvoll statt halbleer und ich hab fast immer gute Laune. Aber auch bei mir gibt's Situationen, in denen ich mich wie ein armes Würstchen fühle – ganz einfach, weil ich nie Bock aufs Singlesein hatte und immer wieder mal wieder feststelle: „It sucks!“
Klar, wenn ich das heulende Elend kriege, dann bin ich in den Augen anderer (und vor allem in meinen eigenen!) echt bemitleidenswert. Aber ich bin nicht gern ein Sozialfall, um den man sich großzügig kümmern und den man beschäftigen muss, weil er sonst in Depressionen verfällt. Solche meistens wirklich gut gemeinten „Hilfsangebote“ verletzen oft mehr, als dass sie helfen. Das fühlt sich nämlich oft sehr „von oben runter“ an (Motto: „Mir geht’s ja super, weil ich einen Mann/eine Frau abgekriegt hab! Aber, du Ärmste, wir unternehmen jetzt mal was mit dir, damit du nicht ganz allein rumhockst ...“). Ich möchte stattdessen lieber etwas mit Freunden unternehmen, denen ich abspüre, dass sie einfach gerne Zeit mit mir verbringen und mir ihre Aufmerksamkeit nicht nur aus Pflichtgefühl schenken.
Noch verletzender wird’s, wenn andere mich spüren lassen, dass sie mich nicht ernst nehmen, weil mir in manchen Bereichen bestimmte Erfahrungen fehlen. Aber erstaunlicherweise heulen sich immer mal wieder Leute über ihre Beziehungs- oder Erziehungsprobleme bei mir aus und holen meinen Rat ein. Vielleicht muss man gar nicht so viel eigene Erfahrung gesammelt haben, um qualifizierte Beiträge liefern zu können? Vielleicht reicht es auch schon, mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu laufen? Mit einem Anteil nehmenden Herzen? Mit dem Willen, sich in die Lage von anderen hineinzuversetzen? Ich denke, wir sollten uns unserer Fähigkeiten und unserer meistens durchaus vorhandenen Lebenserfahrung bewusst sein und selbstbewusst damit umgehen – die hat Gott uns nämlich geschenkt.
Ach ja: Und falls das Selbstmitleid doch mal zuschlägt, versuche ich, mich nicht reinzusteigern – aber es ist dann auch okay, dass ich mal einen Abend lang auf dem Sofa hocke und heule ...
4. Singles sind beneidenswert
„Du hast’s gut, du kannst machen, was du willst!“ Ich schätze, ich bin nicht der einzige Single, der diesen Satz schon mal gehört hat. Stimmt ja auch: Ich kann samstags ausschlafen und habe mein eigenes Zimmer (Neulich sagte mir eine langjährige Singeline, die kürzlich geheiratet hat: „Das ist das Schlimmste am Verheiratetsein ist, dass ich kein eigenes Zimmer mehr hab!“). Ich muss niemandem Rechenschaft ablegen (außer Gott, natürlich – als gute Christin ...). Ich muss nicht ständig Termine mit dem Partner absprechen und nachfragen, ob denn dies oder das oder jenes genehm ist. Ich kann kochen, was ich will, und essen, wann und wo ich will. Ich kann spontan übers Wochenende wegfahren. Und: Ich habe die Macht über die Fernbedienung!
Das alles genieße ich sehr und weiß: Sollte irgendwann doch noch der Traumprinz auf dem weißen Rössl angeritten kommen, wird es mir schwerfallen, diese Freiheiten aufzugeben. Ich kann nachvollziehen, dass mich Paare und vor allem Eltern darum beneiden. Mir ist bewusst, dass Beziehungen meistens nicht rosarot und Kinder nicht bloß niedlich, sondern auch anstrengend sind. Aber ganz ehrlich – ich nehme es ihm meistens nicht ab, wenn jemand seufzt: „Manchmal wär ich am liebsten wieder Single!“ Worauf ich schon mal gerne antworte: „Willste tauschen?“ Ja, für ein paar Wochen sicher – aber für immer? Die Möglichkeit aufgeben, das Leben mit dem geliebten Menschen zu teilen und zusammen alt zu werden? Momente aufgeben, in denen ein Kind die Arme um deinen Hals legt und sagt: „Ich hab dich so lieb, Mama!“? Vielleicht ist unser Job als Singles manchmal einfach nur, anderen ins Bewusstsein zu rufen, welches Geschenk sie mit einer Partnerschaft und ihren Kids bekommen haben.
