Magazin :: Interview

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Hätte ich doch nur ...
Wie aus Reue und Bedauern heilsame Antriebskräfte werden
Interview: Katrin Arnholz
Wie schön wäre es doch manchmal, eine Zeitmaschine zu besitzen: Reinsetzen, Datum eingeben, und – schwups – in der Vergangenheit wieder aussteigen. Sich anders entscheiden, anders handeln, einen großen Fehler rückgängig machen – wer hat sich das nicht schon einmal gewünscht? Das Gefühl, eine große Chance verpasst oder selbst etwas Schlimmes verschuldet zu haben, kann uns sehr lange begleiten. Selbstvorwürfe und die Sehnsucht nach einer anderen Realität können regelrecht an uns nagen. Doch im Bedauern steckt auch Kraft: Im NEUES LEBEN Interview erklärt die Psychologin und Theologin Beate Weingardt, wie Versöhnung mit falschen Entscheidungen möglich ist und wie wir gerade aus Reue positive Impulse für unser Leben schöpfen können.
Neues Leben :: „Hätte ich doch …“ – diese Gedanken können uns regelrecht quälen. Was passiert da in uns? Warum sind diese Gefühle so schwer auszuhalten?
Weingardt :: Diese Gefühle sind ein Signal, dass wir mit der Gegenwart aus irgendeinem Grund nicht zufrieden sind. Das heißt, die Realität stimmt an einem für uns wichtigen Punkt nicht mit unseren Vorstellungen überein. Wir bedauern, nicht andere Weichen gestellt zu haben. Je stärker wir – oder auch andere Menschen – unter den Folgen leiden, desto größer ist auch unser Wunsch, die Situation rückgängig zu machen. Diese Gefühle können wir manchmal kaum aushalten. Und das liegt daran, dass wir die schmerzhaften Konsequenzen nicht akzeptieren können.
Neues Leben :: Welche Entscheidungen bereuen wir am meisten?
Weingardt :: Je negativer die Konsequenzen für uns oder andere sind, desto mehr bereuen wir. Oft sind es aber gar nicht die Entscheidungen, die wir treffen, oder die Handlungen, die wir tatsächlich begehen, die wir am meisten bedauern. Es sind eher die Dinge, die wir nicht gesagt, getan, geplant, verwirklicht haben, die uns am meisten wurmen. Denn da gibt es den meisten Spielraum für Fantasie. Ich kann mir für den Rest meines Lebens einbilden: Das wäre es gewesen. Das hätte alles besser gemacht. Aber ich kann es nicht mehr prüfen.
Neues Leben :: Warum sind diese Gefühle, so schmerzhaft sie sich anfühlen, denn vielleicht auch eine gute Sache?
Weingardt :: Weil sie uns die Möglichkeit geben, uns neu auszurichten. Zu schauen, was wir eventuell besser machen können. Dieses Bedauern ist ein wichtiges Schmerzsignal der Seele. Wenn wir es ignorieren oder nicht ernst nehmen, bringen wir uns um die Möglichkeit, etwas daraus zu lernen. Wir müssen nur aufpassen, dass wir nicht an unseren eigenen Ansprüchen scheitern. Je mehr ich von mir selbst erwarte, desto weniger kann ich mir auch Fehler verzeihen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das ist kein Plädoyer dafür, es sich bequem zu machen und in Lethargie zu verfallen. Aber wenn mein Anspruch an mich selbst unheimlich hoch ist, verhake ich mich in meinen Selbstvorwürfen und muss aufpassen, nicht in meinen „Hätte ich doch …“-Gedanken stecken zu bleiben.
Neues Leben :: Was passiert, wenn ich mich meinen Schuldgefühlen gar nicht stelle?
Weingardt :: Entweder ich suche mir einen anderen Menschen, dem ich die Schuld zuschieben kann, oder ich verdränge diese Gefühle. Beides kann sehr negative Auswirkungen haben, denn meistens meldet sich meine innere Stimme ziemlich hartnäckig. Ich muss sie also irgendwie unterdrücken oder übertönen. Viele Menschen flüchten sich daher in eine Art Ablenkung oder Sucht: übertriebenen Arbeitseifer, Spielsucht, Kaufrausch, Erlebnissucht, Drogensucht … Wenn ich mich meinen Schuldgefühlen nicht stelle, kann ich auch gesundheitliche Störungen davontragen. Schon die Bibel spricht davon: „Erst wollte ich dir, Herr, meine Schuld verheimlichen. Doch davon wurde ich so schwach und elend, dass ich nur noch stöhnen konnte“ (Psalm 32,3).
