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(c) T. Gerstmann
Elf Freunde müsst ihr sein
Vom täglichen Fußball-Kabarett oder warum die Deutschen bei Sepp Herberger in Brasilien klauen müssen
Von David Kadel
Selbst bei 130 Sachen auf der Autobahn ist die Botschaft nicht zu übersehen: „A time to make friends“ – Zeit, Freundschaft zu schließen – steht bunt leuchtend auf einer riesigen Plakatwand kurz hinter Kassel. Und selten hat eine Fußball-WM ein so griffiges Gesamtmotto gehabt: „Die Welt zu Gast bei Freunden!“ Schon jetzt, wenige Tage vor Beginn der Fußball-WM, ist dieser Satz ein echter Klassiker für alle Freunde freier Interpretation. Denn die Gastgeber aus Deutschland gehen mit gutem Beispiel voran: Kahn und Lehmann – die ach-so-verschmusten Nationalkumpels schlechthin –, Bundestrainer Jürgen Klinsmann und die BILD – ein weiteres Traumpaar, oder WM-Organisationschef Franz Beckenbauer und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff, die quasi immer einer Meinung sind. Von Rainer Calmunds „heimlicher Liebe“ zu „Bayer Vizekusen“ erst gar nicht zu reden. – Oder ist der „gastgebende Freund“ etwa nur ein geflügeltes Wort so wie die langjährige DFB-Kampagne „Keine Macht den Drogen!“ mit freundlicher Unterstützung des Hauptsponsors Bitburger Pils?
„Elf Freunde müsst ihr sein“
Am Anfang war das Motto, am Anfang war das Wort: „Freund“. – Schönes Wort eigentlich! Doch was zählt ein Wort heute im Fußball? In Zeiten der Wettskandale und verschobenen Spiele? Nicht Hoyzer, nicht Calli, nicht Christoph Daum – nein es war der wortgewandte Sepp Herberger, der die Deutschen Nachkriegskicker von 1954 mit einem geflügelten Wort abheben ließ, um ein höheres Ziel zu erreichen: „Elf Freunde müsst ihr sein!“
Ein Motto, das funktioniert hat. Denn selbst als damals Helmut Rahn mit seiner Bande, vom Lagerkoller geschüttelt, nachts ausbüchste, um sich einen reinzuzwitschern, wurde nicht gepetzt, um sich deren Stammplätze zu greifen. Nein – die Truppe hielt dicht, bewies echte Freundschaft und wurde überraschend Weltmeister. Warum also nicht auch in Zeiten, wo der Trend eh zu Retro geht, dieses verstaubte Motto aus dem Keller holen und einen auf „Freundschaft“ machen? Ist das bei unseren hochbezahlten Werbestars und Stil-Ikonen des Fußballs denn so unvorstellbar? Der rebellische Lehmann büxt nachts über die Feuerleiter aus, um in Berlin am Hackeschen Markt noch schnell einen „Latte“ zu trinken. Leider bemerkt er nicht, wie Oliver Kahn aus seinem Hotelfenster mit der Handykamera alles mitfilmt, um sich mit diesem belastenden Material bei Klinsi die Nummer eins wiederzuholen. Teamgeist? So heißt im Moment höchstens der neue WM-Ball. „Da wo der Teamgeist mit Füßen getreten wird“ kann auch eine Art Motto sein.
