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Harte Fragen der Bibel

FRAGE: Inwieweit ist Gottes Vergebung abhängig davon, ob wir anderen Menschen vergeben?

ANTWORT:

Im bekanntesten Gebet der Christenheit, dem „Vaterunser“ bitten Christen um Vergebung. Dort lautet eine Bitte an den himmlischen Vater: „und vergib uns unsere Schuld“. Doch folgt dieser Bitte der wichtige Nachsatz „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ (Matthäus 6,12). Direkt nach dem Gebet vertieft Jesus diese Aussage noch einmal (6,14f): „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ Es besteht also eine enge Verbindung zwischen der von Gott erbetenen und empfangenen Vergebung und unserem Verhältnis zu unseren Mitmenschen. In der ganzen Bibel lässt sich unser Verhältnis zu Gott und zu unseren Mitmenschen nicht voneinander trennen.

„Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ bedeutet zunächst, dass die empfangene Vergebung durch Gott Folgen haben wird. Wer Gottes Vergebung erfahren hat, ist befreit, befähigt und berufen, auch anderen zu vergeben. Weil Gott nicht aufrechnet und straft, sondern vergibt, darf und soll auch ich das Aufrechnen sein lassen und anderen vergeben. Einmal hat Jesus eine eindrückliche Geschichte von einem Mann erzählt, dem eine unermessliche Schuld vergeben wurde, der aber nicht bereit war, nun selbst auch anderen eine relative Kleinigkeit zu vergeben. Daraufhin wird die von ihm empfangene Vergebung rückgängig gemacht (Matthäus 18,21–35). Je deutlicher uns unsere Schuld und ihr Ausmaß vor Gott bewusst wird und wir über seine unverdiente Gnade an uns staunen, desto mehr und desto eher werden wir auch anderen vergeben. Doch ist dabei Gottes Vergebung von unserer Vergebung bzw. Vergebungsbereitschaft abhängig? Wird nur denen vergeben, die auch selbst vergeben? Hier und an anderen Stellen der Bibel scheint eine enge Verbindung zwischen göttlicher und menschlicher Vergebung zu bestehen. Die von Gott empfangene Gnade wird einen Menschen verändern und durch ihn an andere weitergegeben. Für viele Menschen ist diese Aussage vielleicht kein so großes Problem: So viel haben sie – realistisch betrachtet – anderen gar nicht zu vergeben. Doch andere Menschen haben Schreckliches erlebt – Krieg, traumatische Verbrechen, Missbrauch in verschiedener Form, vielleicht über lange Zeiträume hinweg. Viele können nicht so einfach vergeben – und dazu kann und soll auch niemand gezwungen werden, denn das „Ent-Schuldigen“ der Fehler eines anderen Menschen setzt immer unsere Freiwilligkeit voraus.

Entscheidend ist unsere grundsätzliche Bereitschaft, vergeben zu wollen und Jesu Forderung ernst zu nehmen. Es ist also wichtig, zu unterscheiden zwischen einem Nicht-Vergeben-Wollen und einem Noch-Nicht-Vergeben-Können. Vergebung zwischen Menschen kann oft einen Prozess beinhalten, angestoßen von der selbst empfangenen Vergebung Gottes. Mit Gottes Frieden und seiner Heilung in meinem Leben werde ich frei, anderen zu vergeben und vergeben zu können. Aber es kann dauern, bis meine Gefühle endlich dem Entschluss folgen zu vergeben. Doch um meiner selbst und der anderen Willen bleibt diese Herausforderung bestehen.

Prof. Dr. Christoph Stenschke ist Dozent für Neues Testament in Wiedenest und Generalsekretär der Gemeinschaft europäischer evangelikaler Theologen (FEET).


Ausgabe: Herbst 2010