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Im Lärm die leise Stimme hören
Wie wir den Raum zur Stille in uns selbst finden können
Von Christina Brudereck
Bremsenquietschen. Hupen. Ghettoblaster. Handyklingeln. Laute Privatgespräche. Lautsprecher-Durchsage. Fehlt nur noch ein Presslufthammer. Alles in allem: Ruhe-Störung. Kennen Sie das?
Viele Menschen sehnen sich nach Stille. Nach innerem Frieden. Nach neuer Aufmerksamkeit, die nicht weghört oder Bedeutendes überhört, die nicht taub ist für die eigenen kreativen Impulse oder die wichtigen Hilfeschreie anderer. Nach einem neuen Sinn für die „Anderswelt“, nach Achtsamkeit.
Meine Suche nach Stille
Auch ich habe an einem bestimmten Punkt in meinem Leben gemerkt, dass ich Stille und innere Aufmerksamkeit vermisse, ja dringend brauche. Ich habe mich auf die Suche begeben. Seither übe ich zu schweigen, damit ich wieder hörend werden kann. Ich habe wahrgenommen, dass Stillwerden für mich tatsächlich eine Übung ist, keine „Könnung“. Schon aufmerksam zu werden kostet Aufmerksamkeit. Manchmal – in seltenen Momenten – passiert, wonach ich mich sehne, auch ganz natürlich. Ganz überraschend. Unerwartet. Wenn man nicht merkt, wie die Zeit vergeht und alles um sich herum vergisst. Wenn ich mich in einer Beschäftigung ganz verliere und erst durch einen Außenimpuls wieder aus ihr auftauche. Wenn mich ein Liedvortrag zum Schweigen bringt, weil ich einfach zuhören muss und nichts anderes mehr wichtig ist. Wenn mich die Farbe des Himmels fasziniert, die Wellen, das Licht und ich stehenbleibe und staune. In solchen Momenten bekommen wir eine Ahnung davon, dass dieser Friede nicht machbar ist. Sondern ein Geschenk. Und doch können wir uns wohl dafür öffnen, uns vorbereiten, bereit machen. Hätte ich doch auf mein Herz gehört … Dieser kleine Satz beschreibt eine Sehnsucht. Ich nenne sie für mich: die Haltung der Achtsamkeit. Ich wünsche mir, achtsam zu sein. Ich sehne mich nach Stille. Ich würde gerne im Lärm die leise Stimme hören, die innere, die mehr vom Leben weiß. Das hat zunächst noch nicht einmal unbedingt etwas mit Spiritualität zu tun. Es kann einfach der Wunsch nach innerem Frieden sein. Oder nach Aufmerksamkeit für den Moment.
Sehnsucht nach Gott?
Als Christin bringe ich diese Sehnsucht mit Gott in Verbindung. Oder genauer müsste ich sagen: Ich glaube, dass es in mir diese Verbindung schon gibt. Und eine ganz besondere leise Stimme: Ich nenne sie das „Reden Gottes“ oder auch „Impulse aus einer anderen Welt“, Worte, die über uns selbst hinausgehen, die uns wie von außen ansprechen. Oder von so tief innen, dass wir sie uns nicht nur mit uns selbst erklären können. Vielleicht teilen Sie meinen Glauben an diese „Anderswelt“ so nicht. Man kann das mit dem Glauben vielleicht nicht beweisen. Man kann es aber wohl erleben, meine ich. Und deshalb möchte ich mit diesem Beitrag etwas aus meinem Erleben teilen und Sie mitnehmen auf meine Reise in die Stille. Ein Schüler fragte einmal seinen Lehrer: „Kann ich irgendetwas tun, um die Erleuchtung zu erlangen?“ Und der Lehrer antwortete: „So wenig wie du dazu tun kannst, dass am Morgen die Sonne aufgeht.“ Da fragte der Schüler weiter: „Was für einen Zweck haben dann die geistlichen Übungen, die du lehrst?“ Und der Lehrer sagte: „Du übst, damit du nicht schläfst, wenn die Sonne aufgeht.“ Ich sehne mich nach Ruhe und Achtsamkeit. Ich möchte nicht schlafen, wenn die Sonne aufgeht, möchte die Zeichen des Neuen nicht verpassen. Ich möchte wieder lernen, das Reden Gottes zu hören. Und möchte ins Schweigen tauchen. Als ich mich auf die Suche nach der Stille machte, und immer, wenn ich es seitdem tue, auch gemeinsam mit anderen, erlebe ich Folgendes: Wenn ich mit dem Schweigen beginne, merke ich erst, wie laut es in mir ist.
