Islam braucht Reformen

Für Reformen innerhalb der muslimischen Theologie hat sich die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher (Foto) ausgesprochen.

Patent auf Leben?

Eher selten denkt man bei Patenten an Menschenwürde. Doch eine aktuelle Entscheidung aus Straßburg stellt den Zusammenhang her: Der Mensch ist nicht patentierbar. Mit seinem grundlegenden Urteil verbietet der Europäische Gerichtshof Patente auf embryonale Stammzellen sowie Verfahren zu ihrer Herstellung.

Leben und leben lassen

Mit einem „Marsch für das Leben“ haben rund 2.100 Menschen gegen Euthanasie und für den Schutz ungeborenen Lebens demonstriert. Mit weißen Holzkreuzen als Symbol für abgetriebene Kinder zogen die Teilnehmer der diesjährigen Kundgebung durch Berlin-Mitte.

Krise in Somalia verschärft

Das Horn von Afrika erlebt die schlimmste Dürre seit 60 Jahren: Bisher erreicht das Welternährungsprogramm zwar etwa acht der mindestens elf Millionen Menschen, die vor allem in Somalia, Äthiopien, Kenia und Dschibuti akute Hilfe benötigen

Umstrittene Waffenexporte

Panzer nach Saudi-Arabien, Patrouillenboote nach Angola, U-Boote nach Israel – die deutsche Rüstungsindustrie verdient sich als drittgrößter Exporteur der Welt eine goldene Nase. Ob dieser Handel ethisch vertretbar ist, steht nicht zum ersten Mal zur Diskussion.

Organspende, Ja oder Nein?

Deutschland bekommt ein neues Transplantationsgesetz: Es soll regeln, wie mit einer möglichen Organspende nach dem Tod umgegangen wird. Die Diskussion darüber wirft eine Menge ethischer Fragen auf, an denen sich auch die Kirchen beteiligen.

Zehn Jahre nach 9/11

Passagierflugzeuge, die in die Zwillingstürme des World Trade Centers krachen, riesige Rauch- und Staubwolken in den Straßen, verzweifelte Schreie umherirrender Menschen, herabstürzende Trümmer und Büroangestellte, die sich in panischer Angst aus dem Fenster stürzen –

Papst besucht Deutschland

Papst Benedikt XVI. kommt nach Deutschland – daran erhitzen sich bereits lange vorher einige Gemüter. Während sich zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Magazins landesweit bereits 175.000 Menschen für die fünf Großgottesdienste Josef Ratzingers angemeldet hatten, organisieren sich Papst-Gegner.

Beten für arabische Welt

Die arabische Welt ist in Aufruhr: Die Menschen in Syrien, Ägypten, Tunesien, Libyen und dem Jemen kämpfen seit Monaten für ihre Freiheit. In dieser Situation haben mehrere christliche Organisationen zum Gebet für die arabische Welt aufgerufen.

Auf eine Minute

Der Mensch ist das einzige Wesen, das als Gottes Ebenbild geschaffen wurde. Gott sagt nach dem Bericht in der Bibel: „Lasst uns Menschen machen, ein Bild; das uns gleich sei“ (1. Mose 1,26).

Magazin :: Gesellschaft


(c) World Vision

Sterbende Nachbarn im globalen Dorf

Können wir die Armut in der Welt in den Griff bekommen?

Interview: Katrin Arnholz


Die Wirtschafts- und Finanzkrise dominiert immer wieder die Schlagzeilen – meist geht es um die Auswirkungen in unserem eigenen Land. Doch an anderen Ecken der Erde ist die Realität oft viel bitterer als bei uns: In Haiti kämpfen seit dem Erdbeben im Januar immer noch tausende Menschen ums Überleben. Generell haben seit 40 Jahren auf der Welt nicht so viele Menschen gehungert wie heute: Eine Milliarde Menschen haben nicht genug zu Essen. Jeden einzelnen Tag sterben 24.000 Kinder unter fünf Jahren an vermeidbaren Krankheiten. „Einen schleichenden Tsunami“ nennt das Christoph Waffenschmidt, Vorstandsvorsitzender des christlichen Hilfswerks World Vision Deutschland. Mit NEUES LEBEN sprach der 40-Jährige über die Hintergründe weltweiter Armut und mögliche Lösungen.

