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Verrückte Welt - verrückter Gott?
Wie Christus mit dem Kriminellen in uns umgehen möchte
Von Max Lucado
„Ich versichere dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lukas 23,43). – Noch verrückter als einem Schwerverbrecher so ein Versprechen zu geben, geht es eigentlich kaum noch. Schon sich die Szene vorzustellen, lässt unsere Fantasie Blüten treiben: ein ehemaliger Häftling aus dem Hochsicherheitstrakt, der den Sohn Gottes um das ewige Leben bittet ... Aber, dass diese Bitte dann auch noch erfüllt wird – jetzt wird es absurd, oder? Doch absurd oder nicht absurd, so geschah es: Jemand, der die Hölle verdiente, kam in den Himmel, und wir kratzen uns den Kopf vor diesem Rätsel. Was, um alles in der Welt, will Jesus uns mit dieser Szene zeigen? Was will er uns demonstrieren, indem er diesem Kriminellen vergibt, der wahrscheinlich nie auch nur ein Tischgebet gesprochen hatte und für den „Gnade“ ein Fremdwort war? – Nun, ich habe da eine Theorie. Aber um sie zu erklären, muss ich Ihnen noch eine andere Geschichte erzählen, die unglaublich ist.
Das Sonderangebot Ihres Lebens
In einer Großstadt drangen mitten in der Nacht Einbrecher in ein Kaufhaus ein. Niemand bemerkte sie, sie taten das, was sie vorgehabt hatten, und entkamen unerkannt. Und jetzt kommt es: Sie ließen nichts mitgehen. Absolut nichts. Kein einziger Artikel fehlte, alles war noch an seinem Platz. Aber dafür taten diese Einbrecher etwas anderes. Sie änderten sämtliche Preise, indem sie die Preisschilder wild vertauschten. Sie zogen den 395-Dollar- Aufkleber von einer Spiegelreflexkamera ab und klebten ihn auf eine Schachtel mit Schreibpapier. Das 5,95-Dollar- Preisschild an einem Kinderbuch wanderte zu einem Außenbordmotor. Verrückt? Und ob. Aber ob Sie es glauben oder nicht, es kommt noch toller. Am Morgen öffnete das Kaufhaus zur üblichen Zeit. Die Verkäufer gingen an ihren Posten, die Kunden strömten herein. Vier volle Stunden stöberten und kauften und bezahlten die Leute, bevor der Erste etwas merkte. Vier Stunden! Ein paar Kunden bekamen das Sonderangebot ihres Lebens, andere zahlten ein Vermögen für eine Kleinigkeit. Vier geschlagene Stunden merkte niemand, dass sämtliche Preise vertauscht waren, dass der Wert aller Waren auf dem Kopf stand. Unglaublich? Aber warum eigentlich? Wir erleben doch genau dasselbe an jedem Tag unseres Lebens. Wir leben in einem Wertesystem, das nicht mehr stimmt. Wir erleben, wie das Wertvollste im Leben für Pfennige verramscht wird und der letzte Dreck Millionen erzielt. Hier nur ein paar Beispiele, die mir in der letzten Woche begegnet sind: Da ist der Verkäufer, der seine illegalen Praktiken verteidigte, indem er sagte: „Ethik ist Ethik, und Geschäft ist Geschäft.“ Der Minister eines großen Landes, der beim illegalen Handel mit Edelsteinen erwischt wurde. Es war der – Hätten Sie’s geahnt? – Justizminister. Der Vater, der gestand, seine zwölfjährige Tochter ermordet zu haben, weil sie nicht mit ihm ins Bett gehen wollte. Warum tun wir das, was wir tun? Warum nehmen wir frech einen Pinsel und malen Schwarz und Weiß grau an? Warum landen höchste ethische Maßstäbe im Mülleimer, während sinnlose bürokratische Anordnungen penibel befolgt werden? Warum machen wir den Körper groß und die Seele klein? Warum pflegen wir unsere Haut und lassen unser Herz verdrecken? Unsere Werte stimmen nicht mehr. Jemand ist in den Laden eingebrochen und hat die Preisschilder vertauscht. Billiger Spaß und Tand erzielen Höchstpreise, während der Wert eines Menschenlebens so niedrig ist wie schon lange nicht mehr.
