Magazin :: Interview

Vergebung besiegt den Hass
Frida Gashumba überlebte als Kind den Völkermord in Ruanda
Interview: Katrin Arnholz
Ruanda, April 1994: Der Präsident stirbt bei einem Attentat. Innerhalb von drei Monaten danach werden fast eine Million Menschen grausam ermordet. Das Massaker der Hutu an den Tutsi geht als der größte Völkermord seit dem Holocaust in die Geschichte ein. Heute hat sich viel in dem zentralafrikanischen Land verändert: Hutu und Tutsi leben weitgehend friedlich miteinander. Aber noch immer gibt es viele ungeheilte Wunden. Frida Gashumba gehört zu denen, die sich für Vergebung und Versöhnung einsetzen. Als 14-Jährige musste sie selbst zusehen, wie ihre Familie niedergemetzelt wurde.
Leben :: Sie stehen dafür, dass Vergebung selbst den größten Hass besiegen und ein neues Leben schenken kann. Um das richtig zu verstehen, lassen Sie uns noch einmal zurückblicken. Was ist vor 16 Jahren passiert?
Frida Gashumba :: Der Völkermord begann zwar quasi über Nacht, aber die Hetze gegen die Tutsi-Bevölkerung hatte schon viel früher begonnen. Mein Vater erlebte Repressalien, weil ihm unterstellt wurde, dass er Tutsi-Rebellen im Ausland unterstützte. Er war auch im Gefängnis. Für mich wurde das Ganze jedoch erst richtig lebendig, als wir in der Schule nach Hutu und Tutsi durchgezählt wurden. Ich wusste damals gar nicht, was ich war und erfuhr es von meiner Freundin. Die Atmosphäre war wie vergiftet, weil schon die Hutu-Kinder uns hänselten und bedrohten. Trotzdem habe ich in meinem kindlichen Gemüt bis zum Schluss – selbst als wir alle vor unserem Massengrab standen und sich unsere Nachbarn mit Macheten, Messern, Knüppeln und Nagelkeulen vor uns aufgebaut hatten – nicht daran geglaubt, dass sie uns wirklich umbringen würden.
Neues Leben :: Aber ihr kindlicher Glaube wurde enttäuscht.
Frida Gashumba :: Ja. Mein Großvater bat die Mörder mehrmals um Gnade. Sie müssen wissen, dass er Lehrer war und deshalb viele der Leute im Dorf gut kannte. Die Mörder wollten jedoch nur ihn verschonen, also lehnte er ab. Als einer der Hutu- Männer ins Grab sprang und auf ihn einschlug, hieben auch alle anderen auf uns ein. Vorher gab es noch die absurde Situation, dass jeder von uns seinen Mörder und seine Mordwaffe auswählen konnte. Ich wählte einen jungen Mann namens John. Er hatte einen Knüppel. Ich wollte auf keinen Fall durch die Machete sterben. Ich sah noch, wie meiner Mutter der Kopf abgehackt wurde, dann schlug John zu. Er traf mich auf den Hinterkopf, und ich wurde bewusstlos. Weil alle Toten übereinanderfielen, hat er wohl nicht gemerkt, dass ich noch geatmet habe.
Neues Leben :: Und dann?
Frida Gashumba :: Dann haben sie das Grab zugeschaufelt, und ich habe keinen Mucks getan. Ich lag 14 Stunden unter Toten, in Schlamm und Blut begraben. Meine ganze Familie war tot. Ich betete: Gott, wenn du mich rettest, werde ich dir mein ganzes Leben lang dienen und Nonne werden. Ich dachte als Kind, das sei es, was es bedeutet, Gott zu dienen. Dann kam ein Hutu- Mann vorbei, der sich dem Morden widersetzt hatte und meinen Großvater kannte. Als ich schrie, hörte er mich und rettete mich. Ein anderer Hutu versteckte mich, bis der Genozid vorüber war.
Neues Leben :: Was empfinden Sie, wenn Sie heute davon erzählen?
Frida Gashumba :: Ich erinnere mich detailliert an alles – aber heute ohne Schmerz und ohne Hass. Natürlich vermisse ich meine Familie. Als ich meine Kinder bekommen habe, war es besonders schlimm. Jeden Tag habe ich mir gewünscht, meine Mutter könnte sie sehen. Ich hatte früher sehr, sehr große Angst und bekam schreckliche Albträume. Aber weil ich mich als Christin dafür entschieden habe zu vergeben, habe ich den Hass verloren und Gott die Tür geöffnet, um mich zu heilen.
