Magazin :: Glaube

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Impuls
Über die Ferne hinweg vertraut
Wann immer meine Frau Doris, die ja gebürtige Kanadierin ist, ihre Eltern in ihrer alten Heimat besucht, denke ich: „Wie gut, dass wir in einem fortgeschrittenen Zeitalter der Kommunikation leben!“ Besonders den Wert des Telefons habe ich neu schätzen gelernt – und dabei entdeckt, dass unsere Kommunikation sich dabei stets auf unterschiedlichen Ebenen bewegt. Da gibt es zum einen die Informationsebene: ein kurzer Austausch über Kinder, Eltern, Arbeit, Gemeinde und was man sonst noch so erlebt hat. Dazu kommt die Ebene der Motivation: Wir planen unser Wiedersehen und sprechen aus, was wir uns und den anderen wünschen.
Es gibt aber noch eine weitere Ebene, die wir als Menschen zwar zuerst erlernen, aber im Alltag schnell verlernen: die Ebene der Vertrautheit. Kinder beherrschen diese Sprache. Oft reicht es ihnen aus zu wissen, dass die Eltern da sind – und alles ist gut. Manchmal kann man auch beobachten, wie Kinder aus unterschiedlichen Kulturen miteinander spielen, ohne dass sie die Sprache des anderen kennen. Und doch verstehen sie sich blendend. Meine Frau und ich haben für uns ganz neu entdeckt, wie gut es tut, diese Sprache zu sprechen. Da ist der vertraute Klang der Stimme des Partners, der der Seele gut tut. Da ist Schweigen und doch gleichzeitig das Wissen, dass am anderen Ende der Leitung jemand da ist, der dich liebt und dir ganz nah ist, obwohl dich Tausende Kilometer trennen.
Oft ist es beim Beten ähnlich. Wenn wir darüber nachdenken, fällt uns auf: Es findet häufig nur auf der Ebene von Information oder Motivation statt. Unser Gebet verkümmert zu einem Informationsaustausch. Als ob Gott nicht wüsste, was wir brauchen! Er kennt unsere Gebetslisten besser als wir, und wenn die Bibel davon spricht, dass Gott antwortet, bevor wir rufen, dann sollte uns das eigentlich eine große Portion Gelassenheit schenken.
Als Jesu Freunde ihn beten hörten, waren sie so beeindruckt, dass sie ihn baten: „Herr, lehre uns beten!“ Und das in einer Kultur, in der Gebet nichts Unbekanntes war. Aber da war etwas in der Art und Weise, wie Jesus betete, das die Menschen wie ein Magnet anzog. Daraufhin weist Jesus seine Jünger ins Gebet ein – und beginnt dabei mit zwei Worten, die sie direkt auf die entscheidende Ebene des Gebets führen: „Unser Vater“. Jesus spricht die Ebene der Vertrautheit an, denn genau dort möchte Gott uns begegnen. Es ist die Ebene, wo unser Herz zur Ruhe kommt und Hoffnung und Zuversicht tankt. David, König und Liederdichter, hat dies so beschrieben: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz, dass ich gewiss nicht fallen werde“ (Psalm 62,2+3). Die Sprache der Vertrautheit ist nicht nur eine Kindersprache – vor allem ist sie eine Herzenssprache, die wir nicht vernachlässigen sollten und ganz neu lernen dürfen.
Wilfried Schulte ist Direktor von Neues Leben und Herausgeber dieses Magazins.
Sonderausgabe Mai 2010










