Magazin :: Artikel

Geht nicht, gibt's nicht
Wie Sie die Kraft für ein besseres Leben aufbringen können
Von Stefan Rüth
Eigentlich wollte sie alles hinschmeißen. Den Job als Bauleiterin an den Nagel hängen. So hatte sie keinen Spaß mehr. Ständig macht ein Kollege Eva Schröder das Leben schwer. Anfangs denkt sie, das geht wieder vorbei. Doch die Situation im Büro wird immer belastender und raubt ihr zunehmend Kraft und Lebensfreude. Schließlich nimmt sie sich ein paar Tage frei, um über ihre berufliche Situation nachzudenken. Sie fährt an einen See, wissend, dass ihr die Ruhe und Natur schon immer dabei geholfen haben, die Lage von außen zu betrachten: „Wie kann ich diesem täglichen Trott entkommen, dem Leben eine Wendung geben, mal etwas anderes machen?“, fragt sie sich, 45 als sie den Segelbooten zusieht. Und plötzlich leuchtet ihr ein: Kein neuer Job, kein Umzug muss her, sondern es reicht schon ein Hobby, das sie auf andere Gedanken bringt: Sie will Segeln lernen! „Noch am selben Tag habe ich mich für den Vierteljahreskurs angemeldet.“ Eva Schröder unternimmt einmal mehr etwas, das ihr schon an vielen Tiefpunkten geholfen hat: Sie rappelt sich auf und wagt etwas Neues.
Strategien gegen Krisen
Welchen Schwierigkeiten sahen Sie sich schon gegenüber? Welche Schicksalsschläge mussten Sie schon einstecken? Und wie haben Sie es geschafft, dass Sie an den herausfordernden Situationen nicht zerbrochen sind? Wenn es im Leben dicke kommt, ist jeder gezwungen, sich mit seinem Leben und den Anforderungen, die dadurch an ihn gestellt werden, auseinanderzusetzen. Neun von zehn Deutschen vertrauen dabei ihrer eigenen Leistungskraft und positiven Grundeinstellung. Aber auch Freunde (80 %) und die Erfahrung, im Leben schon viele Herausforderungen gemeistert zu haben (81 %), schenkten den Befragten bei der Bewältigung von Krisen neue Kraft. Immerhin knapp die Hälfte der Leidgeprüften gibt an, dass ihnen ihr Glaube oder Spiritualität dabei geholfen habe, die Krise zu überwinden (Forsa). Eva Schröder kennt alle vier Herangehensweisen aus eigener Erfahrung. Durch das Segeln lernte sie neue Menschen und Sichtweisen kennen und vergaß zusehends die Probleme im Büro. „Ich hatte einfach eine Sache gefunden, die mich innerlich wieder aufbaute.“ Heute allerdings denkt sie: „Hätte ich nur damals schon meinen Halt in Gott gehabt, es wäre mir vieles leichter gefallen.“ Stattdessen bewies die Ostberlinerin, die im Mai letzten Jahres zum christlichen Glauben fand, über viele Jahre Stehaufmännchen-Qualitäten: hinfallen, scheitern, wieder aufstehen. Immer wieder verließ sie sich dabei auf ihre eigene Kraft.
Die inneren Kräfte mobilisieren
Resilienz nennt die Psychologie diese seelische Widerstandskraft. Sie setzt sich zusammen aus einem breiten Repertoire von Strategien, Eigenschaften und Fähigkeiten, die Menschen aktivieren, um schwere Schicksalsschläge und außergewöhnliche Widrigkeiten nicht nur zu überwinden, sondern auch gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Entscheidend dabei ist die Sichtweise, dass es nicht in erster Linie die Probleme, Schicksalsschläge oder Katastrophen selbst sind, die das Leben nicht gelingen lassen. Vielmehr ist ausschlaggebend, wie Menschen diesen Widrigkeiten begegnen. Die bislang aufwendigste Untersuchung dazu veröffentlichte Mitte der 90er-Jahre die amerikanische Psychologin Emmy Werner. Über 40 Jahre lang hatte sie die Entwicklung von Kindern auf der hawaianischen Insel Kauai verfolgt. Sie lebten in armen Familien, hatten einen niedrigen Bildungsstand und erlebten oft auch Gewalt. Nichtsdestotrotz einwickelte sich ein Drittel der Kinder zu selbstbewussten, kompetenten und fürsorglichen Erwachsenen. Sie hatten bestimmte Lebensstrategien entwickelt, die es ihnen ermöglichten, an den schwierigen Verhältnissen nicht zu zerbrechen, sondern daran zu wachsen. Besonders interessant: Fast jedes dieser Kinder hatte im Laufe des Heranwachsens eine zentrale Bezugsperson. Nicht unbedingt waren das der Vater oder die Mutter, sondern ein Verwandter, Freund, Lehrer oder Kamerad. Es war ein Mentor, bei dem sich die Kinder die Hilfe holten, die sie für ihr Leben brauchten.