5. Singles gibt’s bei uns nicht
Die Außenwirkung meiner Gemeinde ist: „Wir sind ein großer, glücklicher Zusammenschluss vieler Familien.“ Von Singles merkt man wenig – was schlicht daran liegt, dass wir nicht besonders viele sind. In meinen vierzig Jahren in der frommen Welt habe ich gefühlte 798 Predigten über Ehe und Familie gehört – und das nicht nur bei Hochzeiten. Die Anzahl der Predigten zum Thema Singles bewegt sich, glaube ich, bei unter zehn. Letzteres finde ich grundsätzlich völlig okay – ich stehe nicht besonders auf explizite Single-Predigten! Aber auch ich gehöre dazu und würde mir wünschen, dass in den ganz normalen Kanzelreden ab und zu mein lediger und kinderloser Familienstand miteinbezogen würde wie der von Paaren und Kinder-Besitzenden. Viele Beispiele in Predigten beziehen sich auf Ehe und/oder Familie – da könnte man ja auch mal ein Single-Beispiel dranhängen. Oder Beispiele suchen, die alle mit einschließen, damit ich mir nicht ausgeschlossen vorkomme. Ich verstehe schon, dass den meisten Predigern die Familienbeispiele näher liegen, denn selbst nach langem Nachdenken ist mir aus meinem persönlichen Umfeld kein einziger predigender Single eingefallen, ob männlich oder weiblich. Hier also mein Aufruf: „Singles dieser Welt, macht eure Pastoren und Gemeindeleute auf nette und konstruktive Art drauf aufmerksam, dass ihr existiert und in der Gemeindewahrnehmung vorkommen möchtet!“
6. Singles wollen Singlekreise
Ja, es gibt in meiner Gemeinde noch andere Singles. Ja, unsere Lebenssituation ist anders als die von Verheirateten und Eltern. Nein, sie werden deshalb nicht automatisch zu meinen Seelenverwandten, Vertrauten oder Lebensbegleitern.
Nur weil jemand keinen Partner hat, liege ich nicht automatisch auf seiner Wellenlänge – oder er auf meiner. Okay, mein Hauptinteressensgebiet liegt zurzeit nicht bei der Frage, wie ein harmonisches Eheleben gelingt oder welche Windelsorte die beste ist (obwohl ich mir über Letzteres durchaus schon mal Gedanken mache, schließlich hab ich einen süßen kleinen Neffen, dessen Wohlbefinden wesentlich davon abhängt!). Aber ich hab mal läuten hören, dass sich tatsächlich auch manche Nicht-Singles mit anderen Themen beschäftigen ...
Einer der Gründe, warum ich nicht auf Singlekreise und -aktivitäten in Gemeinden stehe, ist der, dass mir so was oft sehr gezwungen vorkommt, wie eine bunt (und nicht immer gut bunt) zusammengewürfelte Truppe von Leuten, die außer ihrem Familienstand wenig gemeinsam haben. Klar, man kann auch von der Unterschiedlichkeit der Menschen profitieren und lernen. Aber für mich entsteht da der (natürlich sehr subjektive) Eindruck, dass man sich vor allem erst mal gegenseitig abcheckt, um zu schauen, ob was Brauchbares dabei ist. Oder dass man mehr oder weniger trübe-timpelig beieinander hockt, weil eben nichts Brauchbares dabei ist.
Gott näherkommen, ihn besser kennenlernen, mich mit seinem Wort beschäftigen, Erfahrungen mit ihm machen – das möchte ich am liebsten gemeinsam mit Menschen tun, die mit mir auf einer Wellenlänge liegen, mit denen ich lachen und ernst sein und reden und schweigen und beten kann. Außerdem schätze ich, dass so mancher (verheiratete) Mann den Skatabend mit seinen Single-Kumpels sehr genießt und dass so manche Mami sich freut, wenn man sie ab und zu aus der Peripherie der aufgeschürften Knie und Hausaufgaben-Katastrophen entführt. Die beste Freundin der Welt (gerade seit einem Jahr glücklich verheiratet) schrieb mir kürzlich eine SMS: „Die Freundschaft mit dir kann kein Mann dieser Welt ersetzen!“ Noch Fragen?
7. Singles haben die falsche Herzenshaltung
„Ich musste erst das Verlangen nach einem Partner ganz an Gott ab- und ihm mein ungeteiltes Herz geben – erst dann konnte er mir einen Mann/eine Frau schenken!“ Häch? Hab ich da was falsch verstanden? Erwartet Gott erst eine bestimmte innere Einstellung von mir, um mich mit dem Geschenk einer Partnerschaft zu beglücken? Stimmt also was mit meinem Glauben nicht? Wo ist denn der Du-kannst-so-kommen-wie-du-bist-und-ich-liebe-dich-bedingungslos-Gott hin verschwunden? Und ganz davon abgesehen: Sind alle Verheirateten tatsächlich so viel heiliger als ich?
