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König der Lüfte trotz Höhenangst
Weltklasse-Skispringer Andreas Widhölzl über seine schönsten Höhenflüge
Interview: Stefan Rüth
Er war der beste Adler im Team: Andreas „Swider“ Widhölzl. Mit 18 Weltcupsiegen gehört er zu den erfolgreichsten österreichischen Skispringern der Weltcup- Geschichte. Exakte Sprünge sind dem heute 33-Jährigen allerdings nicht nur von der Schanze wichtig. Auch im Glauben und in der Familie ist er punktgenau gelandet.
Neues Leben :: Herr Widhölzl, gerade mal anderthalb Jahre nach dem Ende Ihrer Karriere erscheinen Ihre Memoiren. Hatten Sie es eilig, etwas loszuwerden?
Widhölzl :: Nein, überhaupt nicht (lacht). Im Grunde hatte ich nie vor, ein Buch zu schreiben. Aber dann kam der Verlag auf mich zu, und so kam es dann doch dazu.
Neues Leben :: Dennoch hat man den Eindruck, Andreas Widhölzl schreibt sich hier etwas von der Seele.
Widhölzl :: Für den Leser ist es immer spannend und interessant, wenn man persönlicher wird und etwas von sich preisgibt. Doch wer an Skandalen interessiert ist, wird nicht fündig werden. Das Buch beschreibt einfach mein Leben, von Klein auf bis zum Ende meiner Karriere.
Neues Leben :: Gleich zu Anfang bekennen Sie, an Höhenangst zu leiden. Ist das für einen „Adler“ nicht untypisch?
Widhölzl :: Natürlich denken das viele. Ich unterscheide allerdings zwischen Skispringen und Höhenangst. Jedes Mal wenn ich auf dem Sprungturm stand und auf der Seite hinunterschaute, an der sich nicht die Anlaufspur befand, war das schlimm für mich. Da hatte ich kein gutes Gefühl. Die andere Seite war mir immer angenehmer. Da wusste ich, hier rutschst du schlimmstenfalls über die Schanze und plumpst am Ende runter.
Neues Leben :: Was geht einem eigentlich durch den Kopf, wenn man mit 90 Stundenkilometern die Schanze hinunterrast und springt?
Widhölzl :: Beim Springen nimmt man die Geschwindigkeit gar nicht so schnell wahr. In dem ganzen Ablauf steckt einfach viel Routine. Nur beim Skifliegen ist der Respekt etwas größer. Von den großen Schanzen zu springen, mit Weiten über 200 Meter, lässt sich das Jahr über kaum trainieren. Da ist es einem vor dem ersten Sprung schon etwas mulmig zumute. Ist der vorbei, ist das Ganze auch schon wieder gut. Man denkt gar nicht so viel drüber nach, dass etwas passieren könnte.
Neues Leben :: Auch nicht als Familienvater?
Widhölzl :: Angst in dieser Form hatte ich nie. Die Kinder ließen mich da auch nicht vorsichtiger werden. Ich bin eh der Typ, der generell sagt, er muss nicht alles mitmachen. Wenn mir das Springen aufgrund der Wetterbedingungen zu gefährlich erschien, hatte ich den Mut, das zu sagen. Es ist wichtig, sich da selbst gegenüber verantwortlich zu sein und nicht den anderen Springern oder dem Internationalen Skiverband.
Neues Leben :: Sie gelten als ehrlicher Typ, der sagt was er denkt.
Widhölzl :: Bei mir gibt es zwei Seiten: Die Zeit, bevor ich den Glauben für mein Leben entdeckte, und die Zeit danach. Früher habe ich mir über Ehrlichkeit nicht so viele Gedanken gemacht. Durch den Glauben sind mir aber einige Dinge bewusst geworden. Ich fragte mich beispielsweise, ob ich als gläubiger Mensch überhaupt erfolgreich sein könnte. Denn im Spitzensport bewegt man sich oft in Graubereichen. Manches ist nicht unbedingt ein Regelbruch, aber eben ein Graubereich. Wie geht man damit um? – Geholfen haben mir da unter anderem erfolgreiche Sportler, die auch Christen sind. Und ich fand heraus, dass es möglich ist, mit all den Graubereichen Profisport zu betreiben. Das hat mich beruhigt.
