Magazin :: Artikel


(c) iStock/airportrait

Erotische Kräfte lenken lernen


Wie es gelingt, leidenschaftlich und klug zu leben in einer sexualisierten Welt

Von Jörg Berger

Wechselnde Sexualpartner, Internetpornos, erotische Abenteuer außerhalb der Ehe – viele Menschen erliegen der sexuellen Macht und Versuchung ihrer Umwelt. Wie sollen sie dann zurückfinden zu einer gesunden Sexualität? Die Frage, wie die eigene Weiblichkeit und Männlichkeit verantwortungsvoll gestaltet wird, ist dabei von entscheidender Bedeutung. Carla ist eine attraktive Frau.

Sie wirkt jugendlich, lässig, frisch und lebendig – wie ein Teenager. Und dass obwohl sie schon zwei Kinder im Schulalter hat. Ihre Familie allerdings erlebt sie gerade als ermüdend. Sie hat sich vor kurzem in einen Künstler verliebt, der ihr wahres Wesen sieht – jedenfalls hat Carla dieses Gefühl. Sie überlegt ernsthaft, sich von ihrer Familie zu trennen.

Johanna hat etwas Strahlendes. Von ihr geht einfach gute Laune aus. Ihr Blick ist intensiv, vermittelt Wärme und das Gefühl, angenommen zu sein. In den letzten Jahren haben mehrere verheiratete Männer Johanna ihre Liebe gestanden. Sie meint, sie habe sich in keiner Weise unkorrekt verhalten. Oder doch?

Lutz kommt jungenhaft daher. Er punktet oft mit Bescheidenheit und zeigt auch mal, wenn er verlegen ist. Mit seiner Frau geht Lutz sensibel und verständnisvoll um. Aus diesem Grund hat er auch Schuldgefühle, weil er dem erotischen Angebot im Internet immer weniger widerstehen kann.

Frieder ist ein väterlicher Typ. Er arbeitet an der Universität und betreut dort die studentischen Hilfskräfte, meist Studentinnen. Frieder entscheidet, wer von ihnen die Chance auf eine Promotion bekommt. Wenn eine Studentin einmal mit ihm flirtet, bedeutet das soviel wie „Papa, finde mich toll und hab mich lieb.“ Frieder bemerkt, wie Studentinnen beiläufige Berührungen geschehen lassen und wie in der Luft liegt: „Da wäre noch mehr drin.“ Sich als Mann oder Frau attraktiv zu fühlen, setzt Lebensfreude frei. Männer spüren diese Kraft im Umgang mit Frauen und zeigen sich ihnen gegenüber ritterlich und charmant. Frauen wiederum geben sich Männern gegenüber berührbar, inspirierend, fürsorglich, nicht mehr nach einem festen Rollenschema, sondern immer freier und selbstbestimmter. Die erotische Vitalität stellt uns aber auch vor eine Herausforderung: Je stärker ein Mensch erotisch erlebnisfähig ist, desto eher kann er verführen oder verführt werden – wie die gerade beschriebenen echten, aber verfremdeten, Beispiele aus meiner Praxis zeigen.

Sexualität braucht Verantwortung

Vor allem auf zweierlei Weise können erotische Kräfte entgleisen: durch Kontrollverlust und durch Selbstbezogenheit. Allerdings kann man beiden Risiken verantwortlich begegnen. Menschen wissen eigentlich ziemlich genau, in welchen Situationen sie die Kontrolle über sich haben und in welchen Situationen nicht. Die Lösung ist daher einfach, aber mit Verzicht verbunden: Ich darf mich keiner Situation aussetzen, über die ich nicht die Kontrolle habe. Ein Beispiel: Der eine kann die Kollegin nach einem Geschäftsessen nach Hause fahren, der andere sollte das nicht tun.

Eine einmal verlorene Kontrolle zurückzugewinnen ist mühsam, aber möglich: Ein kompetenter Begleiter, dem man Rechenschaft gegenüber ablegt, kann das außereheliche Verliebtsein entzaubern, wieder Vernunft und Gefühle in Einklang bringen und den Verzicht ermöglichen auf ein Erlebnis, dessen Preis einfach zu hoch wäre.

Bei selbstbezogener Liebe verhält es sich anders: Sie spielt mit den Gefühlen des anderen, genießt das Verliebtsein, das sie weckt und die erotische Macht über den anderen. Man legt besser früher als später seine Naivität ab: Nicht alles, was sich schön anfühlt, ist auch von Achtung für meine Person getragen. Ein selbstbezogen Umworbener sucht am besten Abstand. Unbeteiligte sollten selbstbezogen Liebende mit den Auswirkungen ihres Verhaltens konfrontieren. Wer erotische Macht hat, muss lernen, sie nicht zu missbrauchen.

Auch bei einer verantwortlichen Gestaltung erotischer Kräfte bleibt ein Restrisiko. Keiner kann alle Situationen voraussehen. Niemand entdeckt alle Motive, die sich im eigenen Verhalten verbergen und in dem anderer. Wenn Christen im Vaterunser beten: „Und führe uns nicht in Versuchung“, dann legen sie auch das erotische Restrisiko in Gottes Hand. Als Christ zu leben, bedeutet auch an diesem Punkt wachsam zu sein, aber nicht ängstlich. Wer verantwortliche Grenzen wahrt, darf entdecken, was ihn attraktiv macht und sich dem aussetzen, was zwischen Frauen und Männern entsteht: Anziehung, Ergänzung, eine besondere zwischenmenschliche Berührung.

