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Das Thema Sex darf kein Tabu sein
Was Eltern ihren Kindern für eine gesunde sexuelle Entwicklung mitgeben können
Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Zeit auf, in der es kaum noch Grenzen gibt. Sexualisierte Bilder kursieren in fast allen Medien, das Internet ist ein zentraler Ort, an dem Teenager ihre Sexualität entdecken. Sind sie deshalb heute besser aufgeklärt als früher? „Nicht unbedingt“, sagt Dr. Ute Buth, Dozentin für Sexualkunde in Schulen. „Sie tun oft nur so, als wüssten sie Bescheid, aber in Wirklichkeit gibt es viel Halbwissen und manches ist regelrecht falsch.“ Gerade deshalb ist es zentral, dass Eltern die ersten Ansprechpartner sind, wenn es um Aufklärung geht. Im Interview mit NEUES LEBEN erklärt die Expertin, wie Eltern dieses Thema am besten angehen können
Neues Leben :: Was ist wichtig, damit Kinder und Jugendliche eine gesunde Sexualität entwickeln können?
Dr. Ute Buth :: Wichtig ist, frühzeitig gute und gesunde Grundlagen in Sachen Sexualität aufzubauen. Kinder und Jugendliche sollten kompetente Ansprechpartner für ihre offenen Fragen haben. Das sind Kern-Aufgaben der Eltern. Doch die Sexualerziehung geht weit darüber hinaus. Dazu gehören auch Fragen wie: Wieviel Nähe gebe ich meinem Kind? Darf es anderen – auch mir gegenüber – Grenzen setzen und „Nein“ sagen? Achte ich das Schamgefühl meines Kindes? Wie stehe ich zu meiner eigenen Geschlechtsidentität? Vermittle ich meinem Kind ausreichend Wertschätzung und Achtung für sein Geschlecht? Aussagen wie: „Eigentlich hätte ich mir einen Jungen gewünscht, aber leider bist du ein Mädchen geworden“, können noch über Jahre hinweg großen Schaden anrichten.
Neues Leben :: Welche Grundlagen sollten Eltern ihren Kindern vermitteln?
Dr. Ute Buth :: Es ist ganz wichtig, dass Kinder frühzeitig und altersgemäß lernen, dass Sexualität etwas Gutes ist, das Gott erfunden hat. Sie ist eine besondere Art, meine Liebe zu meinem Partner oder meiner Partnerin auszudrücken. Sex ist nichts Schmutziges. Kinder sollten außerdem wissen, dass Sex in die Welt der Erwachsenen gehört und immer freiwillig ist. Keiner darf sie dazu zwingen.
Neues Leben :: Was boykottiert die Entwicklung einer gesunden Sexualität?
Dr. Ute Buth :: Unsere Gesellschaft ist leider vielfach immer noch nicht sprachfähig, wenn es um gute Sexualität geht. Es gibt zwei Extreme: Entweder das Thema wird totgeschwiegen oder plakativ überfrachtet. Die Bilder, die uns über Sexualität vermittelt werden, suggerieren: Alles ist offen anzusehen und frei verfügbar. Intimität brauchen wir nicht mehr, um Sex zu haben. Aber das widerspricht genau der Idee, die Gott dabei gehabt hat: Die Bibel sagt, wir werden beim Geschlechtsverkehr „ein Fleisch“. Näher komme ich an einen anderen Menschen gar nicht heran. Und genau dafür brauchen wir einen Schutzraum und Verantwortungsbewusstsein bei beiden Partnern. Nicht umsonst gibt uns Gott dafür den Rahmen der Ehe. Da diese Strukturen sich gesellschaftlich aber immer mehr auflösen, wird die Verbindlichkeit, die wir für gute Intimität brauchen, oftmals nicht mehr an die Kinder als Modell weitergegeben.
Neues Leben :: Wie können Eltern dem entgegenwirken?