Zur Ruhe kommen – aber wie?
Da ist zunächst der äußere Lärm. Ihn einmal abzuschalten, ist schon ausgesprochen aufwendig heutzutage. Es läuft zu viel, es ist zu laut, zu hektisch, zu voll. Es wird getalkt und gequatscht – ein großes Wirrwarr. Jeder versucht den anderen zu übertönen. Das Handy lautlos zu stellen oder zu hoffen, dass es nicht gerade jetzt klingelt, die Mittagspause zu nutzen oder die Zeit am Tag, wenn man alleine zuhause ist; den Fernseher nicht anzustellen, dem Lärm von der Straße keine Beachtung zu schenken. Schon diese äußere Ruhe ist in unserem Alltag für die meisten eine wahre Seltenheit, deshalb kostbar. Und dann erleben viele zunächst einmal genau das Gegenteil von dem, was sie sich wünschen. Sie wollen ins Schweigen tauchen, aber statt des ersehnten Friedens ist da ein Durcheinander aus vielen Stimmen. Und diese Stimmen können sehr laut sein. Wenn ich mich zurückziehe, still werde, schweige, hämmern im nächsten Moment lauter Gedanken durch mein Hirn. Als stünden sie alle vor der Tür und wollten eintreten, Raum einnehmen, sich breitmachen. Ideen, Gefühle, Aufgaben, Bilder, Menschen, Erwartungen. Was noch zu erledigen ist. Ich meditiere oder bete und bin plötzlich bei meinem Einkaufszettel … Ich stehe in der Gefahr, jedem Gedanken die Tür zu öffnen. Ihn zu umarmen und mich von ihm mitreißen zu lassen. Ich würde gerne auf mein Herz hören. Aber es ist übervoll – und gleichzeitig fühle ich mich leer – ausgebrannt. Mein erster Impuls beim Beten kommt deshalb oft aus einem fordernden Herz. Ich kreise um meine Wünsche. Um Unerfülltes, Unerledigtes, um Forderungen und Aufgaben. Ich denke an Urteile und Ärger. Ich kreise um Verletzungen. Ich bin mit mir beschäftigt, aber doch am äußersten Rand meiner selbst.
Der Raum in mir
Jesus von Nazareth gab den Betenden einmal folgenden Rat: „Wenn du beten willst, dann geh in dein Zimmer, schließ die Tür zu und bete zu Gott im Verborgenen“ (Matthäusevangelium 6,6). Christus selbst lädt uns ein. „Wenn du betest, geh in dein Kämmerlein – bildhaft übertragen: in deinen innersten Raum, wo du für dich bist.“ Dieses Bild empfinde ich als sehr hilfreich. Teresa von Avila, eine Ordensfrau aus dem 16. Jahrhundert, beschreibt es so: „Wir können also unsere Seele als eine Burg betrachten, in der es viele Gemächer gibt, und in der innersten Mitte von all diesen Wohnungen liegt die vornehmste, in der die höchst geheimnisvollen Dinge zwischen Gott und der Seele geschehen.“ Mitten im Lärm, unterwegs im ICE, in meinem Zimmer in einem Haus, umgeben von anderen Menschen, berge ich mich in diesem Bild: Dass es in meinem Innerste einen heiligen Raum gibt. Wir können ihn Seele nennen, Identität oder Wesenskern. So wie ein Apfel ein Gehäuse in der Mitte hat. Schale ist Schale, Haut ist Oberfläche – nichts Schlechtes, aber eben nicht das Herz, das Eigentliche. Der Apfel – das ist Fruchtfleisch, aber doch mehr. Und so wie im Apfel ein Gehäuse liegt, gibt es im Innersten des Menschen einen Raum, der seinen Kern umgibt, sein Allerinnerstes. Es ist wichtig, den Kern zu finden, denn im Kern liegt das Leben, die Verheißung für mehr Apfel sozusagen. Einmal pro Woche, am Montagmorgen um sieben Uhr früh, treffe ich mich mit anderen zur Meditation. Zur Einstimmung sprechen wir gemeinsam folgende Worte: „Wir sind hier, weil wir etwas suchen. Weil wir uns nach Gott sehnen. Weil wir hörend werden wollen. Dabei vertrauen wir darauf, gehört zu werden. Denn in uns gibt es einen heiligen Raum. Wir nennen ihn Seele, Identität oder Wesenskern. Hier wird die Würde gehütet. Wir sind ansprechbar.“ Mit diesen Worten geschieht eine Art Vergewisserung. Ich erlebe mich wie eine Pilgernde, die auf der Suche ist, angelockt von einem heiligen Ort, einem Frieden, der über mich hinausgeht.
