Magazin :: Sonderausgabe Partnerschaft


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Bauen Sie die Liebesbrücke

Warum eine glückliche Partnerschaft nicht nur ein Wunder ist


Von Dieter und Vreni Theobald


„Immer mehr Scheidungen“ titelte eine Tageszeitung zur Jahreswende. Ausgerechnet am so genannten „Fest der Liebe“ kredenzte man uns die aktuellen Scheidungszahlen: „Im Jahr 2004 kamen auf 100 Hochzeiten statistisch 45,5 Scheidungen – Zuwachsrate: 6,8 Prozent. Über die Hälfte der geschiedenen Ehen hatte 2004 weniger als zehn Jahre gehalten. Die meisten Scheidungen (knapp 7 Prozent) erfolgten im sechsten Ehejahr. Aber auch lang dauernde Ehen werden häufiger geschieden: Der Anteil der Scheidungen von Ehen, die länger als 30 Jahre dauerten, hat sich seit 1970 von drei auf 6,3 Prozent erhöht.“ Das waren die Zahlen für die Schweiz. Aber auch in Deutschland hält der Trend zunehmender Scheidungshäufigkeit an: Wurden in den 70er-Jahren rund 15 von 100 bestehenden Ehengeschieden, waren es zu Beginn der 90er-Jahre schon doppelt so viele. Heute erreicht die Anzahl ebenfalls die 45 Prozent-Marke.

Ist die Ehe am Ende?


Hat das „Modell Ehe“ ausgedient? Lassen sich die alten Werte von lebenslanger Gemeinschaft, Verbindlichkeit, Treue und gegenseitiger Liebe, Wertschätzung und Fürsorge überhaupt noch vereinbaren mit unserem modernen, flexiblen und mobilen Leben? Kann sich die in der Ehe nötige Anpassung und Rücksichtnahme noch durchsetzen gegenüber dem Trend zur Individualisierung und Selbstverwirklichung? Paradoxerweise ist der Wunsch nach einer glücklichen Partnerschaft groß. In allen Umfragen unter jungen Menschen liest man von ihrer Sehnsucht nach einer Beziehung, die genau diese „alten Werte“ beinhaltet. Ob Jung oder Alt, wir alle hegen eine tiefe Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu einem anderen Menschen, nach Annahme und Geborgenheit, danach geliebt zu werden und Liebe zu verschenken. Wir möchten ein Zuhause finden im Herzen eines anderen Menschen und mit ihm gemeinsam das Leben gestalten. Dabei setzen wir Glück oft gleich mit einer Partnerschaft. Die Realität jedoch lehrt uns, dass Partnerschaften zum „zerbrechlichen Glück“ gehören. Häufig sind wir völlig unfähig, das zu leben, was wir so gerne möchten: dauerhafte, gute, echte und herzliche Beziehungen.

Woher kommt diese Unfähigkeit?

Warum scheitern heute mehr Beziehungen als noch vor 30 Jahren? Verfügten unsere Eltern und Großeltern etwa noch über größere Beziehungskompetenzen als wir? – Ehekrisen gab es sicher zu allen Zeiten. Unsere Großeltern waren als Eheleute wohl kaum besser, als die Menschen heute. Aber der Eherahmen war fester gefügt, die Rollen von Mann und Frau traditioneller verteilt, der Aspekt der Versorgung stand im Vordergrund und der Anspruch auf Selbstentfaltung war geringer. Es gab auch viel weniger Möglichkeiten, sich zu trennen – aus familiären, finanziellen, gesellschaftlichen oder religiösen Gründen. Vermutlich spielten in Gedanken auch manche mit einer Trennung, aber die Konsequenzen einer Scheidung waren groß und die gesellschaftliche Ächtung hoch. So hielt man – leise oder laut leidend – miteinander durch.