Dr. Ute Buth :: Eltern sollten nach Möglichkeit ihren Kindern diese Verbindlichkeit vorleben und deutlich machen, dass Sex kein Leistungssport ist, bei dem man sich gegenseitig übertrumpft, sondern ein Ausdruck großer Nähe und Vertrautheit. Kinder müssen wissen, dass Sex nicht nur zur Fortpflanzung da ist. Viele Kinder denken sonst, je nach Geschwisterzahl, dass ihre Eltern ein, zwei, dreimal miteinander geschlafen haben. Und nein: Eltern müssen nicht die Schlafzimmertür aushängen, um ihre Kinder umfassend aufzuklären. Ganz im Gegenteil: Wenn wir unsere Intimität schützen, dann spricht das eine sehr deutliche Sprache der Wertschätzung.
Neues Leben :: Sie plädieren dafür, dass Eltern möglichst früh mit ihren Kindern über Sex sprechen. Warum?
Dr. Ute Buth :: Der Medienwissenschaftler Prof. Martin Furian schreibt in seinem Buch „Liebeserziehung“, dass jeder Mensch „Wissensgläser“ in seinem Kopf hat, die mitwachsen. Die erste Information zu einem Thema klebt darin fest wie zäher kristallisierter Honig. Auch beim Thema Sexualität. Eltern sollten es sich daher nicht nehmen lassen, die Ersten zu sein, die Informationen über Sexualität in dieses „Glas“ legen. Wenn ein Kind heute in die Grundschule kommt, ist es automatisch, zum Beispiel auf dem Schulhof, mit älteren Kindern zusammen, die schon weiter sind und auch viel Quatsch erzählen können. Deshalb sollten Kinder bei ihrer Einschulung schon wissen, was Geschlechtsverkehr ist. Kinder, die bereits davon gehört haben, dass Erwachsene und die eigenen Eltern eine besondere Art haben, sich zu lieben, fallen nicht aus allen Wolken, wenn jemand Sex in ihrem Beisein erwähnt.
Neues Leben :: Was passiert, wenn Eltern das Thema Sexualität meiden?
Dr. Ute Buth :: Dann kann die erste Information zu dem Thema, wenn sie von außen kommt, sehr verstörend sein. Es ist für die Kinder kaum vorstellbar, dass ihre Eltern Sex haben, sie haben ja nie etwas darüber gesagt. Die Kinder verbinden damit dann eher etwas Peinliches, Verbotenes. Wenn sie Fragen haben, würden sie sich jetzt nicht unbedingt an ihre Eltern, sondern an ihre Freunde wenden oder womöglich im Internet suchen. Doch da besteht die Gefahr, dass viel Halbwissen und Fehlinformationen aufgenommen werden und die sexuelle Lerngeschichte langfristig negativ prägen.
Neues Leben :: Wie können Eltern mit ihren Kindern über Sexualität sprechen?
Dr. Ute Buth :: So alltagsnah wie möglich. Auf keinen Fall aufgesetzt, nach dem Motto: „Jetzt führen wir mal ein Aufklärungsgespräch.“ Das ist für beide Seiten peinlich und führt eher zu Abwehr. Es gibt viele Gelegenheiten, die man nutzen kann: Eine Bekannte ist schwanger, Mama hat ihre Tage, Oma kann keine Kinder mehr bekommen… Je natürlicher wir darüber sprechen, desto unverkrampfter kommt rüber, dass Sexualität zum Leben dazu gehört und dass sich der Körper weiterentwickelt, genauso, wie bei Kindern die Zähne ausgetauscht werden. Und eine Zahnlücke ist doch auch nicht peinlich, oder? Die meisten Kindergartenkinder sind sogar stolz, wenn sie wieder eine Zahnlücke haben.
Neues Leben :: Wie klärt man am besten altersgemäß auf?