Neues Leben :: Wie können Reue und Bedauern denn zu heilsamen Kräften werden, die ich für mein Leben nutzen kann?
Weingardt :: Indem ich versuche, eine positive Einstellung zu diesen schmerzhaften Gefühlen zu finden und zu sehen, dass sie eine Lernchance beinhalten. Ich kann mich fragen, was schiefgelaufen ist und wie ich eine ähnliche Situation so meistern kann, dass das Ergebnis das nächste Mal besser ist. Außerdem hilft es, mir auch zu verdeutlichen, was in meinem Leben alles gut gelungen ist – daraus kann ich Kraft schöpfen. Und als Christen haben wir die Möglichkeit, Gott um Vergebung für unsere Fehler und um seinen Segen für die Zukunft zu bitten. Oft genug lässt er die Dinge nicht ganz so katastrophal enden, wie ich sie vielleicht angezettelt habe. Die Vergebung Gottes kann mir helfen, mir auch selbst zu verzeihen.
Neues Leben :: Warum fällt uns das oft so schwer?
Weingardt :: Weil wir denken, es müsste eigentlich perfekt laufen; diese Fehler dürften nicht passieren. Hier plädiere ich dafür, barmherziger mit sich selbst zu sein. Wir sollten uns auch fragen: Warum habe ich damals diese Entscheidung getroffen? Wie waren die Umstände? Habe ich es mir leicht gemacht? Oft ist die Antwort: Nein, habe ich nicht! Ich habe mir den Kopf zerbrochen und nach bestem Wissen gehandelt. Heute bin ich vielleicht klüger und würde es anders machen. Aber eben erst heute. Ich finde, da können wir viel von Jesus lernen. Jesus war sehr barmherzig mit den Menschen und hat nie jemanden verdammt, der zu seinen Fehlern stand. Diese Barmherzigkeit kann auch auf uns abfärben und uns helfen, großherziger mit uns selbst und anderen umzugehen.
Neues Leben :: Was kann ich tun, wenn ich ein Thema nicht loswerde und mir immer wieder Vorwürfe mache?
Weingardt :: Irgendwann muss man mit dem Thema abschließen, einen Knoten drum machen und sagen: Diese Wunde darf jetzt endlich heilen. Ich werde zwar eine Narbe davontragen, aber ich stochere nicht mehr darin herum. Jetzt schaue ich nach vorn und mache das Beste aus der Situation, die ich vor mir habe. Auch hier hat uns Jesus gezeigt, wie wir damit umgehen können. Er hat die Menschen nie an dem, was sie in der Vergangenheit falsch gemacht haben, festgenagelt, sondern ist ihnen immer im Jetzt begegnet.
Neues Leben :: Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Weingardt :: Ja, ich denke da zum Beispiel an die Frau mit zweifelhaftem Ruf – wahrscheinlich eine Prostituierte –, die beim Essen im Haus eines Pharisäers auftaucht und Jesus die Füße salbt (Lukas 7,36–50). Jesus hätte ihre Berührung gar nicht zulassen dürfen, da sie als höchst unrein galt. Doch er verteidigt sie und sagt sogar: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Er sagt nicht: „Hör mal, in deinem Leben ist ganz schön viel schiefgelaufen. Arbeite das erstmal auf und komm dann wieder.“ Nein, er sagt: „Geh hin in Frieden!“ Das heißt, er begegnet ihr im Hier und Jetzt. Es sind die anderen Gäste, die sich an ihrer Vergangenheit stören. Jesus hingegen sieht ihre Haltung und was sie gerade jetzt macht, und das zählt für ihn.
Neues Leben :: Es ist eine Sache, wenn wir das Gefühl haben, die falsche Ausbildung gemacht oder den falschen Partner geheiratet zu haben. Aber wie ist es, wenn ich zum Beispiel nicht aufgepasst habe und mein Kind deshalb ertrunken ist? Wie kann ich mit solch gravierenden Fehlern umgehen?