Gute Ehen sind nicht nur Wunder


Heute braucht man sich seiner Schwierigkeiten in der Ehe eigentlich nicht mehr zu schämen. Es grenzt eher an ein Wunder, wenn man keine hat. Dieses Ehewunder ist aber kein „Sechser im Lotto“, den einige Wenige zufällig geschenkt bekommen, während andere leer ausgehen. Im Gegenteil: Man kann einiges zum Gelingen dieses Wunders beitragen. Denn: Ehe ist lernbar! Auf einer Karte lasen wir einmal den weisen Spruch: „An der Brücke zueinander müssen beide bauen, am besten von beiden Seiten.“ – Diese Brückenbauarbeit wird in der Ehe ein ganzes Leben lang fortgeführt. Beide Partner tragen für das Gelingen dieser Brücke die Verantwortung. Auch wenn der Beitrag zum „Ehebau“ nicht immer von beiden im gleichen Maß erbracht wird, braucht es doch zumindest die Sicht des Bauherrn und der Bauherrin für die gemeinsame Aufgabe und die Einsicht, das zu beachten, wertzuschätzen und dankbar anzunehmen, was der jeweils andere an Beziehungseinsatz leistet. Riskant hingegen ist es, die Werkzeuge irgendwann einfach aus der Hand zu legen. Denn sich nur an die Wohltaten einer gut funktionierenden Ehe zu gewöhnen, lässt den Bau mit der Zeit ermüden und verwittern. Die Situation wird freud- und glanzlos. Ermüdet von der Ehe sehnt man sich dann nach neuen Begegnungen und Überraschungen, die wieder lebendig machen und Bestätigung geben. Mancher Seitensprung geht so auf das Konto einer Arbeitsniederlegung am Ehebau.

Wie sieht wertvolle Beziehungsarbeit aus?

Ehepartner müssen also bereit sein, die Ehe als ein gemeinsames Unternehmen anzusehen, in das es sich lohnt, zu investieren. So gehören beispielsweise Sitzungen in jeder Firma zum normalen Arbeitsablauf. Wer sich nicht mit den anderen abspricht, findet im Team keine gemeinsamen Arbeitsziele. Die Folge: Man arbeitet oder wurstelt aneinander vorbei. Auch das Unternehmen Ehe braucht „Sitzungen“, das heißt eingeplante Zeiten, in denen man sich gemeinsam über die verschiedenen Vorhaben und Anliegen austauscht. Die einzelnen Bereiche der „Ehefirma“ müssen dabei im Auge behalten und von Zeit zu Zeit unter dem Aspekt: „Stimmt es so noch für uns?“ angeschaut und durchgesprochen werden. Dazu gehören:

Das gemeinsame Zuhause
Fühlen wir uns beide in unseren vier Wänden wohl, weil eine warmherzige und gute Atmosphäre herrscht? Braucht es Veränderungen, Neuanschaffungen, Reparaturen oder Zeit zum Ordnen? Stimmt die Verteilung der Haushaltsaufgaben zwischen Mann und Frau?

Die Partnerschaft

Sind wir füreinander da? Stimmt unsere Gesprächskultur? Akzeptieren und würdigen wir einander in der Verschiedenartigkeit von Mann und Frau und in der Unterschiedlichkeit unserer Charaktere und Bedürfnisse? Leben wir unsere Sexualität so, dass jeder zufrieden und befriedigt ist? – Falls nicht: Was könnten wir unternehmen, um das zu ändern? Wo wäre Hilfe oder ein Gespräch möglich? Pflegen wir Kontakte zu Freunden und Verwandten in einem Rahmen, der für uns stimmt? Achten wir auf genügend gemeinsame Freizeit und Aktivitäten? Haben wir auch Spaßmomente oder gehen wir fast unter in Pflichterfüllungen?

Die Verwaltung
Stimmen unsere Finanzen noch? Wer ist zuständig für Haushaltspläne, Schreibarbeiten, Versicherungen, Vorsorge, etc.? Wird das vom anderen Partner auch anerkannt und gedankt?

Die Familie und Kindererziehung
Was freut uns an unseren Kindern – woran leiden wir? Nehmen wir als Eltern die Verantwortung gegenüber unseren Kindern gemeinsam wahr? Tauschen wir uns über Familienfragen, -probleme und -projekte genügend aus? Reden und beten wir für und mit unseren Kindern? Pflegen wir trotz der Elternschaft unsere Beziehung?

Wenn man miteinander über diese wichtigen Fragen reden kann, hat man bereits sehr viel erreicht für eine tragfähige, gesunde Ehe. Versinken Sie aber bitte nicht in Trauer oder Wut, wenn Ihr Partner bzw. Ihre Partnerin nicht mitmacht. Solch tiefgehende Gespräche gelingen nicht auf Anhieb. Es braucht dazu eine entspannte Atmosphäre mit einem wohlwollenden, wertschätzenden Umgangston. Wenn der andere im Voraus weiß, dass die Fragen nur dazu dienen, Vorhaltungen und Unzufriedenheit zu äußern, wird er kaum freiwillig zuhören. Für ein gutes Miteinander muss man den anderen immer wieder gewinnen. Trotzdem: Manchmal kommt es in der Ehe aber auch vor, dass man eine kürzere oder längere Wüstenstrecke allein durchmarschieren muss, sich klammernd an die Hoffnung auf eine Wende und Erneuerung der Beziehung. Doch Liebe kann man lernen: Die wichtigsten Faktoren für eine gelingende Partnerschaft präsentieren Ihnen fünfzehn Eheexperten in diesem Heft (S. 32).

