Praxistext


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Das große handgemalte Plakat hing im Treppenhaus unserer Schule. Es ging um Nicaragua, von dem ich nur eine blasse Ahnung hatte, dass es ein Land war, und um Bananen. Eine Aktionsgruppe höherer Jahrgänge warb damit für Veränderungen im sozial ungerechten Bananenhandel.

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Wir ziehen nicht weg für ein paar Hundert Euro mehr

 

Gottfried und Esther Böttger wohnen seit 50 Jahren im gleichen Ort

 

Die Böttgers haben schon viele wegziehen sehen. In erster Linie junge Menschen. Sie verlassen das Vogtland in der Hoffnung, es anderswo besser zu haben. Erst vor kurzem zog es wieder einen in den Westen. „Da verdiene ich einfach mehr, hat er gesagt“, erinnert sich Esther Böttger und bedauert es, wenn Leute der waldreichen Heimat in Sachsen Lebewohl sagen. Wenn Familienmenschen ihre Eltern und Geschwister verlassen. Wenn sich ganze Freundeskreise nach und nach auf Großstädte wie Köln, Stuttgart und Berlin aufteilen. Wenn die Bevölkerung im Kreis immer lichter wird – dann bleibt nur zu hoffen, dass es den Fortgezogenen tatsächlich besser geht. Auch sie selbst, der 49-jährige Ausbilder im Handwerksberuf Gottfried Böttger und seine fast gleichaltrige Frau Esther, die als Hauswirtschafterin im Pflegedienst tätig ist, hätten Aussicht auf ein lukrativeres Einkommen im Westen. Für Gottfried Böttger wäre als Handwerksmeister anderswo in Deutschland einiges mehr drin. Doch Geld ist nicht alles, was für die beiden zählt. „Dass wir vielleicht ein paar hundert Euro mehr in der Tasche haben, würde uns nicht motivieren wegzuziehen“, sind sie sich einig. Dafür sind sie einfach zu stark verwurzelt.

Seit knapp 50 Jahren leben Esther und Gottfried Böttger in dem ruhig gelegenen Dörfchen Eich in der Nähe von Zwickau. Hier sind sie aufgewachsen, zur Schule gegangen, haben sie die nahe gelegene Gemeinde besucht, sich gefunden, geheiratet, drei Kinder groß gezogen und ein Haus gekauft und umgebaut. Ihre Heimat steckt voller Erinnerungen. „Selbst die Wende gab uns damals keinen Anlass, drüber nachzudenken fortzugehen“, sagt Gottfried Böttger. Im Mittelpunkt stand vielmehr die eigene Familie. Nach dem 18-monatigen Armeedienst, der für Gottfried 14 Tage vor dem Mauerfall endete, inmitten der undurchsichtigen zukünftigen Ereignisse, entschieden sie sich, in Eich zu bleiben und sich als junge Familie zu sortieren.

Bis heute sind es Beziehungen, die Gottfried und Esther Böttger am Herzen liegen und ihre Heimat zu etwas Besonderem machen. „Man ist gerne füreinander da und hilft einander“, sagt Gottfried, und Esther schätzt die herzliche Atmosphäre des Dorfes. „Oft grüßen oder begleiten mich die Nachbarkinder, wenn ich ein Stück des Weges gehe.“ Ihre enge Verbundenheit zu den Menschen rührt nicht nur von den fünf Jahrzehnten am gleichen Fleck. Auch als Christen, die im Vertrauen auf Gott spürbar verwurzelt sind, erleben sie immer wieder, dass Menschen bei ihnen Halt und Geborgenheit suchen. „Unser Wunsch war es immer, mit unserem Haus ein Stück Heimat zu bieten, wo jeder willkommen ist und wir uns Zeit füreinander nehmen“, sagt Gottfried Böttger. Und genau das erleben sie immer wieder. Dass junge wie alte Leute an ihre Tür kommen, für einen Rat, Trost, ein Gebet oder einfach um beieinander zu sein. „Das ist für uns eine Bestätigung, dass Gott uns einen richtigen Platz geschenkt hat.“ Die beiden wünschen sich, dass sie noch viel mehr Menschen ein Stück Heimat anbieten können – geographisch in Eich, geistlich im Glauben an Christus. Ihre Heimat im Vogtland würden sie nur aufgeben, wenn Gott sie „sehr deutlich“ woanders hin beruft.

Porträt: Stefan Rüth

Ausgabe: Sommer 2011