Menschheit ohne Ziel?
Man muss nicht Philosophie studiert haben, um zu sehen, wie es zu dieser großen Verdrehung kam. Sie fing an, als jemand uns einredete, dass die menschliche Geschichte eine Reise ins Nirgendwo ist. Dass der Mensch kein Ziel hat. Dass wir uns in einem ewigen Kreislauf befinden, der letztlich absurd und ohne Sinn ist. Wir haben uns einimpfen lassen, dass wir auf einem Klumpen Dreck gefangen sind, der ohne Sinn und Ziel durch das All rast. Die Erde dreht sich um ihre eigene Achse und sonst um nichts, die Schöpfung war ein Zufall der Evolution und die Menschheit hat keine Richtung. Nicht sehr optimistisch, nicht wahr? Aber das ist nur der erste Akt. Der zweite ist noch schlimmer. Wenn der Mensch kein Ziel hat, hat er auch keine Aufgabe. Keine Pflichten, keine Verantwortung. Wenn der Mensch kein Ziel hat, hat er auch keine Wegweiser. Wer soll ihm sagen, was richtig und was falsch ist? Wer will ihm vorschreiben, dass ein Ehemann nicht einfach seine Frau und Kinder im Stich lassen kann? Oder dass eine Mutter ihr Kind nicht abtreiben darf? Warum gleich heiraten, wenn man auch „zusammenziehen“ kann? Warum nicht meinen Kollegen als Trittstufe auf meiner Karriereleiter benutzen? Du hast deine Werte und ich habe meine, und absolute Regeln gibt es nicht. Keine Prinzipien, keine Ethik, keine letztgültigen Maßstäbe. Das Leben besteht aus dem nächsten Wochenende oder Urlaub, der nächsten Gehaltsüberweisung, dem nächsten Bier oder erotischen Abenteuer. Und am Ende löst sich alles auf.
Menschsein ohne Wert?
Wenn der Mensch kein Ziel und keine Aufgabe hat, ist der nächste logische Schritt, dass er auch keinen Wert hat. Wenn der Mensch keine Zukunft hat, ist er nicht mehr wert als ein Baum oder Stein. Wir haben keinen Grund, warum wir auf diesem Planeten sind, und folglich haben wir keinen Wert. Wozu dies führt, wissen wir alle. Unser System gerät aus den Fugen. Wir fühlen uns nutzlos und wertlos. Wir spielen Spielchen. Wir erfinden falsche Wertesysteme. Wir sagen: „Du hast einen Wert, wenn du hübsch und sexy bist.“ Oder: „Du bist wer, wenn du leisten und produzieren kannst.“ Oder: „Du bist wertvoll, wenn du Tore schießen oder Hits singen kannst.“ Oder wenn du einen „Dr.“ vor dem Namen hast. Oder ein Jahresgehalt im sechsstelligen Bereich. Oder ein Auto der Premium-Klasse. – Der Wert eines Menschen bemisst sich in unserer Gesellschaft nach zwei Kriterien: Aussehen und Leistung. Ein hartes System, nicht wahr? Wo bleiben in ihm die geistig Zurückgebliebenen? Die Hässlichen, die ohne Schulabschluss? Die Alten, die Behinderten? Die ungeborenen Kinder? Ihre Aktien stehen denkbar schlecht. Wir werden namenlose Nummern auf Listen, die keiner mehr finden kann.
