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Wie wir die Zukunft gestalten können
Chancen und Herausforderungen für das Christentum von morgen
Wir Europäer werden immer weniger und weniger christlich – so scheint es zumindest. Welche Zukunft hat das Christentum? Welchen Herausforderungen werden wir uns stellen müssen, und welche Einflussmöglichkeiten haben wir? Interview mit Mark Greene, Direktor des London Institute for Contemporary Christianity
Neues Leben :: Was werden Ihrer Meinung nach in der Zukunft die größten Herausforderungen für die Menschen sein?
Greene :: Ich glaube, die größte Herausforderung für die Menschheit wird sein, unseren Egoismus zu überwinden. Besonders dann, wenn die Ressourcen knapper werden und wir uns, wie erst bei der Nahrungsmittelund der Finanzkrise geschehen, immer bewusster werden, wie stark wir weltweit vernetzt und voneinander abhängig sind. Wir werden über den Zugang zu Trinkwasser, Nahrung, Rohstoffen und den Klimawandel reden – aber die große Frage bei all diesen Themen ist meiner Meinung nach: Sind wir bereit, die Ressourcen gerecht zu verteilen. Ein anderes großes Thema ist das Wachstum des militanten Islam. Wenn sich der Westen noch weniger als bisher für die Situation der Ärmsten in den Entwicklungsländern interessiert, werden sie sich weiter von uns entfremden. Das wiederum kann dazu führen, dass sich der islamistische Extremismus in diesen Ländern verbreiten kann.
Neues Leben :: In den Nachrichten werden wir oft mit schlechten Nachrichten überschüttet: Terrorismus, eine Mutter, die ihr Baby hat verhungern lassen, Finanzmarktkrise. Wir fühlen uns macht- und hilflos. Sind wir denn machtlos?
Greene :: Sind wir machtlos, andere zu lieben? Denjenigen, denen es schlecht geht, zu helfen? Nein. In Großbritannien kümmert sich niemand mehr um Obdach- und Mittellose als die Kirche. Im Drogenentzug haben kirchliche Organisationen zum Beispiel zudem eine weitaus höhere Erfolgsquote als staatliche Einrichtungen. Auch wenn wir das Gefühl haben, dass alles den Bach runtergeht, denke ich, sollten wir doch die größere, eschatologische Perspektive nicht verlieren. Gott will, dass wir in unserem aktuellen Kontext im Rahmen unserer Fähigkeiten und Möglichkeiten und mit der Kraft seines Heiligen Geistes handeln. Wir können viele Entwicklungen nicht stoppen, aber wir brauchen ihnen nicht hilflos zuzusehen. Und wir können dafür beten, dass Gott eingreift.
Neues Leben :: Macht Gott eine klare Aussage dazu, was er von uns erwartet? Inwiefern sollen wir die Zukunft gestalten?
Greene :: Gott hat uns seine Erde anvertraut, damit wir sie nutzen und bewahren. Wir sollen ein Segen sein für die Menschen in unserer Umgebung und für unsere Welt. Ich glaube, dass wir dazu aufgerufen sind, Dinge, Werte, Ideen weiterzugeben und damit die Zukunft zu bauen. Das heißt, dass jede Generation ihr Wissen, ihre Erfahrungen an die nächste weitergibt. Wir tragen die Verantwortung dafür, darüber nachzudenken, wie unser heutiges Handeln das Morgen beeinflusst.
Neues Leben :: Jesus hat sich immer wieder gegen Armut und für Chancengleichheit und Gerechtigkeit eingesetzt. Ist das immer noch eine Kernaufgabe der Christenheit oder hat sie sich geändert?
Greene :: Ja, das ist sie, aber mir fehlt die globale Perspektive dafür. In Großbritannien gab es in den vergangenen Jahren eine Bewegung, um das Evangelium stärker mit sozialem Engagement zu verbinden. Das geht einher mit dem Bestreben, das gesamte Leben in Glaube und Mission zu integrieren, und dazu gehört auch, sich für die Armen einzusetzen. Ich glaube aber, dass viele Kirchen zurzeit nur ein Ziel haben: nämlich sich selbst zu erhalten. Sie schauen kaum über den Tellerrand hinaus.
Neues Leben :: Wie sieht die Kirche der Zukunft aus?
