Magazin :: Interview

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Wir müssen und können etwas tun
Der Klimaforscher John Houghton über die Gefahren des Klimawandels und die Verantwortung für die Schöpfung
„Jeder spricht übers Wetter, aber niemand tut etwas dafür“, spöttelte schon der Schriftsteller Mark Twain. Professor John Houghton gehört zu denen, die etwas tun. Der renommierte Physiker und internationale Klimaforscher fordert weltweit Regierungen und Industriekonzerne zum Umdenken im Umgang mit der Schöpfung auf. Und ruft vor allem Christen in die Verantwortung: „Die Schöpfung ist nicht nur wichtig für uns, sie ist auch wichtig für Gott. Wir müssen unsere Aufgabe als ihre ,Bewahrer‘ sehr viel ernster nehmen.“ David Neff, Chefredakteur des Magazins Christianity Today, hat sich mit John Houghton unterhalten.
Neues Leben :: Professor Houghton, Sie sind Christ. Wie hat Ihr Glaube Ihre Arbeit beeinflusst?
Houghton :: Meine erste Vorlesung über die Zunahme von Kohlendioxid habe ich 1967 gehalten. Doch erst in den 80er-Jahren wurde deutlich, dass dies ein wirkliches Problem für die Menschheit werden könnte. Und als ich begann, für das „Intergovernmental Panel on Climate Change“ zu arbeiten, wurde mir die Bedeutung des Problems auch stärker aus christlicher Perspektive klar. Wir haben eine große christliche Verantwortung, uns um die Erde und jeden Teil der Schöpfung zu kümmern. Ebenso haben wir die Verantwortung, uns um jeden anderen Menschen in der Welt Gedanken zu machen – besonders um diejenigen, die arm sind und viel Hilfe brauchen, um aus ihrer Armut herauszukommen.
Neues Leben :: Was hat die Fürsorge für die Schöpfung mit der Fürsorge für die Armen zu tun?
Houghton :: Die Menschen, die wahrscheinlich am stärksten durch den Klimawandel benachteiligt sind, leben in ärmeren Ländern. Sie haben nicht die Infrastruktur, um mit den Problemen wie dem Anstieg des Meeresspiegels, dem Hochwasser und der Dürre fertig zu werden. Denn tatsächlich ist die Tendenz für ein Vorkommen solcher Ereignisse in den subtropischen Regionen wie Südasien, Südamerika und der Karibik höher als in der industrialisierten Welt der mittleren Breitengrade. Einige Teile der industrialisierten Welt haben vielleicht sogar einen Vorteil durch die globale Erwärmung, weil Kohlendioxid ein Dünger ist, und wenn der Regen und andere Umstände stimmen, hilft es uns, einen höheren Ernteertrag einzubringen. Deshalb gibt es eine Tendenz dahingehend, dass die globale Erwärmung eine immer größere Ungleichheit zwischen der reichen und der armen Welt schafft. Das aber ist in der Tat keine gute Situation – weder aus christlicher noch aus irgendeiner anderen Sicht. Vom christlichen Standpunkt aus betrachtet wissen wir aber darüber hinaus, dass Jesus eine Menge über die Armen gesagt hat und auch darüber, wie wir ihnen helfen sollen. Die Propheten des Alten Testamentes haben sehr deutlich über Gerechtigkeit gesprochen. Und Gerechtigkeit sollte auf sämtlichen christlichen Tagesordnungen ganz oben stehen.
Neues Leben :: Einige Christen behaupten, sich so sehr für den Klimawandel zu engagieren würde bedeuten, den Umweltschutz über den Schutz des Menschen zu stellen.
Houghton :: Das sehe ich nicht so. Die Auswirkungen des Klimawandels, um die wir uns am meisten Sorgen machen, sind die auf die menschliche Gesellschaft – der Anstieg des Meeresspiegels, Hochwasser und Dürre. Eine vorsichtige Einschätzung rechnet mit ungefähr 150 Millionen Umwelt-Flüchtlingen bis zum Jahr 2050. Um diese Menschen müssen wir uns kümmern. Also orientieren wir uns an den Bedürfnissen menschlicher Gemeinschaften – der Notwendigkeit, unseren Nächsten wie uns selbst zu lieben – und daran, diese Bedürfnisse auf unserer Tagesordnung zu einer hohen Priorität zu machen. Aber wir sollten uns ebenso Sorgen um den Rest der Schöpfung machen. Im Schöpfungsbericht in 1.Mose heißt es, dass wir in den Garten Eden gestellt wurden, um für die Schöpfung Sorge zu tragen. Diese Aufgabe hat Gott den ersten Menschen gegeben. Wir müssen sehr genau auf die Unversehrtheit, die Stabilität und die Erhaltung der Schöpfung achten.