Sexualität braucht Verwandlung

Kein Mensch kann sich sexuell voll ausleben – weil es dazu ein Gegenüber braucht, das nicht immer verfügbar ist. Und auch der eigene Partner kann nicht alles verkörpern, was sexuell schön und möglich wäre. Wie Menschen mit unerfüllter Sexualität umgehen, zeigt ein Blick in die Statistiken. In einer repräsentativen Studie des Sexualforschers Gunther Schmidt zeigte sich folgendes Bild: Etwa ein Drittel der Menschen, die in einer festen Partnerschaft leben, gehen fremd. Mehr als Dreiviertel aller Männer befriedigen sich selbst und haben dabei Fantasien, die ihre Erlebnisse in der Partnerschaft ergänzen, auch fast die Hälfte aller Frauen tun dies. Ein Trend ist die befristete Treue: Paare bleiben sich treu, wechseln die Beziehung aber, sobald ihr erotisches Potenzial erschöpft ist. Dieses gesellschaftliche Bild könnte man als Widerlegung der Ehe werten. Man kann darin aber auch eine Not sehen, die nicht weiß, wie erotische Kräfte zu lenken sind.

Der Psychoanalytiker Sigmund Freud hat sich als erster systematisch mit den sexuellen Triebkräften des Menschen beschäftigt. Er hat auch ein Phänomen entdeckt, das er Sublimierung nannte: Kräfte hinter der Sexualität können sich in schöpferische und geistige Leistungen verwandeln. Dahinter steht folgender Gedanke: Es gibt eine Grundenergie, die sich sexuell entfalten kann, aber auch auf andere Weise lebendig ist: im innigen Miteinander von Eltern und Kindern, in zwischenmenschlicher Herzlichkeit und überhaupt in allem, was mit Leidenschaft angegangen wird. Folgt man diesem Gedankengang, heisst das: Wenn diese Energie fließen darf, muss sie sich nicht unbedingt sexuell ausdrücken. Das zeigt sich besonders, wenn sich Klostertüren öffnen und wir auf Menschen treffen, die ehelos leben. Sie lassen ihre Leidenschaft in ihre Gottesbeziehung fließen, in herzliche menschliche Zuwendung und in einen sinnesfrohen Lebensstil, der die Schönheit der Welt zu genießen weiß. Es gibt eine Reihe von Orten, an denen sich so sexuelle Energie verwandelt:

• Die Beziehung zu Gott wird in der Bibel häufig mit „erotischen“ Bildern beschrieben: von Braut und Bräutigam (Offenbarung 19,7ff), sogar im Vergleich mit dem Liebesakt (Epheser 5,31f). Die Bibel fordert zu einer sinnlichen Liebe zu Gott auf und leitet zu ihr an: von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzer Kraft (Markus 12,33).

• Die Hinwendung zum Menschen. Wer einmal kleine Kinder versorgt oder alte Menschen gepflegt hat, kennt die Erfahrung, die in einer fürsorglichen Nähe zu Menschen liegt. Menschliche Berührung, sei es ein Lächeln oder eine ermutigende Hand auf die Schulter, zu empfangen, kann einen tiefen Glücksmoment bedeuten.

• Eine herausfordernde Tätigkeit, die ein Kribbeln, einen Kick, ein Glücksgefühl weckt. Der Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi sagt uns, wann das am ehesten geschieht: wenn die Tätigkeit den Gaben und Fähigkeiten eines Menschen entspricht, wenn sie anderen Menschen zu Gute kommt, wenn ich ihr Ergebnis im Augenblick der Tätigkeit schon wahrnehmen kann.

• Ein sinnesfroher Lebensstil entdeckt die Schönheit der Natur, das Fest einer Mahlzeit, die Faszination schöner Gegenstände und der Kunst. Um das alles zu genießen braucht es etwas, was heute knapp ist: Zeit und eine Ruhe vor Reizen, die unsere Sinne gefangen nehmen.

Ein leidenschaftliches Leben ist alleine schwer zu finden in einer Gesellschaft, die uns nicht nur sexuell überstimuliert. Kirchen können eine Gegenkultur sein, die dem Einzelnen hilft, ein leidenschaftlicher Mensch zu werden. Dort werden Menschen ermutigt, die Sexualität auf die Ehe zu beschränken und in ihr zu entfalten. Sie lernen das Glück einer langjährigen Ehe und eines gemeinsamen Lebenswerkes zu suchen. Christliche Gemeinschaft kann in Erfahrungsfelder führen, in denen sich sexuelle Energie verwandelt: ein herzliches, authentisches Miteinander, ein Dienst am anderen, der von Herzen kommt, eine schöpferische Entfaltung von Fähigkeiten und nicht zuletzt die Berührung mit einem Gott, der eine innige Verbindung mit dem Menschen sucht. All das sind auch Erfahrungsfelder für weibliche und männliche Lebendigkeit. Frauen lieben, dienen, glauben anders als Männer. Das kann zu einer anregenden Form von Gemeinschaft führen, in der sich Weiblichkeit und Männlichkeit entfalten.

Jörg Berger ist als Psychotherapeut in eigener Praxis tätig. Er lebt mit seiner Familie in Heidelberg.

BUCHTIPP

Ein loderndes Feuer –

Frauen, Männer und das Wagnis der Intimität
Jörg Berger. 160 Seiten, EUR 7,95/CHF 13.50, Francke, Marburg.

 

Ausgabe: Herbst 2011