Magazin :: Eine Frage der Ethik

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Eine Frage der Ethik
HARTZ IV: Wie können wir Balance halten zwischen Gesellschaftlicher Fürsorgepflicht für Bedürftige und Eigenverantwortung?
Amelie Fried beginnt eine ihrer Kolumnen in einer Frauenzeitschrift mit einem Abendessen im Freundeskreis. Ein Bekannter der Gastgeberin regt sich über Hartz IV-Empfänger auf, die man mal richtig ans Arbeiten kriegen müsste. Denen sollte man deswegen die Hartz IV-Sätze drastisch kürzen. Denn wer soll das denn alles bezahlen!? Amelie Fried mustert seinen Kaschmirpulli und seine Seidenkrawatte und denkt: Du und ich – wer sonst? Wir, die wir es uns leisten können, in solchen Klamotten zusammen rumzusitzen und teuren Wein zu trinken! Sie sagt dann etwas einigermaßen unverbindlich Höfliches, um ihre Gastgeberin nicht zu blamieren. Die Einstellung des Kaschmirpulloverträgers macht sich immer breiter.
Gerade bin ich am Stichwort „Aufsteigerland“ an einem Wahlplakat vorbeigefahren. Auch wenn wir Leser oder Leserinnen dieses Magazins vielleicht überwiegend keinen solchen Pulli tragen, haben wir Geld für ein christliches Magazin, genügend Bildung, um es zu lesen und mit anderen auszutauschen. Wahrscheinlich haben wir für viel in unserem Leben hart gearbeitet – aber uns wurde die Chance dazu gegeben, meist von klein auf. Dafür können wir nichts! An uns richtet sich das biblische Erbarmensrecht, das in den lebensfördernden Geboten des Alten Testaments einen bis heute relevanten roten Faden bildet (siehe z. B. 5. Mose 24,14f.). In der Urgemeinde war die Sorge für die Armen in Jerusalem ein Anliegen, das Paulus in allen neu gegründeten Gemeinden vertrat. Mit „Aufsteigerland“ kann nur werben, wer auch die, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens aufgewachsen sind, menschenwürdig integrieren kann. Unsere Gemeinde hat einen „Arbeitslosen“ für die Gartenanlagen angestellt, da wir das mit Ehrenamtlichen nicht mehr geschafft haben. Denn die, die Arbeit haben, arbeiten oft bis zum Geht-nicht-mehr – und dann auch noch ehrenamtlich in der Gemeinde.
Warum nicht eine Stelle für jemanden ermöglichen und es anders machen als die Firmen? Über die „Job-Perspektive“ von „Neue Arbeit Niederrhein“, einer Initiative aller Gemeinden unseres Kirchenkreises, bekamen wir „unseren“ Gärtner, einen „Langzeitarbeitslosen“. Die Job-Perspektive war eigentlich für Arbeitgeber in der freien Wirtschaft gedacht! Ein Bonbon: Die ARGE zahlt 75% Lohnkostenzuschuss, um jemanden wieder ins Arbeitsleben einzugliedern. Die Erfahrung: Normale Betriebe wollen sich damit nicht belasten. Anträge schreiben, Berichte und Stellungnahmen – alles zu mühsam. Dann lieber auf Zeitarbeit zurückgreifen, wenn es eng wird. Die Job-Perspektive funktioniert leider nur mit „Trägern“, also sozialen Wohlfahrtsverbänden. Die haben den Mut, die Menschen zu sehen. Allen, die z. B. zur „Neuen Arbeit Niederrhein“ kommen, fällt zu Hause die Decke auf den Kopf! Und wer einen Arbeitsvertrag in der Tasche hat, wächst um zehn Zentimeter! Das ist die Erfahrung in dieser Initiative der Kirche. Die Job- Perspektive zielt nun darauf, dass Hartz IV nach ca. zwei Jahren ganz wegfällt und es zu einem Arbeitsvertrag mit der „Neuen Arbeit“ kommt. 75% übernimmt dann die ARGE, 25% zahlt die „Neue Arbeit Niederrhein“ unter Beteiligung der Träger, die einen ehemals Arbeitslosen einstellen. „Unser“ Gärtner ist zuverlässig, wichtig und beliebt. Er merkt, dass seine Arbeit – aber auch er als Mensch – wichtig sind. Mag sein, dass es Leute gibt, die nicht arbeiten wollen. Sie haben wahrscheinlich nie die Möglichkeit gehabt, grundlegende menschliche Erfahrungen zu machen: als Kinder gefördert zu werden, wertgeschätzt zu werden – zuerst als Person und dann auch für Leistungen und zu einer Gemeinschaft zu gehören.
Diese Menschen in der Solidargemeinschaft des Staates mitzutragen, ist nicht der Grund der Wirtschaftskrise. Meine Hoffnung ist, dass nicht nur christliche Arbeitgeber im derzeitigen gesellschaftlichen Klima andere dafür erwärmen, Menschen und ihre Geschichte zu sehen anstatt nur Funktionen, schnelle Abläufe und Gewinn. Eine solche Klimaerwärmung würde uns in der Tat zum „Aufsteigerland“ machen.
Christiane von Boehn, Pastorin und Leiterin der Diakonenausbildung des Erziehungsvereins Neukirchen-Vluyn.
Ausgabe: Sommer 2010