Dr. Ute Buth :: Man kann schon kleinen Kindern zeigen, dass Mama und Papa etwas dazu geben, wenn ein Baby entsteht. Ich habe das bei meinen Kindern so gemacht, dass ich zum Beispiel Kommentare, wie „Du hast ja die Augen von deinem Papa“, aufgegriffen habe. Ich habe dann gesagt, ja das stimmt, du hast etwas von uns beiden – und die Haarfarbe ist von mir. Wenn sie etwas größer sind, dann kann ich sagen, dass in Mamas Bauch kleine Eier sind und der Papa Samen hat, die beide Informationen weitergeben. Kleine Kinder finden es ganz toll zu wissen, wo Babys leben, bevor sie geboren werden. Ich erzähle, dass es in Mamas Bauch einen Raum gibt, in dem Wasser ist, wie in einem Schwimmbad. Und ich sage auch, dass die Babys durch die Scheide heraus kommen. Das können sich die Kinder oft nicht vorstellen. Mit einem Gummiband veranschauliche ich, dass sich die Scheide dehnen und auch wieder zusammenziehen kann. Kinder brauchen Alltagsvergleiche, damit sie verstehen können, was passiert.
Neues Leben :: Schon im Grundschulalter, haben Sie gesagt, sollten Kinder wissen, was Geschlechtsverkehr ist. Wie erkläre ich das, und was sollten Kinder in diesem Alter noch wissen?
Dr. Ute Buth :: Ich habe meine Kinder wie oben beschrieben vorbereitet und dann erklärt, dass Erwachsene eine besondere Art haben, sich ihre Liebe zu zeigen. Der Mann steckt seinen Penis in die Scheide der Frau, so kann der Samen das Ei finden. Dadurch kann ein neuer Mensch entstehen. Außerdem sollte man Grundschulkinder unbedingt rechtzeitig über die Veränderungen des Körpers aufklären, die mit der Pubertät einhergehen. Kein Mädchen sollte heute unvorbereitet ihre erste Blutung bekommen und denken, dass sie womöglich todkrank ist. Und auch Jungen sollten wissen, dass irgendwann der erste Samenerguss als feuchter Traum kommt – ohne Angst haben zu müssen, dass dabei das Bett überschwemmt wird. Diese Ängste gibt es, wenn sie nicht wissen, wie viel Samen dabei ausgeschieden wird.
Neues Leben :: Sie benutzen schon Begriffe wie „Scheide“ und „Penis“?
Dr. Ute Buth :: Ja, das ist sehr wichtig, damit Kinder, wenn sie einen sexuellen Übergriff erleben sollten, benennen können, was passiert ist. Wenn sie die Begriffe nicht kennen, sagen sie vielleicht „Jemand hat mich da unten angefasst“ – aber wo denn? Am Bauch, am Fuß? Leider führt das oft dazu, dass Kinder sich im Durchschnitt an sieben Personen wenden müssen, bis sie Hilfe finden. Das ist tragisch.
Neues Leben :: Die Pubertät ist die „heiße Phase“ – aber gerade in dieser Zeit sind die Eltern für Jugendliche oft nur „uncool“. Ihre Fragen klären sie eher mit Freunden oder im Internet. Wie können Eltern ihre Teenies trotzdem gut begleiten?
Dr. Ute Buth :: Das Teenageralter ist tatsächlich eine Zeit, in der Gleichaltrige viel mehr gefragt sind als die eigenen Eltern. Deshalb ist die Lage jedoch noch lange nicht hoffnungslos. Am besten erreichen Eltern ihre Kinder, wenn sie sich schon früher gesprächsbereit gezeigt haben. Dann wissen die Kids, hier gibt es eine Anlaufstelle, ganz ohne Zwang. Ich muss als Teenie nicht bei meinen Eltern zum Rapport antreten, kann aber immer fragen, wenn etwas unklar ist. Fragen sind normal, denn Suchmaschinen fördern auch viel Schrott zutage. Falls es mir als Elternteil früher nicht gelungen ist, diese Brücke zu bauen, dann ist der Zugang tatsächlich schwieriger. Es kann helfen, den Fehler offen einzugestehen und jetzt Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. Entscheidend ist aber auch zu respektieren, wenn nun dennoch andere Ratgeber gefragt sind.