Schutzfaktor für die Seele
Resilienz gilt inzwischen als eine der wichtigsten Schutzfaktoren für die Seele. Ob im Beruf, wo betriebsbedingte Kündigungen zunehmen und die Anforderungen steigen, oder im privaten Bereich, wo finanzielle Einschränkungen oder einschneidende Verluste, wie Krankheit oder Tod verkraftet werden müssen. „Wer resilient ist, kann Veränderungen und Umbrüche generell besser bewältigen – und wir müssen gesamtgesellschaftlich zunehmend mit Ungewissheit, Unbeständigkeit und Kurzlebigkeit zurechtkommen“, schreibt die Kommunikationstrainerin Monika Gruhl in ihrem Buch „Die Strategie der Stehauf-Menschen“. Allerdings seien resiliente Menschen nicht nur in der Lage ihre Schwierigkeiten gut zu managen, es gelinge ihnen auch im Überwinden Stärken zu entwickeln und als Persönlichkeit zu reifen. Eine der größten Herausforderungen für Eva Schröder war vor zwanzig Jahren die Wende. Sie stellte nicht nur das Lebensumfeld, sondern vor allem ihr Selbstwertgefühl auf den Kopf. Ihr bisheriges Können als DDR-Bauleiterin schien den hohen Ansprüchen der neuen, interessanten Arbeitgeber aus dem Westen nicht zu genügen. Sie sollte am besten noch einmal studieren, riet man ihr. Doch statt Frust zu schieben, riss sich Eva Schröder zusammen und besann sich auf das, was sie konnte. Entschlossen kehrte sie zu ihrem alten Arbeitgeber zurück und fand prompt eine Anstellung in Russland. Erst anderthalb Jahre später kam sie nach Deutschland zurück – selbstbewusster, fröhlicher und reicher an Erfahrungen. „Ich habe mich immer weiterentwickeln und positive Erfahrungen machen können, wenn es mir schlecht ging. Das war ganz eigenartig“, sagt die heute 52-Jährige.
Nicht alles muss im Leben gelingen
Einen Arbeitsplatz verlieren, einen Korb bekommen, mit schwerer Krankheit konfrontiert sein – niemand ist davor gefeit, dass sein Leben plötzlich ins Wanken gerät. Krisen gehören zum Leben. Und dennoch setzen wir oft all unser Menschenmögliches daran, sie nur irgendwie zu vermeiden. Wir suchen nach Möglichkeiten, die Sache wieder in den Griff zu kriegen. Wir analysieren, denken nach, hoffen. Und irgendwann trotzen wir mit einem „Geht nicht, gibt’s nicht!“ der feindlichen, dunklen, unübersichtlichen Situation und mobilisieren unsere Kräfte. Wir glauben daran, das Unmögliche doch noch irgendwie möglich zu machen. Sanftmütig belehrend und durchaus weise wirken da die Worte des französischen Schriftstellers Antoine de Saint Exupéry. Seine Erkenntnis, dass wir Menschen nicht Herr über alle Mittel sind, hat er einmal in einem Gebet formuliert, das er wohlweislich „Herr, lehre mich die Kunst der kleinen Schritte“ nannte: „Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsste im Leben alles gelingen. Schenke mir die Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen.“ Dies weiß auch Reiner Kafitz aus seiner langjährigen Erfahrung als Unternehmer. Seine Firma, die Medienträger wie CDs, DVDs oder Blu-rays vervielfältigt, bekommt, wie derzeit viele andere Unternehmen auch, die wirtschaftlichen Einsparmaßnahmen zu spüren. Gerade die Automobilzulieferer sparen, bedingt durch Finanzkrise und Abwrackprämie, an den Mitteln für Werbe- und Marketingmaßnahmen. „Das trifft uns hart“, sagt Kafitz. Gleichzeitig eröffnet sich für die Firma ein aussichtsreicher Markt mit dem Vertrieb von USB-Sticks. Das kompensiere zwar noch nicht das alte Geschäft, aber ohne diesen Zweig gäbe es ernsthafte wirtschaftliche Probleme. „Wir müssen diese Veränderungen ein Stück weit als Freunde willkommen heißen, damit wir nicht darunter verzweifeln“, sagt Kafitz, der sich auch im Vorstand des Verbandes „Christen in der Wirtschaft“ engagiert. Für ihn führe der Weg aus der Krise nicht über das Klagen, sondern das Machen. Dabei beruft er sich auf eine besondere Arbeitsteilung: „Ich gebe mein Bestes und Gott gibt den Rest!“