Neues Leben :: Sie haben seinerzeit zusammen mit anderen späteren christlichen Leitern wie dem Theologen James Packer in Oxford studiert. Hat Sie diese Erfahrung geprägt?
Houghton :: Das hatte einen großen Einfluss auf mein geistliches Wachstum. Ich habe stets versucht, meine Wissenschaft mit meinem Glauben zu verbinden. Viele Leute denken, dass beides im Gegensatz zueinander steht. Aber das ist keineswegs der Fall, denn die Wissenschaft, mit der wir arbeiten, ist Gottes Wissenschaft. Durch die Wissenschaft versuchen wir herauszufinden, wie das Universum funktioniert, wie Gott es geschaffen hat. Gott als Schöpfer zu erkennen, bedeutet auch, ihn als Retter zu erkennen, als denjenigen, der seinen Sohn auf die Erde gesandt hat, um für uns zu sterben und von den Toten aufzuerstehen und unser lebendiger Herr zu werden. Und eines Tages wird er wieder auf die Erde kommen, um die Schöpfung neu zu machen. In der Bibel wird deutlich von einer Zukunft für die Schöpfung gesprochen – nämlich als einer verwandelten Schöpfung. Und in der Zwischenzeit ist es unsere Aufgabe, uns in seinem Namen um die Schöpfung zu kümmern – als Vertreter des Herrn, der zurzeit nicht vor Ort ist.
Neues Leben :: Sie haben mit Wissenschaftlern, Regierungen und Wirtschaftsleuten zusammengearbeitet. Die meisten Menschen glauben, dass die Wirtschaft am wenigsten bereit sei, das Thema „globale Erwärmung“ zu akzeptieren. Ist das auch Ihre Einschätzung?
Houghton :: Einige der sehr großen Wirtschaftszweige der Welt sehen das Problem sehr wohl. Nehmen Sie zum Beispiel Firmen wie BP und Shell, zwei große Öl-Firmen. Sie haben keinen Zweifel daran, dass das Problem existiert. Lord John Browne, Geschäftsführer von BP, hält Vorträge über den Klimawandel, ähnlich dem, wie ich es tue. Und auch Shell tut etwas Ähnliches. Beide arbeiten mit Hochdruck an Solar- Energie und anderen Dingen. Es ist eine Schande, dass die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika es hier versäumt hat, ihre Möglichkeiten zu ergreifen. Und das macht vielen Menschen überall auf der Welt Probleme, besonders in Ländern, denen wir helfen müssen, ihre Energie so schnell wie möglich aus nicht-fossilen Brennstoffquellen zu gewinnen. Wenn die Menschen sehen würden, dass die USA hier wirklich anpacken würden, würde dies sowohl der Industrie als auch dem Ansehen der USA in der Welt enorm von Nutzen sein und auch das Problem wäre sehr viel leichter zu lösen.
Neues Leben :: In einem vor wenigen Monaten in der „Washington Post“ erschienenen Artikel hieß es, dass die Diskussion sich verlagert habe: Weg von der Frage, ob es einen Klimawandel überhaupt gibt, hin zu der Frage, was man tun kann, um ihm entgegenzuwirken.
Houghton :: Ich glaube, dass die wissenschaftliche Debatte im Grunde genommen abgesschlossen ist, weil die wissenschaftlichen Hochschulen der 11 größten Länder der Welt – das sind die G8-Staaten plus Indien, China und Brasilien – im Juni 2005 ein bis dahin einmaliges gemeinsames Statement verabschiedeten. Dass sie alle sich in der Verantwortung, die Welt über den Klimawandel zu informieren, zusammengeschlossen haben, ist überaus bemerkenswert.
Neues Leben :: Sie haben sowohl 1990, 1995 als auch im Jahr 2001 Berichte zum Thema Klimawandel veröffentlicht. Sind Ihre Überzeugungen mit jedem dieser Berichte fester geworden?