Neues Leben :: Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Zeit auf, in der mehr denn je sexualisierte Botschaften und Bilder durch die Medien kommuniziert werden. Laut Bravo Studie 2009 hatten sogar bereits zwei Drittel der Befragten zwischen 11 und 17 Jahren Kontakt mit Pornografie. Wie können Eltern damit umgehen?
Dr. Ute Buth :: Da teilweise bereits Grundschulkinder mit Pornografie in Kontakt kommen, ist es wichtig zu erklären, dass es verboten ist, Kindern solche Bilder zu zeigen. Filterprogramme auf dem Computer sind unbedingt notwendig und können schützen – aber nicht zu 100 Prozent. Fast jeder Jugendliche hat heute zum Beispiel ein Handy, über das auch Pornografie empfangen werden kann. Wir sollten deshalb schon ganz früh vermitteln, dass es wichtig ist, auf sich aufzupassen. Wenn Kinder etwas sehen, was in ihnen Ekel erzeugt oder was ihnen nicht gut tut, dürfen und sollten sie es direkt ausschalten und sich bei Erwachsenen Hilfe holen. Hier ist es wichtig, Medienkompetenz und Eigenverantwortung zu fördern, indem man erklärt, welche Folgen Pornografie haben kann. Diese Eigenverantwortung gilt auch für andere Bereiche, in denen Jugendliche sexualisierten Medieninhalten ausgesetzt sind. Formate wie „Germany’s Next Top Model“ zum Beispiel gehören oft zur Lebenswelt von Teenagern dazu; solche Shows per se zu verdammen, ist eher kontraproduktiv. Es ist hilfreicher, Widersprüche aufzuzeigen, das gezeigte Rollenbild zu hinterfragen und konstruktiv für die Vorteile eines verantwortungsvollen Lebensstils zu werben.
Interview: Katrin Arnholz
ZUR PERSON
Dr. med. Ute Buth ist Fachärztin für Frauenheilkunde und Fachberaterin beim Weißen Kreuz. Sie betreut Sexualkundeprojekte an verschiedenen Schulen. Ute Buth ist verheiratet und hat zwei Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter.
RAT UND HILFE
Haben Sie noch Fragen zur Sexualaufklärung?
Unsere Expertin Dr. Ute Buth berät Sie gerne zu den Themen: • altersgerechte Aufklärung • Pornografieprävention • Umgang mit sexualisierten Botschaften in den Medien • Sexualerziehung bei Teenagern Ihre Fragen schicken Sie bitte per E-Mail an: info@gutaufklaeren.de
WEBTIPP
AUFKLÄRUNG IM INTERNET
www.gutaufgeklaert.de: für Teenager ab der 7. Klasse Inhalt: Liebe wartet?!, der weibliche Zyklus, das erste Mal, Verhütung, Selbstbefriedigung, Pornografie, (ungewollte) Schwangerschaft, Abtreibung, usw. www.gutaufklaeren.de: für Lehrkräfte in Schule und Gemeinde Inhalt: Unterrichtsmaterial, Fragebögen, praxiserprobte Stundenentwürfe zum Thema Sexualaufklärung; kostenlos, passwortgeschützt www.eltern.gutaufklaeren.de: für Eltern Inhalt: Tipps für altersgerechte Sexualaufklärung Alle empfohlenen Internetseiten werden vom Weißen Kreuz e.V., einer christlichen Beratungsorganisation für Sexualethik, herausgegeben.
BUCHTIPP
Vater, Mutter und ich Wo kommen die kleinen Babys her?
Malcolm und Meryl Doney. 32 Seiten. EUR 9,95/CHF 15.60, Brunnen, Gießen.
Ausgabe: Herbst 2011