Neues Leben :: Herr Waffenschmidt, das Erdbeben im Januar hat mit Haiti einen der ärmsten Staaten der Welt getroffen. Was braucht das Land, um wieder auf die Beine zu kommen?

Waffenschmidt :: Direkt nach der Katastrophe geht es ausschließlich um Soforthilfe: das Bereitstellen von Wasser, Lebensmitteln, Decken, medizinischer Versorgung. World Vision hat im Grenzgebiet zur Dominikanischen Republik einAuffanglager, in dem Kinder physisch und auch psychisch betreut werden. Viele haben ihre Eltern verloren, die meisten sind traumatisiert. Die Arbeitsbedingungen sind, wie Sie wissen, sehr schwierig, da in Haiti die gesamte Infrastruktur zusammengebrochen ist: Straßen, Brücken, Gebäude existieren nicht mehr. Nach dieser Soforthilfe muss dann die Wiederaufbauarbeit beginnen.

Neues Leben :: Gibt es in dieser Katastrophe noch irgendeinen Hoffnungsschimmer für den Karibikstaat?

Waffenschmidt :: World Vision ist seit über 30 Jahren in Haiti in der langfristigen Entwicklungshilfe aktiv. Es gab in dem Land wiederholt politische Machtkämpfe bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, die es immer wieder zurückgeworfen haben. Trotzdem war Haiti kaum auf dem internationalen Radar, obwohl die Menschen dort unter ärmlichsten Bedingungen leben. Ich denke, es gibt Hoffnung, weil die Hilfsbereitschaft in der Weltgemeinschaft so wahnsinnig groß ist. Die Dramatik der Situation hat die Aufmerksamkeit auf Haiti gelenkt; die Menschen wollen nicht zusehen, wie andere Menschen sterben, sondern helfen.

Neues Leben :: Sie selbst haben sich entschieden, in einer Entwicklungshilfeorganisation zu arbeiten, um zu helfen. Was hat Sie persönlich dazu motiviert?

Waffenschmidt :: Ich denke, dass Glaubensüberzeugungen nicht nur ins stille Kämmerlein oder in die Gemeinde gehören, sondern dass christliche Werte in unserer Gesellschaft eine Rolle spielen müssen. Was mich besonders motiviert, ist das Gebot der Nächstenliebe. Ich sehe unsere Welt als „globalisiertes Dorf“, in dem auch das Kind in Sierra Leone und die aidskranke Mutter in Südafrika meine Nachbarn sind. Aus dieser Motivation heraus bin ich vor zwei Jahren zu World Vision gewechselt.

Neues Leben :: Hier in Europa spüren wir alle die Auswirkungen der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise. Gleichzeitig heißt es, dass vor allem die Ärmsten in den Entwicklungsländern davon betroffen sind. Was heißt das konkret?

Waffenschmidt :: Die Zahl der hungernden und unterernährten Menschen ist in den vergangenen zwölf bis 15 Monaten deutlich nach oben gegangen. Man spricht von 25 Millionen Menschen pro Quartal, die dazukommen. Das heißt, allein im vergangenen Jahr haben 100 Millionen Menschen mehr an Hunger gelitten als vorher. Außerdem gibt es einen größeren Zusammenhang: In unserer globalisierten Welt sind die Wirtschaftssysteme miteinander vernetzt. Das geht hinunter bis ins kleinste Glied. Wenn durch die Wirtschaftskrise weniger Geld im Umlauf ist, dann erreicht die Wirkung also auch die Ärmsten. Und wenn man von einem Dollar am Tag lebt, dann sind solche Veränderungen lebensbedrohlich. Die reichen Länder überschwemmen zudem arme Länder mit ihren subventionierten Nahrungsmittelüberschüssen, was zur Folge hat, dass der Bauer in Afrika oder Südamerika seine Produkte nicht mehr zu einem fairen Preis auf den einheimischen Märkten verkaufen kann.

Neues Leben :: Hat Ihre Organisation im Zuge dieser Krise akut Projekte angeschoben, um in dieser Situation zu helfen?


