Praxistext


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Das große handgemalte Plakat hing im Treppenhaus unserer Schule. Es ging um Nicaragua, von dem ich nur eine blasse Ahnung hatte, dass es ein Land war, und um Bananen. Eine Aktionsgruppe höherer Jahrgänge warb damit für Veränderungen im sozial ungerechten Bananenhandel.

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Aus Liebe in eine neue Heimat

 

Renata Eicker zog aus Litauen in den Westerwald


Ich hatte gerade mein Abitur gemacht, als ich für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) nach Deutschland kam und hier meinen heutigen Ehemann kennen lernte. Ursprünglich komme ich aus Siauliai, einer Stadt in Litauen. Ich hatte bereits seit der ersten Klasse Deutsch-Unterricht und war schon mehrere Male im Westerwald gewesen – daher war die Hürde für mich nicht besonders hoch. Und doch war ich hier in Deutschland das erste Mal unabhängig von meinen Eltern auf mich allein gestellt. In dieser Situation habe ich eine intensive Beziehung zu Gott aufgebaut, ja, ich habe mich eigentlich erst so richtig bewusst darauf eingelassen, ihn gesucht, ihm meine Lebensführung anvertraut.

Thomas und ich merkten ziemlich schnell, dass wir sehr gut zusammen passten. Aber die Frage blieb: Was machen wir, nachdem mein FSJ zu Ende war? Litauen gehörte damals noch nicht zur Europäischen Union, ich konnte nicht einfach hier bleiben und studieren oder arbeiten. Also ging ich in meine Heimat zurück. Thomas schrieb mir täglich eine Postkarte. Wir gaben unser ganzes Geld für Telefonate aus. Diese Zeit hat uns unheimlich zusammen geschweißt. Nach fünf Monaten bin ich mit einem Studentenvisum zurück nach Deutschland gekommen – wir wollten heiraten und uns hier ein gemeinsames Leben aufbauen. Die Entscheidung habe ich mir nicht leicht gemacht; schließlich stand für mich viel auf dem Spiel. Ich sollte alles hinter mir lassen und mich ganz auf ein neues Leben in einer neuen Umgebung einlassen. Ich habe meine Entscheidung daher intensiv mit Gott geprüft und war mir sehr sicher, dass sie richtig war.

Ganz einfach war es schließlich trotzdem nicht. Mein Abitur wurde hier nicht anerkannt. Das Studienkolleg, an dem ich eingeschrieben war, musste ich abbrechen, da wir beide noch sehr jung waren und das Geld nicht dafür reichte, dass wir beide studierten. Am Anfang konnte ich mir auch kaum vorstellen, in einem Dorf im Westerwald zu wohnen, wo man überall nur mit dem Auto hinkommt und wo faktisch nichts los ist. Ich habe mein Leben in der Stadt vermisst, die kurzen Wege, die Aktivität, das kulturelle Angebot. Mittlerweile, muss ich sagen, sehe ich Gottes klare Lebensführung. Ich kenne viele Leute und bin in unserem Dorf und Umgebung sozial so eingebunden, dass ich gar nicht mehr wegziehen möchte. Da mein Abitur nicht anerkannt wurde, habe ich eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht und in einer Kindertagesstätte gearbeitet. Auch diese Entscheidung hat sich im Nachhinein als genau richtig entpuppt; die Arbeit macht mir riesigen Spaß. Außerdem konnte ich mit meinen Russischkenntnissen einigen Aussiedlerfamilien in der Kita helfen.

Klar gab es am Anfang auch kulturelle Herausforderungen. In Litauen geht man zum Beispiel einfach spontan bei jemandem vorbei, wenn man ihn besuchen will. Man meldet sich nicht unbedingt vorher an. Man ist auch nicht so wahnsinnig pünktlich. Damit kam ich hier natürlich nicht so gut an. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass ein bisschen mehr Planung und Struktur auch meinem Leben gut tun. Auf der anderen Seite steht unser Haus immer offen, wir haben oft spontan Besuch und genießen die Lebendigkeit, die dadurch entsteht. Thomas und ich haben jeder von der Kultur des anderen etwas gelernt – und uns unser eigenes deutsch-litauisches Zuhause geschaffen. Litauen wird immer meine Heimat bleiben. Meine Eltern schicken mir ab und zu ein kleines „Care-Paket“ mit Pralinen aus meinem Lieblingsladen, Erinnerungsstücken, alten Fotos. Das tut unheimlich gut. Aber in Deutschland bin ich zuhause, denn hier habe ich mein Leben auf eigene Füße gestellt.

Protokoll: Katrin Arnholz

Ausgabe: Sommer 2011