Vielleicht versuchen Sie einmal, ein Bild für ihren „Raum“ zu finden, für Ihren Seelenort. Stellen Sie sich den Boden unter den Füßen vor, den Blick nach oben, die Schwelle. Und dann vertrauen Sie einmal der Idee, dass Sie hier tatsächlich für sich sind, geschützt und in Frieden. Die einen haben ein Zelt vor Augen, andere eine Art Kapelle, Kirche oder sakralen Raum, wieder jemand ein Turmzimmer, der nächste steht in einem Lichtkegel, eine andere Person findet sich in einem Garten wieder, jemand hat ein Atelier vor Augen, ein anderer steht am Strand und sieht aufs weite Meer. Ich selber ziehe mich regelmäßig in diesen inneren Raum zurück, in „meinen Raum“. Virtuell. Meditativ. Aber wirklich ist es doch. Wir können unserer Seele Raum geben. Uns aussprechen. Uns wiederfinden in aller Ruhe. Und ich glaube, dass Gott uns hier begegnet. Das empfinde ich als eine große Einladung. Die Schriftstellerin Clarissa Pinkola Estes drückt es so aus: „Wir wollen uns jetzt eine Zeit lang wohltuenden stillen Gedanken widmen. Nimm Platz … Jetzt ein tiefer Atemzug … Hier, an dieser Zufluchtsstätte, ist die Seele zugelassen und soll sich aussprechen … Hier wird deine Seele in wirklich guter Begleitung sein. Ich gebe dir mein Wort ...“ Ich atme bewusst ein und aus, schweige, warte. Ich finde mich wieder. Ich werde ruhig. Ich glaube, dass Gott uns anspricht. Uns beschenken möchte. Begegnen. Berühren. Inspirieren. Neu beleben. Ich glaube, dass er spricht. Auf verschiedene Weise. Durch die Schöpfung, durch Musik, Kunst, andere Menschen. Und ganz zentral durch die Worte der Bibel. Weil Gott nicht stumm ist. Nicht alleine für sich Gott sein will. Weil diese Welt nicht zufällig da ist, sondern ins Leben geliebt wurde. Und nicht alleine gelassen wurde, sondern immer noch in Gottes Sinn geborgen. Jeder von uns ist von Gott gemeint. Gott könnte vielleicht alleine für sich Gott sein. Aber das will er nicht. Sondern er sehnt sich nach Beziehung. Nach Gespräch, nach Austausch, Miteinander. Lässt uns nicht alleine in dieser Welt. Ich erlebe: Gott umgibt uns wie ein schützendes Kämmerlein, wie die vier Wände eines Raums, aus allen vier Himmelsrichtungen seiner Erde. Hier kann ich mich in Ruhe bergen.
Christina Brudereck ist Theologin und Autorin. Sie lebt in einer Hausgemeinschaft und engagiert sich im Jugend-Kultur-Projekt „e/motion“ in Essen.
Ausgabe: Winter 2009