Neues Leben :: Nach dem Genozid hatten Sie jedoch zunächst gar nichts mit Gott zu tun. Mit anderen Menschen übrigens auch nicht.
Frida Gashumba :: Ja. Ich konnte niemandem vertrauen. Wissen Sie, die Menschen, mit denen wir früher jahrelang friedlich zusammengelebt hatten, denen meine Familie so oft geholfen hatte, mit deren Kindern ich gespielt hatte – sie hatten sich auf brutalste Weise gegen uns gewandt. Ich habe alles gehasst, auch mein eigenes Leben. Ich konnte auch Gott nicht vertrauen, denn ich glaubte, er hätte uns aufgegeben und verlassen. Die ganze Welt hatte uns aufgegeben. Außerdem nannten sich einige der Mörder meiner Familie Christen. Ihr Anführer war sogar ein adventistischer Pastor. Wenn mir also jemand von Gott erzählen wollte, war ich sehr ablehnend.
Neues Leben :: Wie hat sich das verändert?
Frida Gashumba :: In meiner Schule habe ich ein Mädchen kennen gelernt. Sie war anders als alle anderen Menschen, die ich bisher gekannt hatte. Sie schien immer glücklich zu sein und sang viel. Ich fragte sie, was sie zum Singen bringe. Und sie antwortete: Jesus. Ich fragte sie: Kann derselbe Jesus mir Frieden schenken? Sie sagte ja und lud mich zur Mittagsandacht ein. Als ich die Predigt hörte, dachte ich zum ersten Mal, vielleicht kann mir Gott wirklich meine Freude und mein Leben wiedergeben. Ich habe mich dafür entschieden, Jesus mein Herz zu öffnen. Und ich bin völlig verändert nach Hause gegangen. Ich hatte Frieden. Zuhause habe ich meine alte Gideon-Bibel gesucht und angefangen, darin zu lesen.
Neues Leben :: Viele Menschen, die Grausamkeit, Krieg und große Not erleben, verlieren die Hoffnung in die Zukunft. Was hat Ihnen die Hoffnung wiedergegeben?
Frida Gashumba :: Als ich Gott mein Herz öffnete, ihm sagte, dass ich mit ihm gehen, ihm dienen und seinem Wort gehorchen wollte, wusste ich, dass ich um Vergebung nicht herumkommen würde. Aber es fiel mir sehr schwer. Lange habe ich die Hutu gehasst. Ich dachte, Gott forderte das Unmögliche von mir. Und doch wusste ich: Ich musste es tun. Also habe ich jeden Tag dafür gebetet: „Gott, gib mir die Kraft, ich weiß, dass du es kannst. Ich weiß, was du am Kreuz getan hast, wie du mir vergeben hast, und ich will auch anderen vergeben können. Hilf mir! Ich möchte frei von Hass, Zorn und Verbitterung sein.“ Ich habe daran geglaubt, dass Gott Vergebung für mich möglich macht und darauf gewartet. Und er hat es getan. Durch die Vergebung hat der Heilungsprozess eingesetzt. Dann wusste ich, dass ich eine Zukunft haben konnte, dass ich wieder geliebt werden konnte und dass Gott mich benutzen würde. Und ich habe auch angefangen, wieder an das Gute im Menschen zu glauben.
Neues Leben :: Sie hatten danach den Wunsch, anderen Menschen bei der Bewältigung ihres Traumas zu helfen und haben sich auch entsprechend ausbilden lassen. Welche Erfahrungen machen Sie bei Ihrer Arbeit?
Frida Gashumba :: Es gibt immer noch viele Menschen, die nicht vergeben haben und vielleicht auch nie vergeben werden. Ich sage denjenigen, die ich begleite: „Das ist eine Entscheidung, die du treffen musst. Dein Hass und deine Verbitterung tun dir weh. Es ist, als wenn du Gift trinkst und darauf wartest, dass dein Feind stirbt. Es bringt dich um, und nicht den anderen.“ Aber man kann niemanden zur Vergebung zwingen, sondern nur da sein und Geduld haben.
Neues Leben :: Was tun die Regierung und die internationale Gemeinschaft, um den Prozess zu unterstützen?
Frida Gashumba :: Es gibt eine Menge Projekte und Programme von der Regierung und internationalen Nichtregierungsorganisationen, die Versöhnung fördern. In den traditionellen Gacaca-Dorfgerichten können sich auch Täter und Opfer miteinander auseinandersetzen. Der Mörder gesteht seine Schuld, und das Opfer vergibt ihm, wenn es will. Außerdem gab es viel Aufklärungsarbeit darüber, wie der Konflikt historisch entstanden ist.