Waffenschmidt :: Ja, wir haben den Fokus verstärkt auf Kinder unter fünf Jahren gerichtet. Wir haben gemerkt, dass vor allem diese Kinder durch die verschärfte Situation gefährdet sind. Viele von ihnen sind unterernährt und sterben an vermeidbaren Krankheiten. Dort wollen wir einhaken und für stabile Ernährung und medizinische Betreuung sorgen.

Neues Leben :: Unabhängig von der aktuellen Krise ist die Lage verheerend. Die Welthungerhilfe hat 2009 bekannt gegeben, dass heute so viele Menschen auf der Welt hungern wie seit 1970 nicht mehr – über eine Milliarde. Warum ist das so? Sollte sich die Situation durch den weltweiten Fortschritt nicht verbessern?

Waffenschmidt :: Es gibt mehrere Faktoren, die dazu beitragen, dass sich die Lage verschärft. Zur Finanz- und Wirtschaftskrise kommt die Krise der Nahrungsmittelpreise und nicht zuletzt der Klimawandel: Die Klimaveränderung hat vor allem dort Auswirkungen, wo die Menschen sowieso schon unter schwierigen Bedingungen leben – in heißeren Ländern wie in Afrika und in küstennahen Gebieten wie in Südostasien. An der Küste häufen sich die Naturkatastrophen – Tsunami, Überschwemmungen, Taifune. Die Menschen verlieren ihr Zuhause und sind quasi auf der Flucht. Diese Regionen haben gar nicht die Kapazität, so vielen Menschen zu helfen, ihnen Nahrung und Gesundheitsversorgung zu geben. In Afrika regnet es in einzelnen Gebieten über mehrere Monate überhaupt nicht mehr. Ich war kürzlich in Kenia – ein Land, das eigentlich nicht wegen Hunger in den Schlagzeilen ist. Doch dort hatte es teilweise seit einem halben Jahr nicht mehr richtig geregnet, die Felder waren völlig verdörrt, und die Rinder verwesten bereits am Wegesrand, weil sie nichts mehr zu fressen gehabt hatten. Damit fallen nicht nur Nahrungsmittel wie Getreide weg, sondern auch Fleisch und Milch.

Neues Leben :: Aber einige Regionen entwickeln sich ja auch vorwärts …

Waffenschmidt :: Ja, China, Indien und Brasilien sind Länder, die sich in den vergangenen Jahren wirtschaftlich stark entwickelt haben. Auch einige afrikanische Länder wie Ghana und Ruanda sind auf gutem Weg. Allerdings ist diese Entwicklung auch ein Grund, warum der Hunger in anderen Teilen der Welt zugenommen hat. Der Fleischkonsum, zum Beispiel, steigt weltweit, vor allem in den Schwellenländern. Da Rinder und Schweine vorwiegend von Getreide ernährt werden, geht heute schon fast die Hälfte der weltweiten Getreideproduktion dafür drauf – auf Kosten derer, die das Getreide eigentlich bräuchten und sich Fleisch gar nicht leisten können. Ein weiterer Faktor, der die Lage verschärft, ist die Verknappung der Rohstoffe. Rohstoffe, aus denen normalerweise Lebensmittel hergestellt werden, werden heute verstärkt auch zur Energiegewinnung genutzt. Und auch das macht sich am unteren Ende der Wirtschaftskette, in den Entwicklungsländern, bemerkbar. Denn wenn die Rohstoffe knapper werden, steigt der Preis für Grundnahrungsmittel.

Neues Leben :: Der Banker Muhammed Yunus aus Bangladesch erhielt 2006 den Friedensnobelpreis, weil seine Bank durch Kleinstkredite den Ärmsten hilft, ein Kleinunternehmen zu starten und so aus der Armut herauszukommen. Sind Mikrokredite wirklich so wirksam?