Greene :: Ich würde da gern eine Vision zeichnen von einer Gemeinde, die sich viel stärker engagiert und auf Christus fokussiert. Eine Kirche, wo Menschen Gemeinschaft finden und Impulse für ihr ganzes Leben, nicht nur für das Wochenende oder ihre Freizeit. Wo Menschen begleitet werden in ihrem Leben; wo sie füreinander in ihrem Alltag beten. Dazu gehört ein theologisches Verständnis, wonach Christus am Kreuz alle Menschen und die gesamte Welt einbezieht – das umfasst mehr als den sonntäglichen Kirchenbesuch, nämlich das gesamte Leben in jeder Situation und Umgebung. Unser Auftrag ist es, Jünger zu machen – das heißt, einander persönlich zu begleiten und zu unterstützen, in jedem Kontext, ob auf Arbeit, in der Schule oder in unserer Freizeit.
Neues Leben :: Unsere Gesellschaft erlebt einen demografischen Wandel: In Westeuropa gehen die Geburten zurück, die Bevölkerung wird immer älter, es kommen mehr und mehr Migranten aus anderen Kulturen dazu. Vor welche Herausforderungen stellen diese Entwicklungen die Gemeinde Christi?
Greene :: Einmal stellt sich die Frage der Integration: Wie heißen wir Fremde in unserer Kultur willkommen, geben ihnen soziale und legale Sicherheit sowie Chancengleichheit. Das ist besonders dann eine Herausforderung, wenn es wirtschaftlich nicht so gut geht. Die andere Frage ist, wie man das eigene Nationalbewusstsein bewahrt und gleichzeitig eine multikulturelle Gesellschaft bejaht. Diese Frage stellt sich nicht nur, wenn es um muslimische oder atheistische Einwanderer oder Einwanderer anderer Religionen und Wertmaßstäbe geht, sondern auch bei Christen. Wie integrieren wir zum Beispiel Christen aus Osteuropa oder Menschen, die auf der Suche sind, in unsere Gemeinden? In den 1950ern haben wir in Großbritannien dabei große Fehler gemacht, als viele Christen aus der Karibik in unser Land gekommen sind. Im Endeffekt gab es eine Spaltung und jetzt existieren Gemeinden mit vorwiegend farbigen Gemeindegliedern neben Gemeinden mit vorwiegend weißen Gemeindegliedern – und das spiegelt meiner Meinung nach nicht wirklich die Gemeinschaft der Christen, den Leib Christi, wider.
Neues Leben :: Muss sich das Christentum gegenüber anderen Religionen positionieren?
Greene :: Erst mal müssen wir uns darüber bewusst werden, dass sich das Christentum im Kern von anderen Religionen unterscheidet, weil der Heilige Geist uns von innen heraus verändert und damit befähigt, das Leben zu leben, zu dem wir berufen sind. Im Judentum ist die Kernbotschaft: Halte dich an die biblischen Gesetze. Im Islam heißt es: Wenn du tust, was von dir erwartet wird, wirst du errettet – oder auch nicht. Und im Hinduismus: Wenn du dieses Leben gut lebst, wird es dir im nächsten Leben, also nach der Wiedergeburt, besser gehen. Das sind alles externe Dinge, während der christliche Glaube von innen heraus wirkt. Und das müssen wir souverän, freundlich und respektvoll kommunizieren – ohne Arroganz, denn Christen sind anderen Gläubigen nicht einfach als Menschen überlegen. Christus ist perfekt, er ist allen überlegen, nicht wir.
Neues Leben :: Andere Religionen setzen andere Wertmaßstäbe. Sollten sich Christen dagegen positionieren?
Greene :: Es ist absolut richtig, sich gegen die Unterdrückung von Frauen, zum Beispiel im konservativen Islam, auszusprechen und auch gegen einen extremen Islam, der Christen verfolgt. Genauso sollten wir aber auch dagegen eintreten, wenn Frauen oder auch Männer in unserer westlichen Gesellschaft unterdrückt werden. Ich möchte stark davor warnen, uns in einen Kampf der Religionen zu verwickeln. Erstens haben die meisten Menschen in Westeuropa nicht eine andere, sondern gar keine Religion. Und zweitens wird die Religion – oft auch berechtigterweise – dafür kritisiert, Kriege zu stiften. Als Konsequenz hat Religion bei vielen Menschen keinen guten Ruf. Ich denke daher, wir müssen einen Weg finden, das Evangelium und unsere Wertmaßstäbe sowohl Muslimen als auch Atheisten in einer Weise zu vermitteln, die friedlich und doch klar ist.