Neues Leben :: Wollten Sie immer schon an die Spitze?
Widhölzl :: Der Wunsch war lange da. Schon als Kind! Skispringer zu werden war einfach mein Traum. Doch wie es sich entwickelt, ist im Voraus schwer zu sagen. Das Feld ist groß, und es kommen nur sehr wenige an die Spitze. Dass ausgerechnet ich dabei sein durfte, machte mich schon damals froh und glücklich und tut es auch heute noch.
Neues Leben :: Ein bedeutender Höhepunkt Ihrer Karriere war der Sieg in Innsbruck im Rahmen der Vierschanzentournee zur Jahrtausendwende. Sie gewannen als erster Tiroler überhaupt das Springen am Bergisel. Hatten Sie damit gerechnet?
Widhölzl :: Ich wusste, ich bin gut in Form. In Oberstdorf wurde ich Dritter und das darauffolgende Springen in Garmisch-Partenkirchen hatte ich gewonnen. Die Ausgangslage war also gut. Doch ich wusste auch, Innsbruck brachte in der Vergangenheit schon für viele aussichtsreiche Gesamtsie- ger den Wendepunkt. Von daher war ich sehr aufgeregt. Natürlich motivierte es mich, in Österreich vor heimischem Publikum zu springen. Aber ich spürte auch den Druck. Schließlich war viel drin für einen Tiroler – Innsbruck wie auch der Gesamtsieg. Nach dem ersten Springen, ich war der Führende, wurde ich noch nervöser. Noch nie zuvor hatte es ein Tiroler geschafft, am Bergisel zu gewinnen. Und dann bin ich recht gut gesprungen und habe gewonnen.
Neues Leben :: Später wurden Sie auch mit dem österreichischen Team Weltmeister und Olympiasieger. Was war der schönste Moment Ihrer Karriere?
Widhölzl :: Die Vierschanzentournee gewonnen zu haben, bedeutet mir sehr viel. Natürlich sind auch Olympiasiege und Weltmeisterschaften hoch anzusehen. Allerdings hängen diese Wettkämpfe von der Tagesform ab. Wenn man fit ist, hat man eine Chance auf den Sieg. Bei der Vierschanzentournee hingegen kommt es auf eine konstante Topleistung an.
Neues Leben :: Was ist Ihre „Vierschanzentournee“ im privaten Bereich?
Widhölzl :: Meine Familie – dass ich mit meiner Traumfrau zusammen bin, sie gefunden und geheiratet habe, und dass wir drei ganz tolle Kinder haben. Mit 17 haben Kathrin und ich uns kennengelernt. Von da an haben wir immer aufeinander geschaut und uns gemeinsam in eine Richtung entwickeln dürfen – das ist auch eine konstante Topleistung.
Neues Leben :: Sie haben einmal gesagt: „Ich werde nicht erlauben, dass mein Privatleben unter den sportlichen Erfolgen leidet.“ Wie haben Sie das umgesetzt?
Widhölzl :: Nach den Wettkämpfen habe ich anderen zu verstehen gegeben, dass ich nun gerne bei meiner Familie sein möchte. Mir war es immer wichtig, so viel Zeit wie möglich mit ihr zu verbringen. Pressetermine und sportliche Verpflichtungen habe ich daher auf ein Minimum reduziert. Ich habe also nicht jedes Interview mitgemacht oder Storys über mein Leben zu Hause zugelassen. Da war ich immer der Letzte, der sein Ja dazu gegeben hat.
Neues Leben :: Welchen Anteil hat Ihre Familie an Ihrem Erfolg?
Widhölzl :: Kathrin und die Kinder sind mit verantwortlich dafür, dass ich über eine so lange Zeit erfolgreich war. Sie haben mich davor bewahrt, hochnäsig zu werden, haben mir zugehört und mir gezeigt, dass es noch etwas Wichtigeres gibt als den Sport. Wenn es nicht gut lief, waren sie für mich da und haben mich aufgebaut – vor allem Kathrin.