Neues Leben :: Wie beeinflusst der Genozid das heutige Leben in Ruanda?
Frida Gashumba :: Wenn Sie nach Ruanda kommen, können Sie nicht anders, als sich zu fragen, wie es möglich ist, dass ehemalige Mörder und Genozid-Überlebende so friedlich zusammenleben. Zwar gab es auch Situationen, in denen ein Hutu einen Überlebenden getötet hat, weil er nicht wollte, dass er im Dorftribunal gegen ihn aussagt. Und es gibt auch immer noch Hutu, die mit der Ideologie von damals leben. Aber in der Mehrheit arbeiten Hutu und Tutsi Seite an Seite, wohnen in demselben Dorf, und sie heiraten sogar untereinander! Nur Gott kann so etwas bewirken; es ist wirklich unglaublich.
Neues Leben :: Neben Versöhnung ist Bildung eine Voraussetzung, dass so etwas wie 1994 nicht wieder passiert und Ruanda sich weiterentwickelt. Wie ist die Situation der jungen Menschen?
Frida Gashumba :: Es gibt sehr viele Waisen, die mittlerweile junge Erwachsene sind. Für die Überlebenden gibt es einen Fonds, der ihnen hilft, ihre Schulgebühren zu bezahlen. Aber es kommt darauf an, wie eine Waise ihre traumatischen Erlebnisse verarbeitet hat. Es gibt solche, die ihr Leben wirklich anpacken, zur Schule gehen und ihre Zukunft bauen. Andere sind noch immer in ihrem Trauma gefangen und innerlich gebrochen. Sie brauchen Hilfe. Wir in der Kirche versuchen, ihnen Vorbilder zu sein und Mutter und Vater zumindest etwas zu ersetzen. Ich besuche zum Beispiel auch mit einigen Frauen ein Waisendorf, wo wir Schulmaterialien, Lebensmittel und Bibeln verteilen. Aber vor allem wollen wir den Kindern zeigen, dass sie nicht vergessen sind. Ich erzähle ihnen von meinen eigenen Erfahrungen und ermutige sie, ihr Leben anzupacken. Es ist noch alles drin!
Neues Leben :: Wie sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Frida Gashumba :: Ich möchte gern ein Dorf aufbauen, in dem Waisenkinder in Familien aufwachsen. Die Kinder liegen mir sehr am Herzen. Ich habe selber drei Waisen aufgenommen – aber ich kann nicht allen helfen. Außerdem bauen wir gerade eine Kirche für 3.000 Menschen. Mein Mann ist Pastor. Immer mehr Menschen in Ruanda suchen Gott. Unsere Leben wurden völlig durcheinander gerüttelt, und viele haben erkannt, dass es ohne Gott keine Zukunft gibt.
Ausgabe: Frühjahr 2010
Zur Person
TRAUMA UND NEUANFANG
Frida Gashumba überlebte als 14-Jährige 1994 den Völkermord in Ruanda. Ihre gesamte Familie wurde getötet. Seit sie mit Gottes Hilfe den Verantwortlichen vergeben konnte, setzt sich die heute 29-Jährige für Versöhnung ein. Frida lebt mit ihrem Mann Steven Gashumba in Kigali, der Hauptstadt Ruandas. Sie hat zwei eigene Kinder und ein adoptiertes Hutu-Mädchen; außerdem leben noch drei weitere Waisenkinder in ihrem Haushalt.
HINTERGRUND
Der Konflikt zwischen Hutu und Tutsi geht auf die Kolonialzeit zurück, in der die Tutsi-Bevölkerung besonders gefördert wurde, weil die Kolonialherren sie als den Hutu überlegen ansahen. Als sich in den 1950er-Jahren das Verhältnis änderte und die Hutu-Mehrheit in Machtpositionen gelangte, kam es immer wieder zu Gewaltausbrüchen gegen Tutsi. Auslöser für den Völkermord 1994 war das tödliche Attentat auf den damaligen Präsidenten, Juvenal Habyarimana, einen Hutu. Danach wurde die Hutu Bevölkerung aufgerufen, alle Tutsi auszulöschen. Innerhalb von 100 Tagen wurde fast eine Million Menschen ermordet, darunter drei Viertel der in Ruanda lebenden Tutsi sowie moderate Hutu. Die Vereinten Nationen zogen bei Ausbruch der Gewalt ihre Blauhelm-Truppen zum Großteil ab. Der Völkermord endete im Juli 1994 durch den Sieg der Tutsi-Rebellen „Ruandische Patriotische Front“ gegen die Regierungstruppen.