Neues Leben :: Wie wird sich das Christentum der Zukunft entwickeln? Gibt es einen Trend?
Greene :: Das Problem ist, dass die Trendforschung nicht immer akkurat ist. In den 1960ern und -70ern hat man vorausgesagt, dass Großbritannien zu Ende des 20. Jahrhunderts komplett säkularisiert sein würde. Aber heutzutage geben Menschen in Studien an, dass sie regelmäßig beten und an eine spirituelle Realität glauben. Einige Trendforscher sagten vorher, dass es in China bald keine Christen mehr geben würde. Und tatsächlich, so stand eben erst im Economist, gibt es Quellen, die ihre Anzahl auf 130 Millionen schätzen – das ist ein Zehntel der Gesamtbevölkerung! Der Trend ist also eher, wenn man so will, dass der spirituelle Instinkt des Menschen nicht unterdrückt, sondern stärker freigesetzt wird. Und das liegt meiner Meinung nach daran, dass die Menschen in der Gesellschaft heute nicht mehr die Antworten auf ihre dringendsten Fragen finden. Ich weiß nicht, ob Deutschland schon an diesem Punkt ist. Aber die Briten sind am Ende ihrer Ideen und haben die aktuelle Situation gründlich satt. Wir haben die dritthöchste Scheidungsrate und die höchste Rate an Teenager-Schwangerschaften in der Europäischen Union sowie ein großes Drogenproblem. Unsere Kinder sind die unglücklichsten unter 21 Vergleichsländern und unseren Erwachsenen geht es, wie die Weltgesundheitsorganisation angibt, zweimal so schlecht wie dem durchschnittlichen Europäer. Unsere Form des Kapitalismus hat aber auch nicht dieselbe Sozialethik wie in Deutschland oder Frankreich.
Neues Leben :: Studien haben ergeben, dass Jugendliche unter großer Zukunftsangst leiden. Wie können wir unseren Kindern Zuversicht vermitteln?
Greene :: Ich denke, was alle jungen Menschen brauchen, ist ein tiefes Verständnis dessen, wer Gott ist. Dass er verlässlich ist und sie nicht alleine lässt, weder jetzt noch in der Zukunft. Und zweitens, dass sie nicht allein sind auf ihrem Weg, sondern dass andere Menschen sie begleiten, dass also eine Gemeinschaft von Christen hinter ihnen steht, in guten und in kritischen Zeiten. Das Wissen, nicht allein dazustehen, stärkt das Vertrauen in die Zukunft.
Interview: Katrin Arnholz
Ausgabe: Dezember 2008
Zur Person
MARK GREENE
Mark Greene, 53, ist Direktor des London Institute for Contemporary Christianity. Er hat zehn Jahre bei der Werbeagentur Ogilvy&Mather gearbeitet, davon sieben Jahre in New York. Greene, der Hebräisch, Medienkommunikation und Theologie studiert hat, unterrichtete an der Columbia Business School in New York, an der London School of Theology und ist Autor zahlreicher Bücher, unter anderem „Thank God it’s Monday“. Greene lebt mit seiner Frau, seinen drei Kindern und seinem Hund in London.
DAS INSTITUT
Das London Institute for Contemporary Christianity wurde 1982 von John Stott gegründet. Der Brite und prominente evangelikale Theologe wird vom amerikanischen Magazin „Time“ zu den 100 einflussreichsten Menschen des 20. Jahrhundert gezählt. Er war maßgeblich an der Ausarbeitung der Lausanner Verpflichtung zur Weltevangelisation 1974 beteiligt, hat über 50 Bücher veröffentlicht, war Vorsitzender der Britischen Evangelischen Allianz und lange Jahre Pastor in London. Das Institut beschäftigt sich mit aktuellen Fragen der Gesellschaft und Christenheit und setzt sich dafür ein, Menschen in ihrem Alltag zur aktiven Nachfolge zu befähigen. www.licc.org.uk