Houghton :: Ja, denn mit der Zeit wurde der Klimawandel immer offensichtlicher. 1990 konnten wir nicht mit Bestimmtheit sagen, dass das Klima sich verändert, weil Klima grundsätzlich eben auch sehr veränderlich ist. Trotzdem glaubten wir aufgrund der grundlegenden Tatsache des Treibhauseffektes, dass ein Klimawandel stattfindet. Wir wussten, dass das Kohlendioxid zunimmt, und wenn Sie Kohlendioxid addieren, dann addieren Sie es zu der Abnahme der Erdatmosphäre sowie zur Erderwärmung hinzu. 2001 waren wir dann in der Lage, deutlich zu sagen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass die Erwärmung, die wir seit den 70er-Jahren beobachten, größtenteils durch menschliche Aktivitäten entstanden ist. Ich denke, dass die Lobbyisten langsam begreifen, dass sie nicht länger die Stimmung dahingehend schüren können, dass die Wissenschaft völlig unglaubwürdig sei. Aber sie vertreten zweierlei Standpunkte. Einerseits tut man so, als gebe es keine große Dringlichkeit, etwas zu tun, nach dem Motto: „Abwarten und schauen, was passiert.“ Auf der anderen Seite heißt es: „Wenn es wirklich so aussieht, dann können wir wahrscheinlich sowieso nichts tun.“ Beide Ansichten sind wissenschaftlich nicht haltbar.
Neues Leben :: Welchen Rahmen haben wir Ihrer Meinung nach denn noch zum Handeln?
Houghton :: Wir sprechen über einen Zeitraum von 20 oder 30 Jahren, in dem wir wirklich handeln müssen. Wir können etwas tun! Wir können unsere Kohlendioxid- Emissionen verringern. Wir könnten sie sogar sehr schnell verringern, wenn wir wollen.
Neues Leben :: Und wie?
Houghton :: Wir brauchen viele Neuerungen, viele Entwicklungen, doch die Technologie hierfür ist größtenteils vorhanden. Aber für die Umsetzung ist neben der Bereitschaft der Industrie auch die Bereitschaft der Politik notwendig. Ich möchte noch einmal auf den christlichen Aspekt zurückkommen. Wenn Christen überall auf der Welt wirklich hinter dieser Sache stehen würden, könnten wir die Notwendigkeit, die Armen zu schützen und uns um sie zu kümmern, sehr viel stärker ansprechen. Dies könnte einen gewaltigen Unterschied machen. Ich habe mich in der letzten Zeit sehr mit der Thematik des Teilens auseinandergesetzt. Christen wissen, dass Teilen mit anderen zu ihrem Grundauftrag gehört. Im Allgemeinen teilen Menschen bereitwillig mit ihrer Familie. Sie teilen mit Menschen in ihrer Umgebung und versuchen denen, die es benötigen, zu helfen. Ebenso teilen wir auf nationaler Basis, denn wir haben in den meisten Ländern Sozialsysteme, die Menschen in Not auf gesetzlich festgelegte Weise helfen. Aber auf der internationalen Ebene sind wir sehr schlecht darin. Angesichts der enormen Kluft zwischen der reichen Welt und der armen Welt sind die Möglichkeiten zu Teilen sehr groß – nicht nur, wo es um das Materielle geht. Wir können Wissen teilen, Industriekenntnisse teilen, Einblick gewähren in den Aufbau von Unternehmen. Wir können andere im Aufbau von effektiven wirtschaftlichen Unternehmen anleiten. Es gibt alle denkbaren Arten, anderen Ländern zu helfen. Unsere Möglichkeiten sind in der Tat sehr groß.
Interview: David Neff
Ausgabe: Oktober 2006
Zur Person
PROFESSOR IN OXFORD
John Houghton (74) arbeitete als Professor für Physik an der Universität von Oxford, war Leiter des britischen „Meteorological Office“ und hatte bis zu seiner Pensionierung vor einigen Monaten einen Lehrstuhl für wissenschaftliche Bewertungen beim „Intergovernmental Panel on Climate Change“ (IPCC). Für seine Forschungen und seine unermüdliche Aufklärungsarbeit in Fragen des Klimawandels wurden ihm zahlreiche Preise verliehen, u. a. der renommierte „Japan-Preis 2006“ von der Japanischen Stiftung für Wissenschaft und Technologie.
PIONIER DER KLIMAFORSCHUNG
Bereits in den späten 1960er-Jahren begann der überzeugte Christ Houghton, die Auswirkungen von Kohlendioxid-Emissionen in Zusammenhang mit dem Klimawandel zu untersuchen. Durch seine Forschungsergebnisse alarmiert, wurde er zu einer der treibenden Kräfte, als es darum ging, internationale Gruppen von Wissenschaftlern, Regierungs- und Wirtschaftsvertretern zusammenzubringen, um die Zeichen der globalen Erwärmung zu untersuchen und sich für die Reduzierung von Treibhausgasen einzusetzen. Weitere Informationen zum Klimawandel finden Sie auf der englischsprachigen Internetseite www.metoffice.com/research/hadleycentre sowie auf der Seite www.creationcare.org des Evangelikalen Umwelt Netzwerks.