Praxistext


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Das große handgemalte Plakat hing im Treppenhaus unserer Schule. Es ging um Nicaragua, von dem ich nur eine blasse Ahnung hatte, dass es ein Land war, und um Bananen. Eine Aktionsgruppe höherer Jahrgänge warb damit für Veränderungen im sozial ungerechten Bananenhandel.

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Groß. Stadt. Schock.

 

Felicitas Pauly ging zum Studium nach Berlin

Als entschieden war, ich bekomme einen Studienplatz in Berlin, war ich voller Erwartungen. Ich packte meine Koffer, bereit, mich in mein neues, eigenständiges Leben in der Großstadt zu stürzen. Das ist jetzt zweieinhalb Jahre her. Berlin war mir schon damals nicht fremd – ich war mehrmals mit meinen Eltern und Großeltern hier zu Besuch gewesen und hatte mich immer wohl gefühlt: Die Stadt war voller Grünflächen, und die Menschen, die es sich in den Parks auf ihren Decken gemütlich gemacht hatten, wirkten alle so entspannt. Sie sahen aus, als würden sie mit ihrem Leben vollends zufrieden sein und wirklich gerne hier leben. Also freute ich mich auf meine Zeit in Berlin.

Wenn ich heute aus meinem Fenster im Wohnheim schaue, blicke ich auf Plattenbauten, Bahngleise, einen Parkplatz. Ich wohne im 7. Stock, daher kann ich weit sehen, auch bis zu den schöneren Häusern um den Treptower Park in der Distanz. Ich habe es mir ausgesucht, hier zu wohnen, weil es preiswert ist – aber hübsch ist es nicht, das gebe ich zu. Zuhause, in dem Dorf im Siegerland, wo ich aufgewachsen bin, öffnet sich mein Fenster über ein grünes Tal. In fünf Minuten bin ich im Wald. Ganze 15 Minuten brauchte ich, um zum Gymnasium zu laufen. Ich vermisse die Nähe zur Natur, die kurzen Wege, den vertrauten Blick auf die Hügel. Am Anfang habe ich alle meine Semesterferien bei meinen Eltern verbracht und hatte nach meiner Rückkehr immer Heimweh. Denn die ersten Monate in Berlin waren doch ein kleiner Kulturschock: So viel Asphalt. So viele Menschen. Und vor allem: dieses Tempo! Ich hatte das Gefühl, alles geht hier zehnmal schneller, die meisten Menschen sind gehetzt, schauen weder nach links noch rechts und nehmen ihren Nachbarn gar nicht wahr. In meinem Heimatdorf fährt jede halbe Stunde ein Bus. Hier kommt alle fünf Minuten eine U-Bahn, und wenn man die verpasst, wird groß geschimpft! Auf so viel Stress war ich nicht vorbereitet.

Heute geht es mir damit anders. Ich denke, es braucht einfach Zeit, sich an einem neuen Ort einzuleben. Ich muss zugeben, teilweise habe ich mich vom Tempo der Stadt anstecken lassen. Aber wenn es mir zu bunt wird im Großstadtgetümmel, fahre ich raus nach Brandenburg an einen See. Das dauert mit der S-Bahn nur eine Stunde. Da ich ein eher aufgeschlossener Typ bin, habe ich in Berlin auch schnell Kontakte knüpfen und mir einen Freundeskreis aufbauen können. Ob ich mich an einem Ort zu Hause fühle, steht und fällt mit der Frage, ob ich dort Freunde habe. Eine Stadt kann noch so toll sein, aber wenn ich keine vertrauten Menschen um mich habe, fühle ich mich nicht willkommen und damit auch nicht heimisch. Ziemlich schnell habe ich mich auch in einer Gemeinde eingebracht und damit auch dort einen Ankerpunkt gefunden. Schon als Kind habe ich viel mit Gott erlebt und hatte eigentlich immer das Vertrauen, nicht allein zu sein. Das hat mir vor allem in der Anfangszeit in Berlin, als ich noch nicht so viele Leute kannte, viel Sicherheit gegeben.

Seit etwa einem Jahr fühle ich mich in Berlin zu Hause. Das liegt daran, dass sich meine freundschaftlichen Beziehungen so vertieft haben, dass ich wirklich vertraute Menschen um mich habe. Ich genieße auch das Gefühl der Freiheit: In einem Dorf ist der soziale Druck, sich anzupassen, viel höher als in einer Großstadt. Hier gibt es eine Menge unangepasster Menschen, und genau die Mischung aus den verschiedensten Leuten hat meinen Horizont positiv erweitert. Ich habe mich in der Vielfalt und in der neuen Umgebung auch selber besser kennen gelernt, kann selbstbewusster zu mir stehen und fühle mich, auch für den Rest meines Lebens, bereichert.

Protokoll: Katrin Arnholz

Ausgabe: Sommer 2011