Gott als Helfer

Besondere Auswirkungen auf das Unternehmen Ehe hat der gemeinsame Glaube an Gott. Haben sich Mann und Frau mit ihrem Leben ihm anvertraut, leben beide auf und aus dem großen „Ja“ Gottes über ihrer Ehe. Das ist ein wunderbares Fundament und schenkt im Alltag wie in Krisenzeiten einen festen Boden unter den Füßen. Sich gemeinsam aktiv an Gott und dem Glauben auszurichten, ermöglicht nicht nur einen größeren Konsens in Werten und Ansichten, es erleichtert vieles. Denn das Ehepaar hat mit Gott einen starken Verbündeten an der Seite. Im Gebet können sie sich an ihn wenden, Kummer und Sorgen abgeben oder einfach das Herz ausschütten. Außerdem halten Gottes Liebe und Barmherzigkeit, die beide Partner jeweils in ihrem persönlichen Leben erfahren haben, das „Eheherz“ weich und vergebungsbereit. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt für das Miteinander! Denn wo man miteinander lebt, wird man auch aneinander schuldig. Und überall dort, wo Vergebung und Versöhnung nicht als normaler Lebensstil praktiziert werden, finden Herzensverhärtungen, Verletzungen, Rückzug und Einsamkeit ihren Nährboden. Viele Beziehungen gehen daran zu Grunde. Vergebung aller-dings, die man persönlich durch Jesus Christus empfangen und erfahren hat, motiviert trotz Verletzungen wieder auf den anderen zuzugehen. Diese Erkenntnis und Gottes Hilfe sind oft der erste Schritt, Mauern des Schweigens zu durchbrechen und seinem Partner zu vergeben (Kolosser 3,13).

Spannungsfaktor Glaube

Trotz allem Positiven: Ein falsch verstandener Glaube kann auch Probleme auslösen. Zum Beispiel durch außergewöhnliche Biografien, idealisierende Ehebücher oder Predigten, die Erwartungen an die Ehe oder den Partner aufkeimen lassen, die überhöht sind und im normalen Alltag nicht gelebt werden können. Oder wir stoßen mit unseren frommen Vorstellungen auf unsere menschliche Begrenztheit an Zeit und Kraft. Konfrontiert mit unserer eigenen Bequemlichkeit oder mit der Unreife und dem Unvermögen des Partners, können schnell Spannungen entstehen, beispielsweise durch folgende Situationen: Man hat sich vorgenommen, miteinander zu beten. Aber man scheut sich, die tiefsten Anliegen und die Gottesbeziehung voreinander zu offenbaren. Oder es gibt Differenzen, die eigentlich bereinigt werden müssten, und für den Augenblick ein gemeinsames Gebet blockieren. Es kann sein, dass sich beide einig im Glauben an Gott sind, aber uneins in theologischen Fragen oder der Gemeindezugehörigkeit. Vielleicht ist einer der Partner dem anderen im Glauben „voraus“. Da entsteht die Gefahr von Druck, damit der andere auch nachkommt, und Glaubensschritte nachvollzieht. Aber Druck blockiert.

Glaubensfragen sind etwas sehr Persönliches und Sensibles. Jeder Mensch hat seine eigene Gottesbeziehung. Unklug gelebte Glaubensforderungen können daher zu einem Hindernis für Vertrauen in der Ehe werden. Daher können und dürfen wir einander nicht drücken, beschämen, fordern oder kontrollieren. Gott selbst lässt den Menschen ja auch die Freiheit, ihn zu wählen und zu lieben – oder sich seinem Liebesangebot gegenüber zu verweigern. Darum gilt auch in der Ehe dieser Respekt dem Partner in Glaubens- wie in Beziehungsfragen. Wir können als Ehepartner nur liebevoll hinhören, Anteil nehmen, für den anderen beten, einander einladen und ihn oder sie durch Liebe gewinnen. Das ist sicher die größte und zugleich herausforderndste Arbeit am Bau unserer Brücke – dem Wunder jeden Tag neu die Hand entgegenzustrecken und zu vertrauen!

 

Dieter und Vreni Theobald sind seit 40 Jahren verheiratet und leben in der Schweiz. Beide sind gefragte Berater, Referenten und Autoren zum Thema Partnerschaft und Familie.

Sonderausgabe Mai 2010