Weingardt :: Das ist sehr schwer. Hinter dem Selbstvorwurf steht der Anspruch, einer Mutter oder einem Vater darf es nicht passieren, so unaufmerksam zu sein. Diese Erwartung ist prinzipiell richtig, auf der anderen Seite ist jeder Erziehungsberechtigte auch nur ein Mensch und hat Momente, in denen er abgelenkt ist. Bei solch schwerwiegenden Fehlern braucht ein Mensch normalerweise Hilfe, um mit dem eigenen Versagen klarzukommen, am besten jemanden mit moralischer Autorität – einen Pastor oder Seelsorger zum Beispiel. Jemanden, der ihm hilft, sich selbst mit diesem Versagen anzunehmen. Das ist, wie gesagt, sehr schwer. Aber es kann trösten zu wissen, dass Gott uns bedingungslos annimmt, so wie wir sind. Kein Mensch ist gefeit davor, auch mal etwas falsch zu machen – manchmal leider auch mit folgenschweren Auswirkungen.
Neues Leben :: In Ihrem Buch erzählen Sie die Geschichte von Petrus, um zu verdeutlichen, wie es aus Gottes Sicht nach so einem Versagen weitergeht.
Weingardt :: Ja, Petrus ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Gerade er, der so etwas wie der Anführer der Jünger war, verleugnet Jesus drei Mal bei dessen Verhaftung (Johannes 18). Dabei hatte Petrus vorher beteuert, Jesus niemals zu verlassen. Er muss sich also unsagbar geschämt haben, ihn so zu verraten. Nach seiner Auferstehung jedoch trifft Jesus seinen Jünger am See Genezareth wieder (Johannes 21, 15–19). Hier fragt er ihn drei Mal, ob er ihn lieb habe. Und jedes Mal, immer betroffener, antwortet Petrus mit ja. Und jedes Mal sagt Jesus: „Weide meine Lämmer.“ Das heißt, er gibt ihm eine Aufgabe! Nach allem, was passiert war, sagt Jesus nicht: „Du hast mich enttäuscht, ich kann dir nicht mehr vertrauen.“ Er sagt aber auch nicht: „Schwamm drüber, wir tun so, als wäre nichts passiert“. Sondern er setzt sein Vertrauen in Petrus’ Liebe zu ihm. Er sagt: „Ich traue dir trotzdem etwas zu. Ab jetzt kannst du dein Leben anders gestalten.“
Neues Leben :: Wie wird das Thema Reue in unserer heutigen Gesellschaft wahrgenommen?
Weingardt :: Ich glaube, dass die Menschen sich danach sehnen, dass jemand zu dem steht, was er getan oder falsch gemacht hat. Denn das ist selten geworden. Die Tendenz geht eher in die Richtung: Tu immer so, als ob du nichts falsch machst. Deshalb hat das Beispiel von Margot Käßmann auch so imponiert. Im Februar hat sie alkoholisiert eine rote Ampel überfahren und danach ihr Amt als Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) niedergelegt. Sie hat nicht um den heißen Brei herum geredet, sondern war ehrlich und hat gesagt, das war falsch, ich ziehe die Konsequenzen. Es gibt genug Beispiele, in denen anders mit Fehlern umgegangen wird. Das sehen wir im Moment zum Beispiel im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche.
Neues Leben :: Das heißt, Sie plädieren dafür, mehr Verantwortung für die eigenen Handlungen und Entscheidungen zu übernehmen?
Weingardt :: Ja. Im Grunde muss ich immer damit rechnen, dass ich Fehler mache, wenn ich Verantwortung für etwas übernehme. In dem Moment, wo ich aktiv werde oder etwas Neues ausprobiere, gehe ich das Risiko ein, dass ich nachher diese Weichenstellung oder eine darauf aufbauende Folgeentscheidung bereue. Ich kann also nur etwas bewegen oder verändern, wenn ich mir auch Fehler zugestehe. Zu unserem Leben gehören genauso Fehler und Niederlagen wie Erfolge, auf die wir stolz sein können. Und wer weiß – vielleicht entwickelt sich aus einem Riesenfehler ja doch noch etwas Gutes. Selbst Jesus, der bildhaft als „Stein, den die Bauleute schon weggeworfen hatten“, beschrieben wird, ist am Ende noch der „Eckstein“ – also der wichtigste Stein – geworden (Psalm 118,22).
Ausgabe: Sommer 2010