Neues Leben :: Über Ihre Frau fanden Sie auch zum Glauben. Wie kam es dazu?
Widhölzl :: Genauer gesagt war ihre Tante dafür ausschlaggebend. Sie hat uns immer wieder von Gott und von Jesus erzählt. Ihr war das ein ganz starkes Bedürfnis. Zuerst hörte ich nur still zu. Meine Frau aber war offener und interessierter. Von Gespräch zu Gespräch fing da an, etwas zu wachsen. Und irgendwann haben wir bei einem Pastor gesessen und Bibelabende angefangen. Das war für mich der Punkt, das Ganze zu prüfen und zu hinterfragen. Vor fünf Jahren war es dann klar!
Neues Leben :: Was hat der Glaube neben der Ehrlichkeit bei Ihnen verändert?
Widhölzl :: Zuerst gar nicht so viel, zumindest habe ich das so wahrgenommen. Andere hingegen haben da mehr gespürt. Sie sagten, ich sei viel ruhiger und gelassener geworden. Das habe ich dann irgendwann auch an mir selber festgestellt. Gedanken über Erfolg oder Misserfolg bereiteten mir nicht mehr so viel Stress. Beides gehört halt zum Leben eines Profisportlers dazu. Aber ich wusste, Skispringen ist nicht mehr das Wichtigste in meinem Leben.
Neues Leben :: Sie mussten schließlich nach 15 Jahren wegen gesundheitlicher Probleme Ihre Karriere beenden. Ist Ihnen das schwer gefallen?
Widhölzl :: Nein, die Entscheidung aufzuhören, hatte sich immer mehr abgezeichnet. Nach den Olympischen Spielen in Turin 2006 hatte ich zunehmend Leistenprobleme. Ein Jahr später beeinträchtigten mich die Beschwerden so sehr, dass ich operiert werden musste. Der Eingriff verlief gut, die Saison weitaus weniger. Da war es dran, die Entscheidung zu fällen. Und ich merkte, ich hatte einfach keine Energie mehr, mich für den Sport aufzuopfern. Die Zeit war also dran für was Neues.
Neues Leben :: Am 27. Dezember startet die 58. Internationale Vierschanzentournee. Werden Sie die Tournee live verfolgen?
Widhölzl :: Nur in Innsbruck, allerdings beruflicher Art. Für einen Werbepartner veranstalte ich dort eine Schanzenführung. Meist verbinde ich den Ausflug nach Innsbruck mit einem Besuch bei den Athleten. Einfach um mich auf den neusten Stand zu bringen. Natürlich wäre es interessant, die Wettkämpfe mal von der Tribüne zu erleben. Bisher hatte ich ja nur die Perspektive von oben. Aber daheim mit der Familie vor dem Fernseher – das hat auch was, das ist einfach gemütlicher. Interview:
Ausgabe: Winter 2009
Zur Person
GOLDENER ADLER
„Swider“, wie Andreas Widhölzl (33) von Kollegen und Fans genannt wird, zählt zu den erfolgreichsten österreichischen Skispringern. In der Saison 1999/2000 gewann der Tiroler die Vierschanzentournee, verpasste aber den Weltcupgesamtsieg hinter dem Deutschen Martin Schmitt. Mit dem österreichischen Team erreichte er bei den Olympischen Spielen 1998 in Nagano Bronze, wurde 2005 Doppelweltmeister und gewann Olympiagold in Turin 2006. Im vergangenen Jahr beendete er seine Karriere.
FAMILIENMENSCH
In seiner Autobiographie „Mein Höhenflug“ (Hänssler) schreibt Andreas Widhölzl nicht nur sehr persönlich über sportliche Höhen und Tiefen, sondern gewährt auch Einblicke in die Familie. Zeit mit seiner Frau Kathrin und den Kindern Jana, Noah und Elea zu verbringen ist dem 33-Jährigen sehr wichtig. Seine Termine drum herum füllt er mit seiner Internet-Verkaufsagentur, einer Ausbildung zum Sozialpädagogen sowie dem Engagement als Skisprung-Trainer.



















