Magazin :: Interview


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Für immer Dschungelkind

 

Sabine Kuegler wuchs im Urwald von West Papua auf – wo ist heute ihr Zuhause?

Interview: Katrin Arnholz

Das Leben als Abenteuer: Als Kind kennt Sabine Kuegler keine Autos, kein Fernsehen, keine Geschäfte. Stattdessen rennt sie mit nackten Füßen über Urwald-Boden, schwimmt im Fluss und schießt mit Pfeil und Bogen. Ihre Spielkameraden: Kinder eines Eingeborenenstamms im Dschungel von Indonesien. Als sie mit siebzehn nach Europa zieht, erwartet die junge Frau vor allem eins: ein Kulturschock. Millionen Menschen haben die spannende Geschichte der Missionarstochter in ihrem Buch „Dschungelkind“ gelesen oder den gleichnamigen Film gesehen. In NEUES LEBEN erzählt Sabine Kuegler, wo sie sich zu Hause fühlt und wie sie ihre Heimat schützen will

Neues Leben :: Sie sind unter einfachsten Verhältnissen bei einem Eingeborenenstamm im Dschungel aufgewachsen und mit 17 Jahren nach Europa gezogen. Größer können die Gegensätze nicht sein. Wo gehören Sie hin, wo ist Ihr Herz?

Sabine Kuegler ::
Meine Heimat ist ganz klar in Neuguinea. Ich bin dort aufgewachsen, der Dschungel ist ein Teil von mir, und das wird auch immer so sein. Zwar bin ich mittlerweile gut in Deutschland integriert und fühle mich wohl hier – aber trotzdem zieht es mich bis heute immer wieder dahin zurück.

Neues Leben :: Woran erinnern Sie sich als Erstes, wenn Sie an das Leben im Dschungel denken?

Sabine Kuegler ::
Als allererstes denke ich an Wärme. Die Wärme der Sonne, des Bodens. Ich denke an eine Natur, die ich kenne, an ihre Schönheit. Und an die Verbundenheit mit dieser Natur im täglichen Leben.

Neues Leben :: Wie haben Sie im Gegensatz dazu das Leben hier empfunden?

Sabine Kuegler ::
Als Luxus. Wir haben Betten, warmes fließendes Wasser, Elektrizität – es ist körperlich viel einfacher, hier zu leben als dort. Aber seelisch war es für mich zu Anfang die reinste Qual. Sehen Sie, im Dschungel ist nicht alles nur heile Welt. Es gab viel körperliche Gewalt unter den Eingeborenen, als wir dort lebten – das ging bis zum Mord aneinander, wenn zwei Stämme miteinander verfeindet waren. Aber hier gibt es eine andere Art von Gewalt, die alle Lebensbereiche durchdringt: Menschen hintergehen sich, es wird gemobbt, sie gehen psychisch brutal miteinander um. Das kannte ich aus dem Dschungel nicht.

Neues Leben :: Was waren zu Anfang Ihre größten Schwierigkeiten hier?

Sabine Kuegler ::
Alles war mir unbekannt. Ich sollte einkaufen gehen, zum Amt, ich fand den Verkehr viel zu laut – ich brauchte eigentlich für alles erst einmal Hilfe. Ich hatte ein anderes Gefühl für Zeit, kannte weder die Konzepte von Vergangenheit noch von Zukunft. Ich lebte nur in der Gegenwart. Ich hatte noch nie geplant. Und ich wusste, wie gesagt, nicht mit der unterschwelligen Aggressivität der Menschen umzugehen.

Neues Leben :: Sie sind als Tochter von Missionaren christlich aufgewachsen. War Ihnen in dieser schwierigen Zeit auch Ihr Glaube Halt und Heimat?

Sabine Kuegler ::
In den ganz schweren Zeiten habe ich mich daran festgehalten. Das ist die eine Seite – mein ganz persönlicher Glaube. Auf der anderen Seite habe ich so viel Ablehnung von Christen bekommen, dass ich mich von der Kirche entfernt habe. Ich habe wenig Verständnis dafür, wenn Christen nur von Liebe reden – sie aber nicht leben, sondern stattdessen andere Menschen verurteilen.