Klar, Gott will mein ungeteiltes Herz. Aber wenn es unmöglich wäre, darin auch noch die Liebe zu Ehepartner und Kindern, zu Eltern, Geschwistern, Großeltern, Tanten, Onkel, Nichten, Neffen und Freunden unterzukriegen – dann würde ich mal vermuten, dass 99,99 Prozent aller Christen ein ziemlich unheiliges Leben führen.
Als der blinde Bettler Bartimäus hinter Jesus herschrie, hat der sich nicht umgedreht und gesagt: „Bring erst mal deine Prioritäten in die richtige Reihenfolge!“ Er hat gefragt: „Was kann ich für dich tun?“ Ganz direkt und ohne Umschweife (Diese Frage hat er übrigens sehr oft gestellt, wenn Menschen mit Nöten und Bedürfnissen zu ihm kamen). Nein, Jesus ist kein Weihnachtsmann, der die verlangten Geschenke bringt und dann auf seiner Liste abhakt: „Einen perfekten Supertypen für Jani – erledigt!“ Manche Wünsche erfüllt er einfach nicht (und das gilt nicht nur für Single-Wünsche). Aber er hört sich unsere Bitten gern an und macht deren Erfüllung nicht von Vorbedingungen abhängig.
8. Singles haben Jesus
„Mach dir nichts draus – du hast doch immer noch Jesus!“ Diese Worte sprach vor Jahren eine Bekannte von mir tröstend und mitleidvoll mitten in meine gerade sehr frustige Singlewelt hinein. Sie hat’s mit Sicherheit gut gemeint. Aber eine solche Aussage impliziert, dass ich gar keinen Grund habe, etwas oder jemanden zu vermissen, denn Jesus will ja alles für mich sein. Nun muss ich also zu allem Überfluss auch noch ein schlechtes Gewissen haben, weil ich einen Mann will!
Gut, irgendwie hatte sie ja auch Recht: Jesus ist für mich da, hört mir zu, ist mein Trost und Halt und mein ständiger Begleiter in guten wie in bösen Tagen. Aber erstens ist er nicht mein persönlicher Bräutigam, wie das schon mal gern als Supertipp in Single-Büchern oder -ansprachen proklamiert wird (Die Braut Jesu ist die gesamte christliche Gemeinde – und ich würde mir nicht anmaßen wollen, diesem Anspruch gerecht werden zu können. Interessant wäre übrigens in diesem Zusammenhang mal die Frage, wer Jesus denn dann für Verheiratete ist – oder für männliche Singles, so gesehen ...). Und zweitens kann Jesus mich nicht nach einem harten Tag in den Arm nehmen und küssen, mir bei der Finanzplanung, beim Autokauf und beim Kochen helfen oder – let’s face it! – meine sexuellen Bedürfnisse befriedigen.
Ich finde es, ehrlich gesagt, ziemlich seltsam, mir Jesus als meinen Liebespartner vorzustellen, denn das ist er einfach nicht. Ich hätte das Gefühl, ihn auf irgendeine schräge Art zu missbrauchen. Er will mit mir eine individuelle und enge Beziehung haben, ja – genauso wie mit jedem anderen Menschen auf unserer weiten Erde, unabhängig vom Familienstand. Aber das ist eben eine andere Art von Beziehung.
Ich finde, ich habe durchaus das Recht, etwas in meinem Leben zu vermissen, wenn ich keinen menschlichen Partner habe. Das Gute an meiner Freundschaftsbeziehung mit Jesus: Er weiß, wie sich Singlesein anfühlt. Er versteht meine Sehnsüchte, mein Hoffen und auch meinen Frust, denn er hat diese Situation selbst erlebt. Als Mensch hier auf der Erde. Es tut einfach gut zu wissen, dass der Göttliche meine Menschlichkeit kennt und versteht.
Zur Person
Christiane Henrich, Jahrgang 1969, ist als Redakteurin für die christliche Kinderzeitschrift KLÄX verantwortlich. Am Singlesein findet sie genial, dass sie immer wieder mal ganz spontan mit Freunden übers Wochenende nach Holland fahren kann - ohne jemanden um „Erlaubnis“ zu fragen ... Und sie kann Billy-Regale ganz allein aufbauen!

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