Krisen sind Chancen zu wachsen
Dass gerade Krisen uns stark machen und Chancen bieten, uns weiterzuentwickeln, dessen ist sich auch Diplom-Psychologe Rainer Oberbillig sicher. „Krisen sind Wachmacher, die uns mit Grenzen konfrontieren, uns gleichzeitig aber helfen, Alternativen zu finden“, sagt der Fachleiter der Klinik „De’Ignis“. Zunächst verschlechtere sich die Situation, indem uns eine schmerzhafte Zäsur aus dem Alltagstrott herausreißt und aus der Bahn wirft. Das sei völlig normal, so Oberbillig. Man fühle sich machtlos, hadere unter Umständen mit Gott, wieso er dies zulassen konnte. Und man verspüre Angst und Unsicherheit. Erst danach beginne die Phase der Neuorientierung, bisher Gedachtes neu zu denken und sich nach den positiven Veränderungen und Chancen des Geschehenen zu fragen. Auch die Bibel spricht über diese Form des Krisenmanagements: „Denn wir wissen, dass Not uns lehrt durchzuhalten, und wer gelernt hat durchzuhalten, ist bewährt, und bewährt zu sein festigt die Hoffnung. Und in unserer Hoffnung werden wir nicht enttäuscht“ (Römer 5,3–4). Beispiel Wirtschaftskrise: Sie brachte eine schwache Konjunktur, Stellenabbau, Milliardenverluste, und Millionen von Menschen verloren das Vertrauen in das internationale Finanzwesen. Weltweit waren die Auswirkungen zu spüren, und auch in den nächsten Jahren werden wir noch mit etlichen Nachwehen konfrontiert sein. Unterdessen hinterlässt die globale Krise aber auch positive Spuren im Bewusstsein. Eine Meinungsumfrage der Bertelsmann-Stiftung zeigt: Persönliche Beziehungen – Ehe, Familie, Partnerschaft und Freunde – sind für die deutschen Bundesbürger durch die Finanzund Wirtschaftskrise viel bedeutsamer geworden. Auch gesellschaftlich wünschen sich 85 Prozent der Befragten einen stärkeren Zusammenhalt, insbesondere eine Solidarität zwischen Jung und Alt. Und fast genauso viele meinen, der Ausgleich zwischen Arm und Reich sollte stärker gefördert werden. Auch die Suche nach Sinn und Orientierung werde künftig intensiver.
Das Zeitalter der Partizipation
Dass dahinter mehr steckt als eine bloße Stimmungslage, belegt eine weitere Studie der Stiftung. Zwar haben die Deutschen weniger Hoffnung als je seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Vertrauen in Entscheidungsträger, in Politik und Wirtschaft, in das Bildungssystem und das soziale Netz sei zutiefst erschüttert, so die Studie. Gleichzeitig formiere sich bei vielen der Wunsch, aktiv die Gesellschaft zu gestalten. „Hinter dem ganzen Frust wächst eine extreme Bereitschaft, sich zu beteiligen, aber nicht mehr auf den klassischen Wegen in Parteien“, sagte der Bremer Meinungsforscher und Studienleiter Peter Kruse. „Partizipation ist das große Thema der nächsten Jahre.“ Diese Bewegung werde noch stärker als die Ökologiebewegung der Achtzigerjahre. Das Credo der nächsten Jahre scheint also klar zu sein: Geht nicht, gibt’s nicht! Wir packen an! Wir schaffen das! Anders gesagt: „Yes, we can!“ – Ein Satz, der während der Kandidatur von Barack Obama für die US-Präsidentschaft um die Welt ging. Und die erfolgversprechenden Worte des ersten Mannes der Vereinigten Staaten haben längst nicht ausgedient. Sie sind kurz, prägnant und Trend. Sie ermutigen in puncto Resilienz und sorgen für Optimismus. Es scheint, als ob die Welt eine zentrale Bezugsperson inmitten ihrer Krise gefunden habe. Einen Hoffnungsträger, der aktiviert, inszeniert und den sie dafür mit dem Friedensnobelpreis auszeichnet. Und dennoch zeigt sich auch bei ihm: „Geht nicht, gibt’s eben doch!“ Beispiel: Das Scheitern der Verhandlungen beim Klimagipfel in Kopenhagen war für die gesamte Welt enttäuschend und eine schwere Niederlage auf internationaler Ebene für Barack Obama.