Neues Leben :: In Ihren Büchern schreiben Sie oft von Heimweh. Wonach sehnen Sie sich?

Sabine Kuegler :: Ich sehne mich danach, in einer vertrauten Umgebung zu sein, in die ich hineingleiten kann, ohne Anstrengung. Das ist Heimat für mich: Der Ort, mit dem ich meine Kindheitserinnerungen verbinde und der mir sehr vertraut ist. Wenn Sie nach Papua in den Dschungel reisen würden, würden Sie die Menschen als sehr eigenartig empfinden. Aber für mich ist dort Heimat- Territorium: Ich kann sie „lesen“ und verstehen.

Neues Leben :: Der Lebensraum der Ureinwohner ist durch Großindustrieprojekte und politische Interessen immer wieder bedroht. Wie gehen Sie damit um, dass Ihre Heimat möglicherweise zerstört wird?

Sabine Kuegler :: Die Fayu sind der am besten geschützte Stamm auf der Insel. Warum? Weil viele Menschen sie kennen. Meine Bücher und jetzt auch der Film schaffen Öffentlichkeit für ihr Leben und ihre Interessen. Die Regierung lässt sie in Ruhe. Mittlerweile sind auch andere Stämme auf mich zugekommen, und ich versuche, ihnen zusammen mit internationalen Organisationen wie Oro Verde und World Vision zu helfen. Wir wollen einerseits Öffentlichkeitsarbeit machen, um die Eingeborenen vor Menschenrechtsverletzungen zu schützen. Andererseits arbeiten wir daran, mit ihnen Alternativen zu entwickeln, wie sie Geld verdienen können, ohne den Urwald abzuholzen.

Neues Leben :: Viele Menschen in Deutschland sehen den Einsatz von Missionaren und den westlichen Einfluss, den sie auf Eingeborene ausüben, kritisch. Wie stehen Sie dazu?

Sabine Kuegler :: Es gibt solche und solche. Ich halte es für falsch, zu den Eingeborenen zu gehen und zu sagen: „Jetzt dürft ihr das und das nicht mehr.“ Die Stämme müssen selbst entscheiden können, was sie aus ihrem Leben machen wollen. Einfluss von außen ist aber auch nicht immer schlecht, es kommt darauf an, ob er positiv oder negativ ist. Die Fayu zum Beispiel haben, als meine Eltern bei ihnen lebten, eine langjährige Feindschaft zu einem anderen Stamm beigelegt. Immer wieder gab es Rachemorde, und jetzt gibt es Frieden. Wenn eine Kultur ganz ohne Einfluss von außen lebt, entwickelt sie sich nicht weiter. Die Frage ist eher, wer zuerst da ist: Jemand, der schützt, oder jemand, der zerstört? Viele Eingeborene werden aufgrund von Industrieprojekten zwangsweise umgesiedelt; wer sich wehrt, wird erschossen. Missionare haben in solchen Gebieten mittlerweile eine Schutzfunktion. Dort, wo sie leben, sind die Eingeborenen geschützt. Das ist etwas, was viele Menschen gar nicht wissen.

ZUR PERSON

Im Dschungel zu Hause
Sabine Kuegler kommt 1972 in Nepal zur Welt. Ihre Eltern arbeiten dort als Missionare und Sprachforscher. Kuegler ist fünf Jahre alt, als die Familie nach West-Papua, Indonesien, umzieht. Die Kueglers leben dort als einzige Weiße unter den Fayu – einem bis dahin abgeschotteten Eingeborenenstamm mitten im Dschungel. Mit 17 Jahren zieht Sabine Kuegler nach Europa und macht in der Schweiz ihr Abitur. Seit 2003 lebt sie in Deutschland und ist vor allem als Autorin bekannt („Dschungelkind“, „Ruf des Dschungels“, „Jägerin und Gejagte“, „Die Abenteuer der Dschungelkids“). Sabine Kuegler hat vier Kinder und wohnt in der Nähe von München. Ihre Geschichte kam im Februar mit dem Film „Dschungelkind“ auf die Leinwand.

Ausgabe: Sommer 2011