Wertvoll durchs Menschsein
Bitte nehmen wir es zur Kenntnis: Dies ist das Wertesystem des Menschen und nicht das Gottes. Wenn es eines gibt, das Jesus allen Menschen zeigen wollte, dann dieses: Ein Mensch hat deshalb einen Wert, weil er ein Mensch ist. Darum hat Jesus die Menschen so ganz anders behandelt. Schauen Sie sich die biblischen Beispiele an. Die Ehebrecherin, die auf frischer Tat ertappt wurde – er vergab ihr. Der unberührbare Aussätzige, der ihn um Heilung bat – er berührte ihn. Der blinde Sozialfall, der an der Straße saß – er gab ihm seine Würde zurück. Der chronisch Kranke am Teich Betesda, der sich nur noch um sein Elend drehte – er heilte ihn! Und dann eben die große klassische Fallstudie über den Wert eines Menschen, die wir unter der Überschrift „Der Schächer am Kreuz“ im Lukasevangelium finden. Wenn je ein Mensch wertlos war, dann dieser Kriminelle. Wenn je einer den Tod verdient hatte, dann dieser Mann. Er stand ganz oben auf der Liste der Nullen und Taugenichtse. Vielleicht hat Jesus deswegen ausgerechnet ihn gewählt, um uns zu zeigen, was er über die Menschen denkt. Vielleicht hatte dieser Schwerverbrecher den Messias predigen gehört. Vielleicht hatte er mitbekommen, wie er die Armen und Geringen liebte und mit Lumpen, Tagedieben und Obdachlosen zu Tisch saß. Aber vielleicht auch nicht; vielleicht war das Einzige, was er über diesen Messias wusste, das, was er gerade neben sich sah: einen gegeißelten, blutüberströmten, ans Kreuz genagelten Wanderprediger, der mit jedem Atemzug um das nächste bisschen Luft rang. Aber irgendetwas sagte ihm, dass er noch nie in seinem Leben in besserer Gesellschaft gewesen war. Irgendwie merkte er, dass das Einzige, was er noch tun konnte, Beten war – und dass er hier neben dem Einen hing, zum dem zu beten sich lohnte. Und Jesus sagt: „Ja!“
Wertvoll ohne Leistung
Warum hat Jesus das gemacht? Was brachte es ihm, diesem Desperado neben sich einen Ehrenplatz im himmlischen Festsaal zu versprechen? Was konnte dieses Exemplar aus der Lumpengalerie der Menschheit ihm denn als Gegenleistung geben? Das mit der samaritischen Frau in Johannes 4 kann man ja noch verstehen; sie konnte in die Stadt zurückgehen und allen erzählen, was Jesus ihr gesagt hatte. Und Zachäus hatte ein dickes Bankkonto, von dem er spenden konnte. Aber dieser Typ hier? Was konnte er für Jesus tun? Nichts! Und genau darum geht es. Hören Sie gut zu: Die Liebe Jesu zu uns hängt nicht davon ab, was wir für ihn tun können. In den Augen des Königs haben Sie einen Wert, weil – es Sie gibt. Sie brauchen nicht gut auszusehen oder genug zu leisten. Ihr Wert ist angeboren, Punkt. Denken Sie einen Augenblick darüber nach. Sie sind wertvoll, weil es Sie gibt. Nicht, weil Sie das und das tun oder getan haben, sondern einfach, weil Sie da sind. Merken Sie sich das und denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal jemand mit der Dampfwalze seines Ehrgeizes an die Wand drückt oder Ihnen ein Schleuderpreisschild an Ihr Ich heften will. Das nächste Mal, wenn jemand Sie billig machen will, denken Sie einfach daran, wie wertvoll Sie Jesus sind, und lächeln Sie. Ich lächle selbst. Ich tue es, weil ich weiß, dass ich eine solche Liebe nicht verdient habe. Keiner von uns hat sie verdient. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir alle Gott wenig oder nichts zu bieten haben. Selbst die Reinsten und Heiligsten unter uns verdienen den Himmel ungefähr genauso wie der Schächer am Kreuz. Wir alle benutzen die Kreditkarte Jesu und nicht unsere eigene. Und ich muss auch lächeln, wenn ich daran denke, dass durch die goldenen Gassen des Himmels ein Ex-Knastbruder spaziert, der mehr über Gnade weiß als tausend gelehrte Theologen. Keiner hätte auch nur ein Gebet für ihn übrig gehabt, und ein Gebet war alles, was er selbst zu bieten hatte. Aber das reichte. – Kein Wunder, dass sie Christus den „Erlöser“ nennen.
Max Lucado ist Pastor und Schriftsteller. Er hat etwa 50 Bücher verfasst, die immer wieder auf der Bestsellerliste der New York Times zu finden waren. Sein Buch „Staunen über den Erlöser“ erschien kürzlich auf deutsch bei Hänssler.
Ausgabe: März 2008