Geht nicht, gibt’s eben doch
Für Menschen ist eben doch nicht einfach alles machbar. Trotz des menschlichen Traumes, das Unmögliche möglich machen zu wollen. Auch in Zukunft wird es immer wieder Dinge geben, die dem Menschen unmöglich sind. Zwar hat die Geschichte gezeigt, dass der Mensch zu herausragenden Leistungen fähig ist, angefangen bei der Medizin bis hin zum Bau von Wolkenkratzern oder zur Raumfahrt. Aber als Menschen müssen wir uns auch eingestehen, dass wir eben nur Menschen sind und es von Gott gegebene Grenzen der menschlichen Möglichkeiten gibt. Wie aber gehen wir damit um, wenn wir im Alltag auf Grenzen stoßen? Wie lernen wir dann innerhalb unserer Möglichkeiten zu gestalten? Und wie wirkt es sich aus, dass wir inmitten der vielen Unwägbarkeiten unserer Zeit wissen dürfen, dass Gottes Handeln weit über unseren Möglichkeiten steht? Clemens von Kalben hat dies im vergangenen Jahr erfahren. Anfang 2009 war der 40-Jährige noch bei einem Düsseldorfer Architektenbüro beschäftigt. Für die Festanstellung hatte er sich damals ganz bewusst entschieden. Denn davon versprach sich der ehemals freie Mitarbeiter mehr Sicherheit. Dass dem nicht so war, erfuhr er im letzten Sommer, als ihm die Firma binnen eines Monats wegen schlechter Auftragslage kündigte. „Sicherheit ist heutzutage, egal in welchem Beschäftigungsverhältnis, eine Illusion“, sagt der Architekt. „Ich hatte mit der Kündigung nicht gerechnet. Sie war für mich total unwirklich. Erst zwei, drei Wochen später habe ich realisiert, dass ich keinen Job mehr habe.“ Stillstand war trotz Arbeitslosigkeit bei ihm jedoch nicht angesagt. Während er seine Bewerbungen schreibt, entdeckt er, dass sich durch seine Auszeit plötzlich auch ganz andere Möglichkeiten ergeben. „Ich hatte auf einmal viel Zeit, Dinge zu durchdenken und zu entscheiden, die vorher noch nicht so klar waren“, sagt Clemens von Kalben, der mitten in dieser unabsehbaren Situation seiner Freundin einen Heiratsantrag macht. Sicherheit jemand anderem zu geben, obwohl man sich selbst in einer unsicheren Lage befindet? – Das geht doch nicht, mag manch einer denken. Doch: Für Clemens von Kalben war die Sicherheit in Gott entscheidend. Das Vertrauen in denjenigen zu setzen, von dem die Bibel sagt, er macht selbst Unmögliches möglich (Lukas 1,37). „Ich wusste, dass Gott mich auf den richtigen Weg führt, und etwas wichtiges Neues für mich hat. Schwierig fand ich nur, bei alldem gelassen zu bleiben.“ Sein Vertrauen wird nicht enttäuscht – zwei Monate nach dem Antrag fand er einen neuen Job.
Die richtige Energiequelle finden
Selbstvertrauen, Gottvertrauen und Erfahrungen, die zeigen, dass ein Aufstehen grundsätzlich möglich ist – lautet so das Rezept, um Krisen und dem permanenten gesellschaftlichen Wandel zu begegnen? Zumindest stärkt es entscheidend die persönliche „Stehauf- Fähigkeit“ und den Glauben daran, dass die Zukunft immer Hoffnung birgt. Und wer die Sicherheit hat, sich wirksam aus Schwierigkeiten befreien zu können, versteht sich nicht länger nur als Opfer der Umstände. Insbesondere dann nicht, wenn man eine hoffnungsvolle Beziehung zu demjenigen besitzt, der die letzte und eigentlich unüberwindbare Grenze – den Tod – überwunden hat: Jesus Christus. Wer sich an ihn als Mentor und Helfer wendet, darf in jeder Lebenslage Lösungen von ihm erwarten, was natürlich auch die eigene Widerstandskraft entscheidend stärkt. Denn Jesus, so beschreibt es die Bibel, hat selbst größtes Leid erlebt und durch seine Auferstehung grenzenlose Hoffnung für uns Menschen überhaupt erst möglich gemacht.
Stefan Rüth ist Redakteur beim Magazin NEUES LEBEN.
Ausgabe: Frühling 2010