Streitereien am Spielfeldrand
Tierisch nervend war auch dieser ewige Medien-Streit um Deutschlands Nummer eins. Komm Jens, ich hab hier noch so ein olles Retro-Motto für dich: „Der Klügere gibt nach!“ – Aaah, das hat uns doch auch immer unsere Grundschullehrerin vorgehalten, wenn man sich in der 4a um den Radierer gestritten hat. Wie wohltuend für alle wäre Lehmanns Statement gewesen: „Ist mir egal, wer von uns beiden bei der WM im Tor steht, der Bessere soll spielen, denn schließlich geht es doch um den Erfolg der Mannschaft!“ Dann wäre Arsenals „Liimään“ automatisch der Gewinner der Posse, bei allen gerühmt wegen seiner salomonischen Weisheit! Doch wir leben in einer Ego-Gesellschaft, so etwas ist heutzutage völlig out! So etwas machen höchstens die religiösen Brasilianer, dass sie dem anderen tatsächlich mehr gönnen als sich selbst – die haben ja auch alle „Jesus“ unter ihrem Trikot stehen, diese Vorgestrigen. Womöglich glauben die sogar auch noch daran, kaum auszudenken! Das einzig Dumme daran ist, dass die damit ständig Weltmeister werden und sogar den Confed-Cup gewinnen. Wie machen die das nur? Es kann doch nicht wirklich einen Fußballgott geben, dem sie huldigen, um sich nach vier Wochen Dauergebet mal wieder den Pokal zu holen – oder doch? Brasiliens Nationalspieler Lucio antwortete mir nach dem WM Sieg 2002, dass sie während der ganzen Weltmeisterschaft zu Gott gebetet hätten. Das sei der Schlüssel zum Erfolg gewesen! Bei Brasiliens WM-Sieg 1994 verriet Jorginho das brasilianische Erfolgsgeheimnis mit verblüffend ähnlichen Worten: „Wir haben während der WM gebetet und Gott hat uns erhört!“ So einfach ist das? Aber wenn auf der anderen Seite die Italiener oder die Deutschen auch beten, was dann ...? Paulo Sérgio, auch ein Weltmeister von 1994, ergänzt: „Wir haben gebetet, ,Gott, lass die Mannschaft Weltmeister werden, die dir die meiste Ehre gibt.‘“
Gebete auf dem Rasen
So ein ausgekochtes Schlitzohr, dieser Sérgio. Der wusste doch genau, dass Gott da keine andere Wahl mehr hatte, wo doch jeden Abend vor dem Spiel sieben brasilianische Nationalspieler zusammensaßen, um im Hotelzimmer mit Bibel, Gitarre (und Hähnchenschenkeln) Gottesdienst zu feiern. Wer könnte denn so viel Ehrerbietung und Hingabe noch toppen? Da hätten sich die Italiener um Baggio, Baresi und Co. noch 471 mal bekreuzigen können auf dem Spielfeld, wo Gott doch die aufrichtigen Gebete mehr liebt als fromme Gesten, oder?
Teamgeist ist eben gefragt oder wie die Gewinner von 2002 in Südkorea/ Japan zeigten: „Sieben Freunde müsst ihr sein.“ Keine elf, aber immerhin schon sieben Freunde, die damals nach dem 2:0 Finalsieg gegen die deutsche Elf ihre Trikots und somit das Erfolgsgeheimnis lüfteten: „Jesus loves you!“ Mit diesen göttlichen T-Shirts gingen sie dann vor Milliarden von staunenden Zuschauern auf die Ehrenrunde zugunsten ihres Sponsors und Trainers Jesus Christus. Interessant daran ist, dass kurz nach der Pokalübergabe sich nicht nur die sieben frommen Freunde, sondern das komplette brasilianische Team samt Trainerstab hinkniete, um vor der ganzen Welt sichtbar das Vaterunser zu beten. Das ist „Team-Geist“.
Die Suche nach dem richtigen Teamgeist
Um vier Wochen lang gegen die Besten der Welt bestehen zu können, braucht es eben einen gewissen Geist in der Mannschaft. Zumindest einen Teamgeist, der über mehr hinausgeht als das lustige Zuprosten auf dem Mannschaftsfoto vor dem obligatorischen Bitburger-Fass. Einen Teamgeist à la „Schweini und Poldi“. Die beiden gehen doch mit guten Beispiel voran, wie leichtfüßig und erfolgreich es sich spielen lässt, wenn man ein verschworener Haufen ist. – Ein echter Fußballgenuss, die beiden Freunde beim Confed-Cup im Sommer 2005: Traumpässe, Traumtore und sogar Traum-Jubelchoreographien lieferten uns die beiden.
Das Problem: Sie sind unter dem Bundesadler wahrscheinlich die einzig echten Freunde! Denn die anderen 20 Spieler steckten derweil bis auf Michael Ballack noch mitten in zähen „Verhandlungen“ um die restlichen Stammplätze. Was also tun, Herr Klinsmann? Vielleicht sollte der ehrgeizige Workshop-Schwänzer (wir lieben ihn gerade deswegen!) tatsächlich einen Erfolgs-Workshop zum Thema „Freunde sollt ihr sein“ einberufen. Denn Klinsis Antrittsmotto war ja stets: „Wir wollen lernen von den Besten.“ Von den Amis nehmen wir also die Fitness, selbst wenn es alberne Übungen mit Hüpfgummis sind. Von den Schweizern die Akribie, denn unter den Augen des ehemaligen Schweizer Fußballers Urs Siegenthaler findet die Spielbeobachtung und Analyse statt. Und von den Brasilianern nehmen wir einfach deren Erfolgsformel und werden alle „Freunde vor dem Herrn“. Pastor Jorginho könnte diesen Workshop leiten, wo er die Seleç o doch kürzlich mit seinen regelmäßigen Bibelkreisen im Spieler-Hotel auch zum Confed-Cup-Sieg geführt hat.