Waffenschmidt :: Absolut. Entwicklungshilfe soll ja nicht abhängig machen, sondern auf die Kräfte und Eigeninitiative der Menschen vor Ort aufbauen. World Vision vergibt auch Kleinstkredite und will das verstärkt tun. In der Mongolei habe ich vor kurzem eine Frau getroffen, die so einen Kredit bekommen hatte. Sie lebte in ärmlichsten Verhältnissen am Rand der Hauptstadt Ulan Bator. Ihre Kinder waren unterernährt. Sie hat sich gefragt: „Was kann ich?“ Die Antwort: „Haare schneiden.“ Von dem Kleinstkredithat sie sich Bürsten, Kämme und Scheren gekauft und auf ganz einfachem Niveau als Frisörin angefangen. Das lief so gut, dass sie den Kredit bald zurückgezahlt und sich für die nächste Finanzierungsrunde qualifiziert hat. Heute hat die Frau alle Kredite zurückgezahlt, besitzt einen eigenen Frisörraum und hat zwei Angestellte. Sie hat also nicht nur ihre eigene Familie aus der Armut geholt, sondern auch einen Wirtschaftskreislauf in Gang gebracht, der noch zwei weitere Menschen absichert.

Neues Leben :: Bundesaußenminister Guido Westerwelle will den Beitrag Deutschlands zur Entwicklungshilfe bis 2015 auf 0,7 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt steigern. Zurzeit liegt er bei 0,37 Prozent. Das ist ziemlich wenig im Vergleich zur Milliardenhilfe, die die Bundesregierung zur Rettung von Banken und Unternehmen mobilisiert hat. Wie bewerten Sie das?

Waffenschmidt :: Die Rettung der Banken war sicherlich notwendig. Aber das Rettungspaket zeigt, dass Politik imstande ist, innerhalb kürzester Zeit einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag nur für die Rettung der Hypo Real Estate zur Verfügung zu stellen. Wir erwarten und fordern daher auch von der Politik, dass sie einen Teil davon zur Bekämpfung des Elends auf dieser Welt bereitstellt. Ob Herr Westerwelle hält, was er verspricht, ist aufgrund leerer Haushaltskassen fraglich. Aber überlegen Sie sich einmal: Jeden Tag sterben weltweit 24.000 Kinder unter fünf Jahren an Unterernährung und vermeidbaren Krankheiten wie Durchfall. Wenn die ganze Weltgemeinschaft zusammen jedes Jahr 15 Milliarden Euro zur Verfügung stellen würde, könnten wir die Kindersterblichkeit und auch die Müttersterblichkeit bekämpfen und sogar beseitigen. Wäre es das nicht wert?

Neues Leben :: Was kann denn jeder Einzelne tun, um die Situation zum Besseren zu beeinflussen?

Waffenschmidt :: In der westlichen Welt kommen wir um einen Verzicht und eine neue Prioritätensetzung nicht herum. Einmal den finanziellen Verzicht, indem wir uns mit unserem Geld für ärmere Menschen engagieren und ihnen dabei helfen, sich selber aus ihrer Situation zu befreien. Und zum anderen den Verzicht auf Dinge, die uns lieb geworden sind, die den Klimawandel aber noch vorantreiben. Schon durch kleine Veränderungen kann jeder einen Beitrag dazu leisten, dass die Erderwärmung nicht weiter steigt und damit den Menschen helfen, die sie am härtesten trifft.

Ausgabe: Frühjahr 2010

Zur Person

Christoph Waffenschmidt ist seit zwei Jahren Vorstandsvorsitzender von World Vision Deutschland. Vor seinem Engagement in dem christlichen Hilfswerk war er mehrere Jahre in der Politik tätig: einmal als Büroleiter eines Bundestagsabgeordneten und später als Bürgermeister der Stadt Waldbröl. Der 40-Jährige lebt mit seiner Frau und seiner zweijährigen Tochter in Bonn.

World Vision hilft seit über 50 Jahren Kindern und ihren Familien in Entwicklungsländern in Afrika, Lateinamerika, Asien und Osteuropa. Die Hilfe reicht von der kurzfristigen Versorgung von Flüchtlingen oder Opfern einer Naturkatastrophe bis zu langfristigen Entwicklungsprojekten. Die Organisation arbeitet vor allem durch Kinderpatenschaften; im Finanzjahr 2008 wurden mehr als 3,6 Millionen Patenkinder gefördert. Die Gesamtzahl der unterstützten Personen liegt bei etwa 100 Millionen Menschen. www.worldvision.de