Bibelstunde beim Weltmeister
Am Abend vor dem Endspiel gegen Argentinien besuchte ich von Neugier gepackt – ich wollte es doch endlich einmal hautnah miterleben, wie die Brasileiros das machen, dass sie am Ende immer die von Gott Begünstigten sind – das Hotel der Brasilianer, um von Jorginho in die göttlichen Geheimnisse des Fußballs eingeweiht zu werden. Ich betrat also mit ehrfürchtig schweifendem Blick das Hotelzimmer des offiziellen Pastors der Seleç o, „Jorge de Amorim Campos“, genannt Jorginho. Ein Duft von Pizza, brasilianischer Seife und heißgelaufenen Köpfen lag in der Luft. Der ehemalige Bayern-Profi hatte gerade einen Bibelabend zum Thema „Freundschaft“ gehalten. In seiner großen Suite lagen noch die portugiesischen Bibeln herum, einige nur halb leer gegessene Teller und witzigerweise eine Michael W. Smith Worship-CD (die orangefarbene), zu der die Kicker-Kirchgänger gerade gesungen hatten. Jorginho hatte als Thema des Bibelkreises die Worte Jesu von der Freundschaft gewählt: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde!“ (Johannes 15,13) Also saßen nun Kaka, Zé Roberto, Lucio, Adriano und Co. zusammen, um darüber zu diskutieren, was Jesus ihnen damit wohl sagen wollte. Und warum ihm das Thema Freundschaft immer wieder ein so wichtiges war. ElfJünger – elf Freunde? Hat Sepp Herberger 1954 etwa christliches Gedankengut gestohlen? Zweifelsohne fiel bei dieser Diskussion das Thema auch auf die Mannschaft, die nun schon einige Wochen auf engem Raum zusammensaß und heiß darauf war, am nächsten Abend mit dem Pokal im Gepäck endlich nach Hause fliegen zu dürfen. Wer nun die grandiose Idee hatte, den wackeren Bibelkreis für das Finale mit Jesus-T-Shirts in allen Sprachen auszustatten, ist hier nicht überliefert. Wohl aber, dass es Lucios Idee war, die T-Shirts auch dann anzuziehen, wenn man das Spiel gegen den Erzrivalen Argentinien verlieren würde. Da war sie wieder: Diese unnachahmliche Art der Brasilianer, Gott zu beknieen. Viel mehr Demut und Ehrerbietung war ja wohl kaum möglich, als sogar dann noch Gott die Ehre geben zu wollen, wenn ausgerechnet der ungeliebte Klassenfeind, die langhaarigen Gouchos, den Pokal gewinnen würden. Wow! Und es hat wieder funktioniert: Brasilien siegt souverän mit 4:1 und alle Welt erfährt durch die T-Shirt-Missionare, dass Gottes Liebe am Ende immer siegt.
Die Bibel „immer im Gepäck“
Auch jetzt, beim größten Fußball-Turnier aller Zeiten, wird die gut gelaunte „Samba-Bibel-Gang“ wieder am Start sein, begleitet von Pastoren und wahrscheinlich auch wieder mit den richtigen Gebeten und T-Shirts ausgestattet. Hieße, dass uns Deutschen mal wieder nur die fröhliche Gastgeberrolle bliebe. Doch wer weiß, vielleicht bricht urplötzlich eine klinsmannsche Erweckung bei den Bundesadlern aus, so dass 23 verschworene Nationaltrikot-Träger zu besten Freunden werden und in sieben aufeinanderfolgenden Spielen vom heiligen Team-Geist beseelt, als Sieger vom Platz gehen. – Man wird ja wohl mal träumen dürfen! Denn immerhin haben zumindest Gerald Asamoah und Arne Friedrich laut Kicker-Fragebogen die Bibel bei der WM „immer im Gepäck!“ „Also, lieber Arne und Gerald, sucht euch noch ein paar Gleichgesinnte, erinnert den Bundestrainer an die christlichen Wurzeln unseres Landes und ich komm abends mit der Gitarre und der blauen Worship-CD vorbei!“ – Wäre doch gelacht, wenn spielerische Not nicht auch beten lehren würde!
David Kadel ist TV-Moderator, Kabarettist und Fußballfan der besonderen Art. Er porträtiert gern die unbekannten und christlichen Seiten internationaler Fußballstars. Mehr dazu unter: www.fussball-gott.com.
Ausgabe: Juni 2006






